Parteitag der Grünen Erfolg für Özdemir, Karriereknick für Kuhn

Für den einen ist es ein großer Karriereschritt, für den anderen ein Rückschlag: Die Grünen wählten Cem Özdemir auf dem Erfurter Bundesparteitag mit knapp 80 Prozent der Stimmen zum Vorsitzenden. Fritz Kuhn, Fraktionschef im Bundestag, straften sie ab: Er kam nicht in den Parteirat.

Erfurt - Als es spannend wird, wirkt Cem Özdemir plötzlich ganz cool.

Gerade hat er für den Grünen-Chefposten vorgesprochen, dann die obligatorischen fünf ausgelosten Fragen aus den Reihen der Delegierten beantwortet. In diesen Momenten sirren rund 800 Signale per elektronischen Stimmgeräten durch die Erfurter Messehalle, die auf dem Podium eine Zahl ergeben werden: Özdemirs Wahlergebnis.

Neuer Grünen-Chef Özdemir, Co-Vorsitzende Roth: Gute Ergebnisse

Neuer Grünen-Chef Özdemir, Co-Vorsitzende Roth: Gute Ergebnisse

Foto: AP

Cem Özdemir lächelt.

Er hat so viel ertragen in den vergangenen Wochen, jetzt sind diese Sekunden nur noch eine Kleinigkeit.

Auch Claudia Roth, die nun den Kameras und Fotoapparaten ihr überdrehtes Claudia-Roth-Lachen zeigt, erträgt er scheinbar stoisch. Dabei hat Roth, die zuvor mit überraschend guten 82,7 Prozent als Vorsitzende bestätigt wurde, damit die Messlatte für ihn noch höher gehängt.

Aber Özdemir weiß, dass er fast alles versucht hat, um ein gutes Ergebnis als Vorsitzender einzufahren: Zunächst hat der 42-Jährige Buße getan, nach 2002, als er wegen eines Kredits des PR-Manns Moritz Hunzinger und privat verflogener Bonusmeilen seine Wiederkandidatur für den Bundestag absagte. Dann hat Özdemir - nach einer politischen Auszeit - im Europaparlament bewiesen, dass er nicht nur der von den Medien geliebte "anatolische Schwabe" ist, sondern auch staubige Sacharbeit kann. Und von seinem baden-württembergischen Landesverband hat sich Özdemir auf dem Schwäbisch Gmünder Listenparteitag vor einigen Wochen so mies behandeln lassen, dass es beinahe einer Selbstkasteiung gleich kam. Denn dass er in zwei Kampfabstimmungen um aussichtsreiche Plätze für die Bundestagswahl unterlag, hatte sicher mit der fehlenden Unterstützung des Südwest-Oberrealos Fritz Kuhn zu tun.

Schwerer Schlag für Kuhn

Dass Kuhn seinem Landsmann nicht beistand, bekommt er am Ende eines langen Abstimmungs-Marathons zu spüren: Er scheitert überraschend beim Versuch, erneut in den 13-köpfigen Parteirat einzuziehen. Sechs Stimmen erhält er weniger als Gerhard Schick, der finanzpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion. Neu in das Gremium schaffen es auch der Berliner Fraktionschef Volker Ratzmann und Arvid Bell, ein Vertreter der Grünen Jugend.

Allerdings gab es neben dem Ärger über seinen mangelnden Einsatz für Özdemir auch grundsätzliche Kritik an Kuhn im Vorfeld des Parteitags: Er profiliere die Bundestagsfraktion zu wenig, heißt es. Den Parteilinken passt zudem sein Afghanistan-Kurs nicht.

Glücklich ist über Kuhns Scheitern allerdings niemand. "Absoluter Mist" und ähnliches hört man von Realos wie Parteilinken. Einig ist man sich auch darin, dass es ein verheerendes Signal für das Bundestagswahljahr ist, einen so erfahrenen, aber auch qua Amt wichtigen Mann wie Kuhn aus dem Gremium zu werfen.

Wie immer bei den Grünen will niemand Schuld haben, wenn ein Parteipromi durchfliegt - so ist es auch diesmal. Realos und Vertreter der sogenannten Jungen Grünen, ähnlich den SPD-Netzwerkern, weisen jegliche Verantwortung von sich. "Niemand von uns wollte Kuhn abstrafen", ist zu hören. Also doch die Parteilinken? Nein, dafür könnten sie nichts, lautet deren Antwort.

Und was sagt Kuhn? Erstmal gar nichts.

Özdemir gab nach der Listenpleite nicht auf

Özdemir hat jedenfalls nach der Pleite in Schwäbisch Gmünd nicht hingeschmissen, obwohl das Grünen-Chef-Sein ohne Bundestagsmandat die Sache nicht einfacher macht - das konnte man bei seinem Vorgänger Reinhard Bütikofer erleben. Wohl auch, weil Realos und Junge Grüne auf ihn eingeredet haben. "Unser Lager braucht Cem" war ihre Losung, gegen Roth und Jürgen Trittin, die Ikonen der Parteilinken.

Aber braucht die Partei Cem?

Natürlich, wie immer bei wichtigen Grünen-Entscheidungen, haben sich die Flügel abzustimmen versucht. In diesem Fall lief das in etwa so: Ihr wählt Cem, wir dafür Claudia. Nur, in den zähen Stunden vor der Vorstandswahl, begannen irgendwann schlechte Nachrichten für Özdemir zu kursieren: "Die Linken wollen sich nicht an die Abmachung halten", hieß es. Oder: "Die Ansage der Linken war nicht klar."

Warum Özdemir lange warten muss - und warum sich das am Ende gelohnt hat

Also saß Özdemir, während auf den Podium über Menschenrechte gestritten wurde, über die grüne Lösung der Finanzmarktprobleme und die Rechte von Frauen, auf seinem Platz und wartete. Viele lange Stunden, vor ihm die Manuskriptseiten mit seiner Rede. "Gut geht es mir", sagte er. Und dass er auf ein gutes Ergebnis baue. Dann musste sich Özdemir auch schon wieder umarmen lassen, viele wollten ihm sehr nachdrücklich Glück wünschen. "99,5 Prozent", sagte eine junge Frau, "ich habe darauf gewettet."

Was bleibt da anderes, als zu lachen.

"Wenn die Linken nicht liefern, gibt es richtig Ärger", sagte dann jemand mit Einfluss aus dem Realo-Lager. Abbekommen könnte diesen Jürgen Trittin, der gemeinsam mit Bundestagsfraktionschefin Renate Künast am Sonntag als Spitzenkandidat gewählt werden soll. "Alles Quatsch", hieß es zwar von den Parteilinken. Aber dass die Parteilinke nicht für ihre Disziplin bekannt ist, wurde eingeräumt.

Das lange Warten des Cem Özdemir

Und Özdemir saß da und wartete.

Dann war Claudia Roth an der Reihe. Die Herz-Schmerz-Vorsitzende sagte genau das in ihrer Bewerbungsrede, wofür sie ein Teil der Grünen liebt. Verlangte mehr "Bündnisse der Menschlichkeit" und prangerte die "Abschiebeknäste der Bundesrepublik" an. Pathos-Profi Roth traf wie immer den Nerv ihrer Fans. Lauter, dann stehender Beifall, auch Özdemir erhob sich und klatschte rhythmisch. Roth bekam über 15 Prozent mehr als bei ihrer letzten Wahl 2006 in Köln.

Danach stand Özdemir am Podium. Dass vieles von seiner Rede abhängen würde, hatte man nicht nur Journalisten erzählt. Also lobte er, klugerweise, zunächst Roth und den scheidenden Bütikofer. Das brachte den ersten Beifall ein.

Aber warum will er Parteichef werden?

"Das Interesse an uns Grünen ist nach wie vor groß", sagte Özdemir, das Programm der Partei sei großartig. Aber grüne Politik werde zu wenig umgesetzt - daran wolle er arbeiten. Ein bisschen Außen-, ein bisschen Innenpolitik, ein bisschen Finanzmarktschelte. Dann rügte Özdemir die Große Koalition, watschte "jene Partei ab, die sich FDP nennt" und kritisierte die "unterkomplexe Linke". Es war keine Joschka-Fischer-, aber eine gute Rede, auch mit Witz. Das zeigte der Beifall.

Und am Schluss traf der nüchterne Özdemir sogar den urgrünen Kern: "Alle müssen uns gleich wichtig sein - egal ob man aus Aserbaidschan oder Anatolien kommt oder aus einer Familie, die schon im Teutoburger Wald gegen die Römer gekämpft hat." Dafür wolle er sich einsetzen. Özdemir bekam ebenfalls Standing Ovations, auch Claudia Roth klatschte im Stehen ihr eigentümliches Seehund-Klatschen.

Nun aber rechnet der Computer der Parteitagsregie.

Und dann heißt es vom Podium: "Wir haben ein Ergebnis." Cem Özdemir schaut auf die große Leinwand, während die Zahlen vorgelesen werden - der Kandidat bekommt 79,2 Prozent.

In wenigen Schritten ist Özdemir am Rednerpult, trotz des Journalistenpulks um ihn herum. Er ist jetzt ein mit einem sehr ordentlichen Ergebnis gewählter Vorsitzender, das sehen auch seine Unterstützer so, sie nennen es ein "prima" Ergebnis. "Ich danke Euch", sagt Özdemir durchs Mikrofon, es klingt sehr erleichtert.

Noch erleichterter sieht Jürgen Trittin aus - bei Özdemir haben seine Parteilinken geliefert.

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