Papandreou beim BDI Mister Krise färbt schön

Keine Kritik, kein Insolvenz-Gerede - bei seinem Auftritt vor den Spitzen der deutschen Industrie wird der griechische Premier Papandreou äußerst herzlich empfangen. Er dankt es mit praller Zuversicht in Sachen Schuldenkrise. Seine Botschaft: "Yes, we can!"

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Berlin - Ach, wenn die Welt doch nur immer so nett zu ihm wäre. "Herzlich willkommen!" darf der Premier schon über dem Eingang lesen, "Herzlich willkommen!" heißt es auch auf der großen Bühnenleinwand, das feine Publikum strömt pünktlich ins Plenum, aus den Boxen schallen Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Georgios Papandreou lächelt, die Häppchen schmecken, die Bosse klopfen ihm auf die Schulter.

Papandreou ist nach Berlin gekommen, was für einen griechischen Premier in diesen Tagen erst mal kein ganz angenehmes Pflaster ist. Wie überall in Europa wächst auch hierzulande täglich der Frust, dass das Land im Süden trotz üppiger Milliardenpakete noch immer am Abgrund steht. Aber bevor Papandreou am Abend mal wieder von der Kanzlerin ins Gebet genommen wird, darf er wenigstens noch bei der Jahrestagung des Bundesverbands der Deutschen Industrie vorbeischauen. Als "Ehrengast". Ein angenehmer Termin, ausnahmsweise mal.

Es ist nicht so, dass die Spitzen der deutschen Wirtschaft von Natur aus große Fans von sozialistischen Regierungschefs wären. Aber politische Spitzfindigkeiten können sie sich gerade nicht leisten. Deutschlands Bosse müssen auf Papandreou setzen, denn sie wissen: Fällt Griechenland, fällt womöglich der Euro, und damit die Möglichkeit für ihre Unternehmen, billig zu exportieren. Ein Horrorszenario.

"Wir müssen zusammenstehen in dieser existentiellen Krise", ruft BDI-Präsident Hans-Peter Keitel denn auch dem Gast aus Athen entgegen. Keitel lobt den "großen Mut", den der Premier mit seinen Sparanstrengungen zeige, wirbt für das historische Projekt Europa und erinnert an die griechische Mythologie mit ihren großen Helden und deren "sagenhaften Aufgaben", was wenig einfallsreich ist, aber bei Papandreou und den Zuhörern offensichtlich gut ankommt. Er lächelt, die Damen und Herren im Berliner Congress Center klatschen. Warum sollte nicht auch er einer dieser Helden werden?

Kein Kommentar zur deutschen Innenpolitik

Diese Veranstaltung, das wird schnell klar, soll vor allem eins: Optimismus verbreiten, Stärke demonstrieren. Papandreou ist nicht gekommen, um als Bettler aufzutreten oder den Kotau zu machen. Vielleicht liegt das daran, dass er morgens schon weiß, was sein Finanzminister erst am Mittag verkündet: Dass nämlich die Troika-Experten aus Brüssel, vom Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank noch diese Woche nach Griechenland zurückkehren werden, um auszuloten, ob neues Geld fließen kann. Eine gute Nachricht. Findet man jedenfalls in Athen. Neues Geld würde der Regierung eine Atempause verschaffen. Mal wieder.

Papandreou lässt die Troika-Rückkehr unerwähnt, er sagt auch kein Wort zur deutschen Innenpolitik, die ja zuletzt nicht immer nur respektvoll mit den Südeuropäern umgegangen ist. Auch für die Bundesregierung, die sich bekanntlich seit Monaten mit der Euro-Rettung quält und am Donnerstag eine wichtige Abstimmung über den erweiterten Rettungsschirm überstehen muss, hat er keine Botschaft mitgebracht. Er redet lieber über die eigene Rolle und über die Anstrengungen, die er dem Land im Kampf gegen die Schuldenkrise verordnet hat und die seiner Meinung nach vergleichbar sind mit jenen Anstrengungen, die im Zuge der deutschen Wiedervereinigung nötig waren.

Papandreou erinnert an die Restrukturierung seines Beamtenapparats, an die Privatisierungen, den Bürokratieabbau und die Kürzungen bei Renten und Mindestlöhnen. "Wir erwarten keinen Beifall", sagt er. "Aber was wir wollen, ist Respekt für die Dinge, die wir machen." Hier tritt einer auf mit erhobenem Haupt.

Genscher schleicht schnell noch in Reihe eins

Sollten die Reformen greifen, wäre die Krise eben auch eine "einzigartige Chance", das Land zu neuer Stärke, "zu griechischer Stärke" zu führen, sagt Papandreou. Der Weg zurück zu Prosperität und Wachstum sei möglich. "Yes, we can", ruft er, was aus dem Mund des griechischen Premiers zwar ein wenig arg gewollt klingt, ist der dröge 59-Jährige doch nun wirklich kein Politiker vom Schlage eines Barack Obama. Aber es ist eine Stoßrichtung, die seinen Zuhörern gut gefällt. Dass sie ein wenig quer zu dem liegt, was zuletzt so aus Athen und von der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds zu hören war, scheint niemanden zu stören.

Es ist eine bisweilen etwas dick aufgetragene Rede, gehalten in gutem Englisch. Wenn Papandreou von den großen Chancen seines Landes spricht, kann man den Eindruck gewinnen, als stünde Griechenland kurz davor, zum Zugpferd der Weltwirtschaft zu werden. Sein Land, so der Ministerpräsident, entwickle sich gerade zu einer großen Exportnation. Der Tourismus blühe wie seit Jahren nicht. Die "östlichen Märkte" stünden Griechenland offen, und dann sei da noch die Sonne, von der man ja mehr als genug habe und deren Strom man gerne exportiere, wenn er denn erst mal produziert werden könne. "Ein Win-win-Projekt" nennt Papandreou sein Solar-Vorhaben.

Das scheint auch Hans-Dietrich Genscher ein wenig übertrieben zu finden, als er - viel zu spät - zu Papandreous Rede stößt. Er schleicht sich mit einem Lächeln im Gesicht in Richtung Reihe eins.

Aber was soll's. Für die anwesenden Wirtschaftsvertreter zählt vor allem, dass da vorne einer steht, der noch nicht aufgegeben hat, der an Europa glaubt und kämpft und rackert. "Ich kann garantieren, dass Griechenland seine Verpflichtungen erfüllen wird", sagt Papandreou gegen Ende seines Auftritts. Und dann: "Ob ich wiedergewählt werde, ist nicht mein Problem. Mein Problem ist, das Land zu retten."

Der Applaus ist laut. So laut, wie nicht noch einmal an diesem Tag im Congress Center. Schon gar nicht bei der Kanzlerin, die gleich nach dem griechischen Premier spricht.

insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
kimba2010 27.09.2011
1. ...
Zitat von sysopKeine Kritik, kein Insolvenz-Gerede - bei seinem Auftritt vor den Spitzen der deutschen Industrie wird der griechische Premier Papandreou äußerst herzlich empfangen. Der griechische Premier dankt es mit praller Zuversicht in Sachen Schuldenkrise. Seine Botschaft: "Yes, we can!" http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788631,00.html
Sowas muss ein Vollblutpolitiker können - die Realität ausblenden und alles schönreden. Frau Merkel kann das auch sehr gut.
ratxi 27.09.2011
2. Garantiert
Zitat von sysopKeine Kritik, kein Insolvenz-Gerede - bei seinem Auftritt vor den Spitzen der deutschen Industrie wird der griechische Premier Papandreou äußerst herzlich empfangen. Der griechische Premier dankt es mit praller Zuversicht in Sachen Schuldenkrise. Seine Botschaft: "Yes, we can!" http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788631,00.html
"Ich kann garantieren, dass Griechenland seine Verpflichtungen erfüllen wird", sagt Papandreou gegen Ende seines Auftritts... Was für eine "Garantie" ist denn das? Eine dieser neuen, immer üblicher werdenden Garantien, die immer deutlicher zeigen, dass es keine wirklichen Garantien mehr gibt?
si_tacuisses 27.09.2011
3. Im Tierreich Geier
Zitat von sysopKeine Kritik, kein Insolvenz-Gerede - bei seinem Auftritt vor den Spitzen der deutschen Industrie wird der griechische Premier Papandreou äußerst herzlich empfangen. Der griechische Premier dankt es mit praller Zuversicht in Sachen Schuldenkrise. Seine Botschaft: "Yes, we can!" http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788631,00.html
in unserer Wirtschaft der BDI So wie diese Leichenfledderer sämtliche Industrie via Treuhand ( welch idiotischer Name für diese Lumpen ) die DDR ausgeweidet haben, um jede mögliche Konkurrenz im Keime zu ersticken, so werden sie auch GR ausweiden und sich schadlos an dem vom Steuerzahler Erpressten ( genannt Rettungsschirm ) gütlich tun.
hartsch 27.09.2011
4. auf Titeljagd
Zitat von ratxi"Ich kann garantieren, dass Griechenland seine Verpflichtungen erfüllen wird", sagt Papandreou gegen Ende seines Auftritts... Was für eine "Garantie" ist denn das? Eine dieser neuen, immer üblicher werdenden Garantien, die immer deutlicher zeigen, dass es keine wirklichen Garantien mehr gibt?
das kann ich dir beantworten: und zwar eine "noch nie dagewesene Garantie"
aprilapril 27.09.2011
5. Nein - nicht schon wieder!
Zitat von ratxi"Ich kann garantieren, dass Griechenland seine Verpflichtungen erfüllen wird", sagt Papandreou gegen Ende seines Auftritts... Was für eine "Garantie" ist denn das? Eine dieser neuen, immer üblicher werdenden Garantien, die immer deutlicher zeigen, dass es keine wirklichen Garantien mehr gibt?
Der Eine kann es so wenig wie der Andere. "Yes we can" wird zum Synonym fürs Versagen.
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