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29. März 2008, 19:11 Uhr

Parteitag der Hessen-SPD

Ypsilanti setzt sich durch - Genossen streiten weiter

Von , Hanau

Sie ist die Siegerin des Tages: Mit breiter Mehrheit hat sich die hessische SPD hinter den Links-Kurs von Andrea Ypsilanti gestellt. Eine Große Koalition schloss der Parteitag dagegen aus – eine schwere Niederlage für die Parteirechten. Die Gräben zwischen den Genossen sind tief.

Hanau – Sie wurde beklatscht, umjubelt, gefeiert: Andrea Ypsilanti kann sich mit gutem Recht als Siegerin in der hessischen SPD sehen. Eine üppige Mehrheit billigte ihren Kurs, sozialdemokratische Programmpunkte auch mit Unterstützung der Linkspartei durchzusetzen, eine Große Koalition mit der CDU jedoch auszuschließen.

Ihr Widerpart vom rechten Parteiflügel, Jürgen Walter, konnte von dem Ergebnis der Abstimmung nicht mehr überrascht sein. Es ist kein leichter Tag für den Ypsilanti-Rivalen. Müde sieht er aus. Und abgekämpft. Für eine deutliche Mehrheit der Delegierten ist der stellvertretende Landes- und Fraktionsvorsitzende der Buhmann. Walters Parteiflügel hatte gefordert, eine Große Koalition nicht kategorisch auszuschließen. Dem folgte der Parteitag nicht.

Durchgesetzt gegen die Parteirechten: Andrea Ypsilanti verlässt den außerordentlichen Parteitag in Hanau als Siegerin
AP

Durchgesetzt gegen die Parteirechten: Andrea Ypsilanti verlässt den außerordentlichen Parteitag in Hanau als Siegerin

Für Walter ist das eine schwere Niederlage, die sich bereits abzeichnete, als er am Mittag kurz ans Mikrofon trat. Man solle den Fehler des Wahlkampfes nicht wiederholen, mögliche Koalitionen auszuschließen, forderte er. "Das ist ein Zeichen der Angst." Doch statt Beifall erntete er lautes Buhen für seine Kritik an Ypsilanti.

Schon länger regt sich in der SPD nur schwer unterdrückter Zorn über den 39-Jährigen. Übel nehmen ihm die Genossen vor allem, dass er nach außen, sprich gegenüber Journalisten anders agiere als innerparteilich. Verklausuliert spricht das heute auch Ypsilanti an, als sie über die öffentliche Darstellung der SPD spricht. "Für das Gesamtbild der Partei wäre es besser gewesen, wenn einige in der Partei sich zurückgehalten oder besser geschwiegen hätten", bricht es aus ihr heraus.

Für solche Aussagen ist ihr der Jubel der Delegierten gewiss. Das ist nicht immer der Fall. Nur wenn sie die Koch-CDU kritisiert oder den erfolgreichen Wahlkampf lobt, steht der Saal geschlossen hinter ihr. Doch die vergangenen Wochen haben Spuren hinterlassen. Die Partei ist völlig zerstritten in der Frage, wie sie am besten mit der Linkspartei umgeht. Tabuisieren, kooperieren, ignorieren? Die Positionen gehen weit auseinander.

Kritik an "Heckenschützen"

Und obwohl sich Ypsilanti an diesem Samstag als Siegerin feiern lässt – der Streit wird sich fortsetzen. Wie tief die Gräben zwischen den beiden Lagern schon sind, zeigt sich bei einem beinahe eskalierenden Wortwechsel zweier Delegierter.

Stephan Grüger, ein großer, massiger Linker hatte bei der Aussprache "die Heckenschützen unserer Partei" scharf kritisiert. Als er die Bühne verlässt, bekommt er zwar donnernden Applaus, aber auch harsche Widerworte zu hören. "Wegen Leuten wie dir werden wir zur 18-Prozent-Partei", herrscht ihn eine Genossin an. Er solle doch gefälligst Namen nennen, wen er denn da konkret gemeint habe, fordert ein anderer Parteikollege. Grüger redet sich in Rage: "Das mit der Metzger muss doch einer an die Presse gegeben haben. Um der Andrea eins auszuwischen." Was er meint: Als die Abgeordnete Dagmar Metzger Ypsilanti mitteilte, bei einer Tolerierung durch die Linken nicht mitzumachen, meldete es wenig später auch die "Süddeutsche Zeitung".

In Hanau ist Metzger vorsichtshalber nicht aufgetaucht, doch in einem internen Papier erklärte sie: "Irgendwer muss die Nachricht über meine Weigerung, Andrea Ypsilanti (...) zu wählen , an die 'Süddeutsche' gegeben haben. Ich war es nicht! Als ich (nach dem Urlaub) mit dem Zug in Darmstadt angekommen bin, stand bereits die Presse bei mir vor der Haustür."

Hinter vorgehaltener Hand fällt bei den Genossen immer wieder der Name Walter, wenn danach gefragt wird, wer die Interna öffentlich gemacht hat. Doch Ypsilantis Anhänger sträuben sich, den Widersacher öffentlich zur Verantwortung zu ziehen. Dafür sei die Lage der Partei momentan zu schlecht. Ein Genosse umschreibt es mit dem Bild eines Schiffes in hoher See. "Wenn wir jetzt noch Walter abschießen, muss das Boot unweigerlich kentern."

Genossen wollen Ypsilanti stärken, Walter abwatschen

So beschränkt sich der Parteitag darauf, Walter abzuwatschen und Ypsilanti zu stärken. Auch seine Mitstreiterin, die Bundestagsabgeordnete Nina Hauer, erntet bei ihrem Redebeitrag nur Buhrufe und höhnische Kommentare. Hauer gehört wie Walter zu den Netzwerkern in der SPD. Während Ypsilantis Rede hatte sie sich kaum Mühe gegeben, ihre Abneigung gegen die Landesvorsitzende zu verbergen. Immer wieder reißt sie die Augen weit auf, schüttelt den Kopf und klatscht – wenn überhaupt einmal – äußerst widerwillig in die Hände.

Als sie dann aber zwei Stunden später ans Rednerpult darf, wird ihre Außenseiterrolle an diesem Tag offenkundig. "Wenn wir uns nicht die Große Koalition offen halten, sind die Grünen schneller in Jamaika, als wir gucken können", warnt Hauer. Und die Linkspartei werde schließlich geführt von jemandem, der sich "als Ziel gesetzt hat, uns Sozialdemokraten zu demütigen". Gemeint ist Oskar Lafontaine.

Doch so unbeliebt der ehemalige SPD-Chef auch ist, Hauers Worte stoßen auf breite Ablehnung. Ein paar Delegierte klatschen zwar zaghaft in die Hände. Aber als sie die bösen Blicke ihrer Nebenleute verspüren, geben sie es schnell wieder auf.

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