Parteienforscher Lösche "Trittin sollte zurücktreten"

"Die Nationalstolz-Debatte hat die Stammwähler der CDU mobilisiert". SPIEGEL-ONLINE-Interview mit Parteiforscher Peter Lösche über den Erfolg der CDU in Baden-Württemberg, die Zukunft der SPD-Spitzenkandidatin Vogt und das schlechte Abschneiden der Grünen.


SPIEGEL ONLINE:

Die CDU lag in Umfragen vor der Wahl in Baden-Württemberg bei miserablen 39 Prozent. Jetzt konnte sie kräftig aufholen und liegt bei 45 Prozent. Warum?

Peter Lösche: Die Nationalstolz-Debatte hat die Stammwähler der CDU mobilisiert. Auch die Frage der Kompetenz der beiden Spitzenkandidaten Erwin Teufel und Ute Vogt spielte eine große Rolle. Und da ist Erwin Teufel einfach derjenige, der als kompetenter gilt, so faszinierend auch der Wahlkampf der Ute Vogt war.

SPIEGEL ONLINE: Die Wahlbeteiligung war mit 63 Prozent im Vergleich zu 67 Prozent im Jahre 1996 sehr niedrig. Wie erklären Sie sich das?

Lösche: Zum einen war natürlich das schlechte Wetter schuld. Zum anderen war die Wahl in Baden-Württemberg eine personelle Polarisierung. Inhaltliche Alternativen sind nicht deutlich geworden, so dass das nicht mobilisierend gewirkt hat. Und wir wissen, dass die jüngeren Wähler seltener zur Wahl gehen. Sie gehen dann an die Urnen, wenn es auf etwas ankommt.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt Erwin Teufel fünf Jahre an der Macht?

Lösche: Das glaube ich nicht. Es wird einen Stabwechsel geben, vermutlich zur Mitte der Legislaturperiode. Das wäre strategisch im Hinblick auf die Wahl 2006 vernünftig.

SPIEGEL ONLINE: Die Grünen sind die Wahlverlierer. War die rhetorische Entgleisung von Umweltminister Jürgen Trittin Schuld?

Lösche: Nicht nur. Die Grünen sind bisher offensichtlich nicht in der Lage gewesen, das umzusetzen, was sie als Vorteil im Moment haben - nämlich eine starke Führungsspitze und mit Joschka Fischer und Renate Künast zwei starke Minister im Kabinett. Und sie haben das Ökothema, das eigentlich eine Renaissance erlebt, nicht rüberbringen können.

SPIEGEL ONLINE: Wird es Konsequenzen für Trittin geben?

Lösche: Ich kann es mir gut vorstellen. Wenn Trittin noch Einsicht in die politische Notwendigkeit hat und unter Umständen seine eigene Karriere noch retten will, sollte er zurücktreten. Trittin wird als Integrator der Linken nicht mehr gebraucht.

SPIEGEL ONLINE: SPD-Spitzenkandidatin Ute Vogt konnte kräftig Prozentpunkte aufholen, aber nicht soviel um die CDU/FDP-Koalition abzusetzen. Was hätte sie anders machen sollen?

Lösche: Sie hätte sich von Anfang an inhaltlich profilieren, sich abgrenzen müssen von Erwin Teufel. Das hat sie nicht gemacht. Weil sie angesichts des kurzen Wahlkampfes dazu auch nicht in der Lage war. Sie sollte jetzt darauf aufbauen, was sie angefangen hat. Wobei sie die Einsicht haben muss, dass es nicht mit Charme und Dynamik alleine geht, sondern dass sie programmatisch etwas aufbauen muss. Damit meine ich nicht abstrakte Programme, sondern Konfliktthemen, mit deren Hilfe sie sich zum einen profilieren, zum anderen abgrenzen kann von der CDU.

SPIEGEL ONLINE: Im Hinblick auf die Bundestagswahl 2002: Ist sie eine Kandiatin für Schröders Kabinett?

Lösche: Das glaube ich auf jeden Fall. Sie wird ja als potentielle Innenministerin, als Nachfolgerin von Otto Schily, genannt.

SPIEGEL ONLINE: Die FDP wird mit der CDU wohl weiterregieren, die Liberalen haben aber nicht so viele Stimmen hinzugewinnen können, wie sie sich vorgenommen haben.

Lösche: Die FDP krankt insgesamt daran, dass sie kein besonderes Profil hat. Sie kann nicht deutlich machen, warum man FDP wählen soll. Diese Unsicherheit, für was sie eigentlich steht, zeigt sich nicht zuletzt daran dass Guido Westerwelle mit auf die Nationalstolz-Debatte aufgesprungen ist. Der Versuch, sich als nationalliberale Partei zu profilieren, hat nichts genutzt.

Das Interview führte Kristina Jagemann



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