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21. Mai 2006, 07:22 Uhr

Parteien

Grüne Ängste vor dem Chaos

Von Franz Walter

Als die Grünen sich im vergangenen Herbst aus der Regierung verabschiedeten, träumten sie von der Meinungsführerschaft in der Opposition. Doch sie werden immer langweiliger, farbloser, ideenärmer. Kommt da noch was?

Fast zwanzig Jahre lang genossen die Grünen einen wunderschönen Wettbewerbsvorteil gegenüber den schon seit etlichen Jahrzehnten zuvor etablierten "Altparteien": Die Grünen galten als Formation der Unangepassten und Querdenker, als Partei mit oppositionellem Witz und mit kreativen Einfällen. So war die Partei entstanden, so hielt sich bis 1998 ihr Ruf. Für die Grünen war es in ihrer Anfangszeit denkbar einfach, als provokativer Kobold durch die bundesdeutschen Landschaft zu tanzen.

Ihre Anhänger tolerierten das nicht nur, sie verlangten es von ihnen nachgerade. Denn in den frühen 1980er Jahren war die grüne Klientel jung, ungebunden, ohne Geld und Stellung. Die politische Provokation gefährdete also keine Besitzstände. Im Gegenteil, sie verschaffte der damals blockierten jungen Generation von chancenlosen Lehramtskandidaten Gehör und schließlich Einfluss. Ohne die politische Regelverstöße hätte die Generation der Bildungsexpansion nicht ein nach BAT II a Und A 13 finanziertes Berufsnetz von Gleichstellungsbeauftragten, Umweltreferenten, Sozialarbeitern, Therapeuten knüpfen und weit über die christdemokratisch regierte Republik der 1980er/90er Jahre aufspannen können.

Doch dämpften beruflicher Aufstieg und allmähliches Altern der früheren Protestkohorte die Lust auf die radikale und kompromisslose Provokation. Der furiose partizipatorische Sturm und Drang ebbte ab. Die Dauerrevolte hatte Kraft gekostet. Im übrigen trat die grüne Klientel in die Familienphase ein. In den 90er Jahren stand die Kerngruppe der Grünen im mittleren Alter. Viele bekamen Kinder, was Geld und Nerven kostete. Nicht wenige hatten sich zudem noch um pflegebedürftige Eltern zu kümmern. Dazu kam ein harter Berufsalltag.

Die Partizipationsgeneration der frühen achtziger Jahre wirkte in den 1990er Jahren infolgedessen ziemlich ausgebrannt, war zu zeitaufwendigen Aktionen für die gefährdete Umwelt und andere löbliche Altruismen nicht mehr zu bewegen. Die früheren Akteure unzähliger Kampagnen und Demos nahmen ausgerechnet in der Zeit, als sich der rot-grüne Regierungswechsel vollzog, eine politische Auszeit. Die Rebellen von ehedem privatisierten und professonialisierten.

Die Grünen-Wähler machten es sich gemütlich

Viel spricht dafür, dass eben genau das überhaupt erst den Regierungswechsel möglich gemacht hatte. In den Jahren des überspannten grün-alternativen Aktionismus war es den Christdemokraten immer leicht gefallen, große Teile der ängstlichen altbürgerlichen Mitte von den finsteren Gefahren einer rot-grünen Machtübernahme zu überzeugen. Insofern profitierten die Grünen bei Regierungswechsel von der Demobilisierung ihrer früheren Freischärler.

Doch verloren die Grünen durch die neue Schwunglosigkeit ihrer einstigen Multiplikatoren auch an Aura, die einst ein Alleinstellungsmerkmal war. Die Partei begann seit den spätneunziger Jahren langweilig zu wirken, farblos, angepasst und etabliert. Gerade in den Anfangsjahren der Regierung Schröder-Fischer aber missfiel das den Wählern der Grünen, auch wenn diese mittlerweile selbst gesetzte Zeitgenossen geworden waren, politisch keinen Handschlag mehr rührten, zu Demonstrationen nicht mehr ausrückten. Die grünen Wähler hatten es sich häuslich und gemütlich gemacht, blieben dabei anspruchsvolle, ja kapriziöse Konsumenten der Politik.

Grüne, ökologistische und linkslibertäre Parteien haben es tatsächlich überall in Europa nicht einfach. Ihr Publikum stellt hohe Ansprüche an Parteien und Politik, ist außerordentlich kritisch. Aber es bleibt oft, von den professionellen Medienparteien dazu noch ermuntert, Publikum - distanziertes, betrachtendes, kommentierendes Publikum. Das gilt auch für die Anhängerschaften der deutschen Grünen. Viele davon sind sowieso nicht der Partei beigetreten. Die Grünen sind organisationsschwächer als alle anderen im Bundestag vertretenen Parteien, schwächer sogar als die schicksige FDP. Seitdem sich ihre Kernmilieus aufgelöst haben, seitdem die früheren Basisaktivisten ihre Kampagnekraft verloren haben, seither sind die Grünen noch stärker Honoratiorenpartei, ja vor allem Fraktionspartei geworden. Sie haben dadurch an Professionalität gewonnen, aber eben auch an Basisnähe, Schwung, Authentizität, Phantasie verloren. Nur: Man hat nicht den Eindruck, dass sich die Bütikofers und Kuhns daran stören. Im Gegenteil.

Kontrollfreaks in der Parteispitze

Ihre Strukturreformen der letzten Jahre jedenfalls zielten noch stärker auf Angleichung an die übrigen Parteien, auf Zentralisierung und Hierarchisierung von Kommunikation, Abstimmung und Entscheidung. Das war natürlich Reflex auf das Chaos und die Turbulenzen der vorangegangenen Gründerjahre der Partei. Aber damit lösen sich die Grünen zugleich von einem elementaren und keineswegs überflüssig gewordenen Gründungsimpuls, der während der 1970er / 80er Jahren in den europäischen Gesellschaften als Negation der bürokratischen und hermetisch verschlossenen Strukturen in Parteien und staatlichen Verwaltungen aufkam.

Dieser Impuls hat an Relevanz nicht verloren. Er wird nach den ernüchternden Erfahrungen mit einer ebenso euphorisch wie unstrukturiert inszenierten Basisdemokratie in Zukunft gewiss anthropologisch nüchterner und institutionell realistischer zu übersetzen sein, zumal die Anhängerschaften der postmaterialistisch-linksliberalen Parteien in den letzten Jahren ihre Erschöpfungspause von der Zumutung permanenter Teilhabe genommen haben. Doch sind diese Anhängerschaften durch hohe Kompetenz, überdurchschnittliche Bildung, ausgeprägtes Ethos weiterhin außerordentlich partizipationsfähig, durch ihre gewachsene Lebenserfahrung mittlerweile auch hinreichend rational, aufgrund ihrer familiär-beruflichen Lasten in ihrem Aktionsradius und Zeitbudget indessen beschränkt.

So müssten die Grünen eigentlich nach teilfreizeitigen Formen wie Foren professioneller, effizienter, sinnträchtiger und wirksamer Partizipation suchen, die ihrer vorübergehend zeitarmen Kernanhängerschaft mittleren Alters die Möglichkeit bietet, ihre beträchtlichen Qualifikationen von Fall zu Fall in den politischen Prozess einzuschleusen.

Doch die grüne Parteispitze des Jahres 2006 fürchtet ernsthafte Partizipation. Sie ängstigt sich vor Diskussionen, die sie nicht vom Beginn bis zum Ende überschauen und unter Kontrolle haben. Um nichts in der Welt wollen die führenden Grünen mit die Unordnung der frühen Jahre in Verbindung gebracht werden. Stärker als alle anderen politischen Strömungen im Land legen Grüne Wert darauf, als besonders ideologiefrei, unsentimental, kühl, sachlich und nüchtern zu gelten. Niemand soll ihnen theoretischen Flausen, kindsköpfige Utopien, verstiegene Visionen nachsagen können.

Die Grünen möchte um alles in der Welt anerkannte Profis des politischen Geschäfts sein. Für eine Demokratie gebildeter, engagierter, reflexiver Laien kann man derzeit in allen deutschen Parteien wenig Unterstützung finden. Bei den Kadern der Grüne stößt die nicht jederzeit von oben steuerbare Laiendemokratie geradezu auf verbissene Feindschaft. Die Grünen negieren sich auf diese Weise selbst.

Die Alten werden wieder munter

Dabei müsste es um die mittlere Zukunft einer libertären Partei der Partizipationsgeneration gar nicht schlecht bestellt sein. Soziologische Studien zeigen, dass gerade die Menschen im mittleren Alter sozial besonders integriert und angepasst sind, Sicherheit bevorzugen, vor Experimenten zurückschrecken. Eben das charakterisiert die Kernanhängerschaft der Grünen im Jahr 2006.

Nach diesem Lebensabschnitt aber, wenn man den 60. Geburtstag hinter sich hat, wird man nach Auskunft unserer soziologischen Forscher ein "junger Alte". Dann aber, ohne die Bürde von Beruf und Kindern, beginnt eine neue Phase gesellschaftlicher Teilhabe, experimentell-neugieriger Aktivitäten. Mental werden die biologisch alt gewordenen Grünen infolgedessen wieder jünger.

Kurzum: Irgendwann, so zwischen 2015 und 2025, mögen sich Hunderttausende hochmotivierter und rüstiger Rentner mit dem gesamten Know How vergangener Demoerfahrungen aus den spätsiebziger und frühachtziger Jahren wieder für die autofreie Gesellschaft, autonome Wohnprojekte, alternative Gesundheits- und Betreuungsmodelle einer sozialökologischen sowie altengerechten Republik in die Schlacht werfen. Das könnte dann so eine Art Altweibersommer im Herbst der Grünen werden. Aber natürlich auch: Der Beginn eines Abschieds.

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