Jan Fleischhauer

Mit Migranten reden Wie man Menschen verrückt macht

Vor 50 Jahren hat der Anthropologe Gregory Bateson darüber geforscht, was paradoxe Kommunikation bei Menschen anrichtet. Angesichts der Dauerklage von Deutschen mit ausländischem Hintergrund sind seine Thesen hochaktuell.
Gespräch in der Fußgängerzone

Gespräch in der Fußgängerzone

Foto: Westend61/ Getty Images

Im Zivildienst war ich anderthalb Jahre in der Psychiatrie. In meinem Jahrgang war es selbstverständlich, dass man den Wehrdienst verweigerte. Ich gehöre zu einer Generation von jungen Männern, die noch eine sogenannte Gewissensprüfung absolvieren mussten, wenn sie nicht Dienst an der Waffe leisten wollten. Eine Stunde lang wurde man von ehemaligen Wehrmachtsangehörigen vernommen, die einen befragten, was man tun würde, wenn man mit Frauen und Kindern in einem Krankenhaus säße, während sich der Russe näherte. Natürlich lag zufällig ein Gewehr in Griffnähe.

Ich hätte zur Waffe gegriffen, keine Frage, ich war schließlich kein Zeuge Jehovas. Aber das durfte man nicht sagen, weil es dann geheißen hätte, dass es keinen Grund gebe, nicht zur Bundeswehr zu gehen. Also musste man sich irgendetwas ausdenken, warum man das Gewehr unter keinen Umständen in die Hand nehmen könne. Die Gewissensprüfung hat mich auf die Arbeit in der Psychiatrie eingestimmt, kann man sagen.

Meine Zivildienststelle war ein Wohnheim für Menschen, die nach einem Aufenthalt in einer geschlossenen Abteilung wieder auf das normale Leben vorbereitet werden sollten. Die Bewohner waren manisch-depressiv oder schizophren, das waren die beiden zentralen Diagnosen. Einer der Bewohner, an die ich mich bis heute erinnere, hieß Wittig. Herr Wittig lebte in der Gewissheit, dass die Klingonen Kurs auf die Erde genommen hätten, um die Menschheit zu versklaven. Wenn ich wüsste, dass ich nur noch wenige Tage in Freiheit hätte, würde ich auch verrückt werden.

Was zur Schizophrenie führt, ist eine in der Medizin bis heute diskutierte Frage. Eine der Theorien, die damals en vogue waren, stammte von dem Anthropologen und Kommunikationsforscher Gregory Bateson.

Für Bateson war Schizophrenie die Antwort auf paradoxe Kommunikationsmuster. Eine Mutter sagt ihrem Kind, dass sie es liebe. Gleichzeitig macht sie ihm über Ton oder Gestik deutlich, dass sie es ablehnt oder ihm sogar feindselig gesinnt ist. Welche Information soll das Kind ernst nehmen: das Bekenntnis der Liebe oder die Demonstration der Ablehnung? Da es die Situation nicht auflösen kann, reagiert es mit psychotischen Symptomen.

Das sogenannte Double-Bind lässt sich auch im politischen Alltag beobachten, das macht Batesons Theorie so interessant. Eine Double-Bind-Situation liegt immer dann vor, wenn Menschen mit einander widersprechenden Botschaften beziehungsweise Handlungsvorschriften konfrontiert werden. Ein gutes Beispiel ist der Umgang mit Menschen, deren Vorfahren erkennbar nicht aus Deutschland kommen.

Die Eltern meiner Kollegin Ferda Ataman stammen aus der Türkei, was die Kollegin zu einem Menschen mit Migrationshintergrund macht, wie man heute sagt. Das ist das Thema, zu dem Ferda Ataman schreibt, auch ihre Kolumne auf SPIEGEL ONLINE. Sie hat sogar einen Verein mit ins Leben gerufen, der sich im Wesentlichen mit der Frage beschäftigt, wie man Menschen, die fremdländisch aussehen oder einen Namen tragen, der ursprünglich nicht in Deutschland beheimatet war, so anspricht, dass sie sich nicht ausgeschlossen fühlen. Dagegen ist nichts zu sagen. Einige machen ihr Hobby zum Zentrum ihrer Arbeit, wieder andere ihre politischen Überzeugungen oder die Wahrnehmung der Welt aus der Perspektive als Frau oder Angehöriger einer sexuellen Minderheit.

Paradoxe Kommunikation funktioniert als Falle

Problematisch wird es, wenn das, was offensichtlich ist, nicht zur Sprache kommen darf oder frei heraus geleugnet wird. Wenn man sie auf ihre türkischen Wurzeln anspricht, sagt Ataman, dass die Frage nach der Herkunft zeige, wie sehr die deutsche Gesellschaft der Wirklichkeit hinterherhinke. Vor wenigen Wochen hat sie ein Buch veröffentlicht, in dem sie ausführlich beschreibt, wie leid sie es sei, dass ihre Migrationsgeschichte ständig zum Thema gemacht werde ("Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!"). Das ist der klassische Fall paradoxer Kommunikation, würde ich sagen. So macht man die gutwilligsten Menschen verrückt.

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Ataman, Ferda

Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!

Verlag: S. FISCHER
Seitenzahl: 208
Für 12,70 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

06.12.2022 23.12 Uhr

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Eine ganze Generation von Migranten beschäftigt sich inzwischen hingebungsvoll mit der eigenen Herkunftsgeschichte. Geht man darüber hinweg, ist man ignorant, weil man die Leidenserfahrung von Nicht-Deutsch-Aussehenden negiert. Geht man darauf ein, setzt man sich dem Vorwurf aus, seinen Vorurteilen freien Lauf zu lassen.

Es ist ein Spiel, in dem man nicht gewinnen kann. Selbst Kleinigkeiten können ungeahnte Bedeutung bekommen. Es reicht schon, dass eine Stewardess auf einem Inlandsflug eine arabisch aussehende Frau fragt: "Coffee or tea?" Was gemeinhin als Versuch durchgehen würde, sich als höflich zu zeigen, wird im migrantischen Kontext zum Beispiel für den latenten Rassismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Natürlich ist es leidig, wenn man immer wieder darauf angesprochen wird, woher man denn komme, wenn der Geburtsort doch Herne oder Ottobrunn ist. Trottel gibt es immer und reichlich, das kann jeder bestätigen, unabhängig von seiner familiären Migrationsgeschichte. Ich glaube, dass die meisten Deutschen heute allerdings relativ cool reagieren. Man muss ja nur einmal in München, Frankfurt oder Hamburg U-Bahn fahren, um zu erkennen, dass der typisch deutsch aussehende Mitbürger die Minderheit bildet. Wer glaubt, dass jemand nur gebrochen deutsch sprechen kann, weil er eine andere Hautfarbe hat, ist lange nicht mehr aus seinem Kaff herausgekommen.

Paradoxe Kommunikation funktioniert als Falle: Was man tut oder sagt, ist falsch. Das ist wie bei einer Frau, die ihrem Mann vorhält, dass er sie nicht genug unterstütze. Bietet er schuldbewusst seine Hilfe an, fragt sie, ob er glaube, dass sie nicht in der Lage sei, sich selbst zu helfen.

Die Betroffenen wissen meist nicht, wie ihnen geschieht. Sie spüren, dass etwas schiefläuft, weil sie anders verstanden werden, als es von ihnen intendiert war. Aber sie können nicht benennen, weshalb die Dinge sich gegen sie gewendet haben. Das verdoppelt ihr Unbehagen.

Vielleicht liegt ein Teil des Grolls, der sich gegen Migranten angesammelt hat, hier begründet. Niemand lässt sich gern ein schlechtes Gewissen machen. Schon gar nicht, wenn er in Wahrheit nichts Arges im Schilde führt. Der sicherste Weg, Menschen gegen sich aufzubringen, besteht darin, ihnen das Gefühl zu geben, dass man sie niedriger Motive verdächtigt. Die Reaktion ist nach meiner Erfahrung nach nicht Einsicht, sondern Trotz.

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