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09. Juli 2006, 14:58 Uhr

Parteienmisere

Bürgertum koppelt sich von Union ab

Von Franz Walter

Die Union trifft nicht mehr den Ton des modernen Bürgertums. Und das junge Bürgertum entwickelt sich immer weiter weg von den Christdemokraten. Denen droht nun der politische Absturz.

Es ist mit den Händen zu greifen: Die deutschen Christdemokraten sind nervös. Im Koalitionsgebälk knirscht es. Doch das bringt erfahrene Politiker nicht gleich um den Schlaf. Dergleichen Sticheleien zwischen Koalitionsparteien gehören zum Geschäft, sind ein gutes Stück Theaterdonner, Unterhaltung für das Publikum, Ventil für den einen oder anderen Hitzkopf in den eigenen Reihen.

Unions-Ministerpräsidenten Stoiber (Bayern), Carstensen (Schleswig-Holstein), Koch (Hessen) mit der Staatsministerin im Kanzleramt, Hildegard Müller: Dauerhaft sesshaft und jederzeit und für jedermann präsent
DDP

Unions-Ministerpräsidenten Stoiber (Bayern), Carstensen (Schleswig-Holstein), Koch (Hessen) mit der Staatsministerin im Kanzleramt, Hildegard Müller: Dauerhaft sesshaft und jederzeit und für jedermann präsent

Unruhiger macht die merkwürdig demoskopiegläubige Politikkaste dagegen die derzeitige Umfragelage: Nur noch 33 Prozent der wahlberechtigten Deutschen würden in diesen Sommertagen 2006 der CDU/CSU ihre Stimme geben. So hat es das Forsa-Institut nun schon in der zweiten Woche hintereinander ermittelt. Mithin: Von den volksparteilichen Höhen früherer Jahrzehnte hat sich die Merkel-Union eine gute Strecke entfernt. Und man hat partout nicht den Eindruck, dass die formidablen Zeiten selbstverständlicher christdemokratischer Hegemonie rasch und problemlos wiederkehren werden.

Die Union war lange die gleichsam natürliche Partei der bundesdeutschen Mitte. Über Jahrzehnte traf sie weit sensibler als die Sozialdemokraten die Tonlage der gesellschaftlichen Mehrheit, agierte verlässlich als Partei des Alltagsempirismus, der jeweils gegebenen Realitäten. Nie dagegen verstand sie sich als Voraustrupp zuvor unerprobter konzeptioneller Zukunftsentwürfe oder gar als Avantgarde verwegener Visionen. Die Union ging vielmehr konstant davon aus, dass die Menschen allzu viel reformerische Veränderungen und temporeichen Wandel schwer ertragen können, dass sie in der Regel darauf eher tief verunsichert und ebenso tief verängstigt reagieren, dass sie nach Ablauf der Transformation des Gewohnten in jedem Fall längere Phasen der Erholung, Ruhe und Regeneration benötigen. Die Union - und das war von Adenauer bis Kohl ihr probates Erfolgsrezept - eilte dem Volk nie voraus, mutete ihm niemals zu viel an Anstrengungen und Entbehrungen zu. Lieber unterforderten die Christdemokraten die Bundesbürger, umhegten sie, nahmen ihnen im Alltag die sorgenreiche Verantwortung ein gutes Stück weit ab.

Und wenn Wahlen vor der Tür standen, wenn die Interessenverbände erbarmungswürdig jammerten und unterschwellig drohten, dann spielten Unionskanzler stets großzügig den Weihnachtsmann und verteilten üppige Klientelgeschenke. So produzierte die Union ein saturiertes, behäbiges Milieu der deutschen Mitte. Auf diese Weise schufen die rheinischen und pfälzischen Kanzler der christlichen Demokratie das, was Guido Westerwelle in seinen schneidig-neuliberalen Agitationszeiten mit triefender Verachtung eine "Gefälligkeitsrepublik" nannte, wenngleich die Freien Demokraten, die bekannten Herolde der Eigenverantwortung, natürlich immer mit auf dem Schlitten saßen und ebenfalls zu Gunsten ihrer begehrlichen Mittelständler einen tiefen Griff in den Geschenkesack taten.

Jedenfalls: Eine Mentalität des bürgerlichen Aufbruchs, der marktwirtschaftlichen Rundumreform konnte durch dergleichen paternalistische Politikbetreuung nicht entstehen. Insofern schuf die CDU die nämliche Einstellungs- und Mentalitätshürde selbst, über die sie im Wahlkampfsprint 2005 so schmerzhaft stolperte.

Im zweiten Teil lesen Sie, warum die Union die gleichen Fehler wie die SPD macht

CDU auf dem Weg der SPD

Die Christdemokraten beginnen nun das Schicksal der Sozialdemokraten zu teilen. Auch die CDU/CSU-Anhängerschaft spreizt sich mehr und mehr auf, differiert weit in den Ethiken und Wertvorstellungen, heterogeniert sich nach sozialer Lage, kulturellem Habitus und Alter. Das sozialdemokratische Potential zerfällt bekanntlich seit den späten siebziger Jahren bereits in Modernisierer und Traditionalisten; in Linke und Rechte, in Arbeiter und Studienräte, in Libertäre und Materialisten et cetera. Eine einheitsstiftende, ideen- und programmgestützte Balance zwischen all diesen Gruppen, Haltungen, Profilen gelang den Sozialdemokraten kaum einmal in den langen Jahren zwischen dem späten Brandt und dem vorübergehenden Platzeck. Insgesamt wurde die sozialdemokratische Darstellung durch die steten Integrationsbemühungen zur einen wie zur anderen und zur nächsten Seite immer diffuser. Die Sozialdemokraten büßten ihren Kern und ihre Kontur ein. Am Ende verlor die Partei an allen Fronten ihres politischen Lagers. Nicht zufällig steckt sie jetzt infolgedessen wieder im 20-Prozent-Turm.

Ein ähnlicher Absturz droht nun ganz offensichtlich auch der Union. Denn seit einigen Jahren spaltet sich das bürgerliche Lager ebenfalls auf, nach Generationen, Lebensstilen und sozialem Status. Und das wirkt auf die Politik der Union zurück, der es nicht mehr gelingt, einen fest verklammernden Wertebogen vom klassischen Sozialkatholizismus ihres Kolping-Milieus bis hin zum betriebsamen Individualbürgertum der jungen Generation zu schlagen. Das wettbewerbsorientierte, junge und dauerbetriebsame Bürgertum zieht sich immer mehr aus der christdemokratischen Parteipolitik zurück. Dadurch ist die Mitgliedschaft der CDU heute im Durchschnitt noch weit älter als die ebenfalls alles andere als jugendfrischen Sozialdemokraten.

Die christdemokratischen Ortsverbände zehren zwar noch von den katholischen Restlebenswelten und den übrig gebliebenen protestantischen Honoratiorenschichten vorangegangener Jahre. Doch trocknen diese Traditionsquellen unübersehbar aus. Moderner bürgerlicher Nachwuchs steht in den Büros der Kreisverbände der Christdemokratischen Union keineswegs Schlange, um die Mitgliedschaft in der Partei zu erwerben. Parteipolitik dieser konventionellen Art wirft für den neuen Typus im Bürgertum keine ausreichende Prämie ab. Mehr noch: Die Organisationsstrukturen und Karrierewege des christdemokratischen Parteiapparates sind mit den Arbeits- und Beweglichkeitsanforderungen der jungen "Leistungsträger" im deutschen Bürgertum letztlich nicht oder höchstens mit größter Mühe zu vereinbaren.

Nie aus der Heimatregion herausgekommen

Denn im christdemokratischen Ortsverband avanciert und reüssiert lediglich derjenige, der ständig am Ort anwesend ist, der sich dort dauerhaft sesshaft und jederzeit und für jedermann präsent gemacht hat. Es ist kein Zufall, dass die christdemokratischen Ministerpräsidenten unserer Tage trotz ihres dröhnenden Globalisierungsvokabulars ganz überwiegend aus ihrer Heimatregion nie für einen längeren Zeitraum herausgekommen sind. Kaum einer von ihnen hätte und hat es ernsthaft riskiert, die Heimatuniversität auch nur für ein Semester zu verlassen, weil man nach sechs Monaten Abwesenheit sich der mühsam aufgebauten innerparteilichen Truppen, Netzwerke, Seilschaften nicht mehr zuverlässig hätte sichern sein können. In der christdemokratischen Politik ist der Wettbewerb nicht international, sondern in Osnabrück oder Frankfurt oder Stuttgart oder Hamburg oder Saarbrücken lokalisiert und stationär gehalten. Der internationale Wettbewerb findet bei ihnen nur in herrischen Appellen nach unten, gegenüber anderen statt.

Wer in der CDU etwas werden und nach oben kommen will, den darf sein Beruf im Grunde nicht allzu sehr beanspruchen. Denn er benötigt ausgiebig Zeit für die Pflege der Seilschaften. Er braucht Zeit, um an den Info-Tischen auf den Marktplätzen zu stehen. Er muss über reichlich Zeit verfügen für die Ortsverbandsversammlungen, die Stadtratssitzung, die zahlreichen Kungelrunden und Kommissionen, für Feuerwehrfeste und Grillabende. Über ein solch üppiges Zeitbudget aber verfügen junge Bürger im wirklichen - nicht nur rhetorisch aufgeblasenen - Wettbewerb nicht. Sie sitzen am Notebook im ICE, wenn der christdemokratische Ortsverband tagt und zum gemütlichen Bierchen übergeht. Und sie wechseln häufig den Wohnort, statt sich in einer Stadt auf Lebenszeit niederzulassen und in der lokalen Honoratiorenschicht festzusetzen.

Dem modernen Bürgertum, kurzum, fehlt die Zeit für die traditionelle Honoratiorenpolitik. Die Organisation der CDU aber prämiert allein den Bekanntheitsgrad und die Verankerung vor Ort; sie belohnt die Vereinsmeierei, die aufwendige Ochsentour im Institutionengeflecht der Partei. Die große bürgerliche Partei der Republik löst dadurch sukzessive die Bindung zum hyperbetriebsamen Teil des Bürgertums. Und so schmilzt das Anhängerpotential der Union Woche zu Woche mehr zusammen; so wächst kontinuierlich die Gruppe, die sich hinter Westerwelle schart und von der Politik ungeduldig Tempo, Rigidität, Kompromisslosigkeit im ökonomischen Wandel fordert. Final und unumkehrbar muss das alles gewiss nicht sein. Gleichwohl: Das bürgerliche Lager in Deutschland gruppiert sich um - in einem Ausmaß, das unzweifelhaft neu in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist.

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