Parteienmisere Bürgertum koppelt sich von Union ab

Von Franz Walter

2. Teil: Im zweiten Teil lesen Sie, warum die Union die gleichen Fehler wie die SPD macht


CDU auf dem Weg der SPD

Die Christdemokraten beginnen nun das Schicksal der Sozialdemokraten zu teilen. Auch die CDU/CSU-Anhängerschaft spreizt sich mehr und mehr auf, differiert weit in den Ethiken und Wertvorstellungen, heterogeniert sich nach sozialer Lage, kulturellem Habitus und Alter. Das sozialdemokratische Potential zerfällt bekanntlich seit den späten siebziger Jahren bereits in Modernisierer und Traditionalisten; in Linke und Rechte, in Arbeiter und Studienräte, in Libertäre und Materialisten et cetera. Eine einheitsstiftende, ideen- und programmgestützte Balance zwischen all diesen Gruppen, Haltungen, Profilen gelang den Sozialdemokraten kaum einmal in den langen Jahren zwischen dem späten Brandt und dem vorübergehenden Platzeck. Insgesamt wurde die sozialdemokratische Darstellung durch die steten Integrationsbemühungen zur einen wie zur anderen und zur nächsten Seite immer diffuser. Die Sozialdemokraten büßten ihren Kern und ihre Kontur ein. Am Ende verlor die Partei an allen Fronten ihres politischen Lagers. Nicht zufällig steckt sie jetzt infolgedessen wieder im 20-Prozent-Turm.

Ein ähnlicher Absturz droht nun ganz offensichtlich auch der Union. Denn seit einigen Jahren spaltet sich das bürgerliche Lager ebenfalls auf, nach Generationen, Lebensstilen und sozialem Status. Und das wirkt auf die Politik der Union zurück, der es nicht mehr gelingt, einen fest verklammernden Wertebogen vom klassischen Sozialkatholizismus ihres Kolping-Milieus bis hin zum betriebsamen Individualbürgertum der jungen Generation zu schlagen. Das wettbewerbsorientierte, junge und dauerbetriebsame Bürgertum zieht sich immer mehr aus der christdemokratischen Parteipolitik zurück. Dadurch ist die Mitgliedschaft der CDU heute im Durchschnitt noch weit älter als die ebenfalls alles andere als jugendfrischen Sozialdemokraten.

Die christdemokratischen Ortsverbände zehren zwar noch von den katholischen Restlebenswelten und den übrig gebliebenen protestantischen Honoratiorenschichten vorangegangener Jahre. Doch trocknen diese Traditionsquellen unübersehbar aus. Moderner bürgerlicher Nachwuchs steht in den Büros der Kreisverbände der Christdemokratischen Union keineswegs Schlange, um die Mitgliedschaft in der Partei zu erwerben. Parteipolitik dieser konventionellen Art wirft für den neuen Typus im Bürgertum keine ausreichende Prämie ab. Mehr noch: Die Organisationsstrukturen und Karrierewege des christdemokratischen Parteiapparates sind mit den Arbeits- und Beweglichkeitsanforderungen der jungen "Leistungsträger" im deutschen Bürgertum letztlich nicht oder höchstens mit größter Mühe zu vereinbaren.

Nie aus der Heimatregion herausgekommen

Denn im christdemokratischen Ortsverband avanciert und reüssiert lediglich derjenige, der ständig am Ort anwesend ist, der sich dort dauerhaft sesshaft und jederzeit und für jedermann präsent gemacht hat. Es ist kein Zufall, dass die christdemokratischen Ministerpräsidenten unserer Tage trotz ihres dröhnenden Globalisierungsvokabulars ganz überwiegend aus ihrer Heimatregion nie für einen längeren Zeitraum herausgekommen sind. Kaum einer von ihnen hätte und hat es ernsthaft riskiert, die Heimatuniversität auch nur für ein Semester zu verlassen, weil man nach sechs Monaten Abwesenheit sich der mühsam aufgebauten innerparteilichen Truppen, Netzwerke, Seilschaften nicht mehr zuverlässig hätte sichern sein können. In der christdemokratischen Politik ist der Wettbewerb nicht international, sondern in Osnabrück oder Frankfurt oder Stuttgart oder Hamburg oder Saarbrücken lokalisiert und stationär gehalten. Der internationale Wettbewerb findet bei ihnen nur in herrischen Appellen nach unten, gegenüber anderen statt.

Wer in der CDU etwas werden und nach oben kommen will, den darf sein Beruf im Grunde nicht allzu sehr beanspruchen. Denn er benötigt ausgiebig Zeit für die Pflege der Seilschaften. Er braucht Zeit, um an den Info-Tischen auf den Marktplätzen zu stehen. Er muss über reichlich Zeit verfügen für die Ortsverbandsversammlungen, die Stadtratssitzung, die zahlreichen Kungelrunden und Kommissionen, für Feuerwehrfeste und Grillabende. Über ein solch üppiges Zeitbudget aber verfügen junge Bürger im wirklichen - nicht nur rhetorisch aufgeblasenen - Wettbewerb nicht. Sie sitzen am Notebook im ICE, wenn der christdemokratische Ortsverband tagt und zum gemütlichen Bierchen übergeht. Und sie wechseln häufig den Wohnort, statt sich in einer Stadt auf Lebenszeit niederzulassen und in der lokalen Honoratiorenschicht festzusetzen.

Dem modernen Bürgertum, kurzum, fehlt die Zeit für die traditionelle Honoratiorenpolitik. Die Organisation der CDU aber prämiert allein den Bekanntheitsgrad und die Verankerung vor Ort; sie belohnt die Vereinsmeierei, die aufwendige Ochsentour im Institutionengeflecht der Partei. Die große bürgerliche Partei der Republik löst dadurch sukzessive die Bindung zum hyperbetriebsamen Teil des Bürgertums. Und so schmilzt das Anhängerpotential der Union Woche zu Woche mehr zusammen; so wächst kontinuierlich die Gruppe, die sich hinter Westerwelle schart und von der Politik ungeduldig Tempo, Rigidität, Kompromisslosigkeit im ökonomischen Wandel fordert. Final und unumkehrbar muss das alles gewiss nicht sein. Gleichwohl: Das bürgerliche Lager in Deutschland gruppiert sich um - in einem Ausmaß, das unzweifelhaft neu in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.