Panik auf dem Boulevard Familienministerium öffnet Tür zu Sex-Sites

"Familienpolitiker von CDU und FDP sind entsetzt." Und die "Bild" ist noch viel entsetzter: "Familienministerin vermittelt Callboys", schreibt das Boulevardblatt und enthüllt gnadenlos Christine Bergmanns vermeintliche Nebentätigkeit als Kupplerin.

Von Dominik Baur


Eine Fundgrube für die "Bild"-Zeitung war der Link zu www.powercat.de auf der Homepage des Frauenministeriums. Unter der Rubrik "Links des Monats" fand sich beim Ministerium der SPD-Politikerin Christine Bergmann auch der Link zu diesem speziellen Suchkatalog für Frauen. Der wiederum beinhaltete - die flinken "Bild"-Redakteure fanden es sofort heraus - eine Rubrik "Im Schlafzimmer" und, und, und... Ein paar Links später fanden sich die investigativen Journalisten auf den wildesten Hardcore-Seiten und wussten, was am nächsten Tag in ihrer Zeitung stehen würde.

Unter sechs Bildern von jungen Mädchen in lasziven Posen, erregt sich die Zeitung: "...sie führen auch zu Seiten mit Teenie-Sex". Und dann wird alles schön bis ins Detail beschrieben - von einem Erotikshop, zu dem man über den Katalog kommt und der Dildos in Delfinform verkauft, bis zu einer Seite, die mit "sehr jungen Mädchen (unter 19)" wirbt. Dass es wohl fast keinen Suchkatalog im Netz gibt, von dem man nicht über sechs Klicks - und so viel brauchten die "Bild"-Leute - zu solchen Websites gelangt, das verschweigen die Journalisten.

Christine Bergmann
AP

Christine Bergmann

Die Homepage des Frauenministeriums hat den umstrittenen Link inzwischen aus dem Angebot genommen. Bergmann sagte, es sei zu spät bemerkt worden, dass sich über den Suchkatalog "Powercat" auch Sexseiten erreichen ließen. Alle Links des Internet-Angebots des Frauenministeriums würden jetzt nochmals überprüft.

Von Oppositionsseite wurde die Empörung der "Bild" sofort geteilt: Maria Böhmer, stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, wird zitiert: "Ich war entsetzt, als ich feststellte, dass man über die offizielle Behörden-Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Zugang zu harten pornografischen Sites im Internet hat. Dies ist ein erschreckender Vorfall für das Ministerium von Frau Bergmann und konterkariert die Bemühungen für mehr Jugendschutz." Auch der dem Parteinamen nach liberale Politiker Jürgen Koppelin ereifert sich in der "Bild": "Es ist ein unglaublicher Skandal, dass ausgerechnet die für Jugendschutz und Frauen zuständige Ministerin den Zugriff auf übelste Sex- und Pornoseiten im Internet eröffnet. Die Ministerin und ihr Haus müssen zur Rechenschaft gezogen werden."

Dabei wäre alles so einfach. Um Sex-Angebote eindeutiger Natur zu bekommen, benötigen Freunde solcher Offerten weder das Internet noch das Frauenministerium. In der "Bild" ein paar Seiten weitergeblättert, und dem Leser wird in Kleinanzeigen ein reichhaltiges Angebot an käuflichem Sex präsentiert: Von der "heißen Nummer für scharfe Finger" über die 18-jährige Sandra, die "scharfen Sex" anbietet, bis hin zu "tollen älteren Damen", gibt es dort alles, was das "Herz" begehrt.

Und wer's unbedingt im Internet haben will: Auf der Homepage der CDU beispielsweise gibt es zahlreiche Links zu Suchmaschinen. Einmal das Wort "Sex" eingetippt, und man erhält eine entsprechende Auswahl an Websites. Bei www.bild.de gibt es außer dem Link zu einem Suchkatalog auch noch die "Sexy News" im eigenen Angebot.



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