Parteitag in Dortmund Europäischer als die Grünen ist ein Schwarzer

Die Grünen wollen auf ihrem Bundesparteitag "Europa klar machen" - aber zum Auftakt stiehlt ihnen ein Schwarzer die Show: Luxemburgs christdemokratischer Premier Juncker zeigt bei seinem Gastauftritt, worauf es in der europäischen Gemeinschaft ankommt.

Dortmund - Natürlich, Jean-Claude Juncker ist ein pünktlicher Mensch. Er kommt aus einem kleinen Land, da ist wenig Raum für Verspätungen. In Deutschland hat dagegen selbst eine so genannte kleine Partei wie die Grünen so viele Mitglieder, dass bei einem Bundestreffen Hunderte zusammenkommen. Zeitpläne sind auf einem Grünen-Parteitag eher der groben Orientierung dienlich - was auch der prominente Gast aus Luxemburg an diesem Freitagabend lernen muss: Als der christdemokratische Premier die Dortmunder Westfalenhalle betritt, debattiert die Partei gerade über die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise. Aber nicht in Europa, sondern in Deutschland. Und das dauert.

Luxemburgs Premier Juncker: Europa-Nachhilfe für die Grünen

Luxemburgs Premier Juncker: Europa-Nachhilfe für die Grünen

Foto: DPA

Juncker wundert sich kurz, dann verlässt er nach wenigen Momenten erst mal wieder die Halle.

"Europa klar machen" ist als Logo auf den Bühnenhintergrund geschrieben, natürlich in großen grünen Buchstaben. Die Grünen wollen auf diesem Parteitag klarmachen, dass Europa ihnen - anders als den konkurrierenden politischen Kräften - immer noch ein Herzensanliegen ist. So sehr, dass Delegierte aus allen Landesverbänden dafür drei Tage zusammenkommen, um über die Liste der Kandidaten für die anstehende Wahl zum Europaparlament und das entsprechende Programm zu beraten und abzustimmen. Die FDP beispielsweise erledigte das am vergangenen Wochenende in wenigen Stunden.

Allerdings ist noch nicht jeder Grüne an diesem Tag in Europa angekommen: Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke spricht beim Pressebriefing versehentlich vom zu verabschiedenden "Bundestagswahlprogramm und der Bundestagsliste".

Die Grünen wollen in Dortmund jedenfalls so europäisch sein, dass sie dafür sogar einen Christdemokraten auf ihrem Parteitag reden lassen. Einen, der wie kein anderer Regierungschef auf dem Kontinent für Europa steht.

Einen, der ihnen am Ende die Europa-Show stiehlt.

Denn als Luxemburgs Premier nach stundenlangen Debatten über das richtige Rettungspaket für Deutschland endlich zu den Delegierten sprechen darf - Parteichefin Claudia Roth hat Juncker nach der Begrüßung durch ihren Co-Vorsitzenden Cem Özdemir in herzlicher Umarmung ans Rednerpult geleitet - wird es unter der hohen Kuppel der Westfalenhalle zum ersten Mal still in dem riesigen Raum. "Endlich hören mal alle zu", sagt ein Grüner.

Dabei hält dieser Jean-Claude Juncker eine kleine, stille Rede. Aber sie macht vom ersten bis zum letzten Wort klar: Dies sind nicht nur große europäische Worte, hier spricht auch ein großer Europäer.

"Er wird eine Rede halten, die den Delegierten gefällt", hat zuvor ein Grüner gesagt, der ihn gut aus Brüssel und Straßburg kennt. Dass Europa Mindestlöhne braucht, dass Europa keinen Wettstreit um soziales Dumping zulassen darf, dass Europa gemeinsame Umweltstandards braucht - auf dem Parteitag der CDU würde Juncker anderes betonen. Und es stimmt auch, dass er bei manchem sehr vage bleibt. Beispielsweise wenn Juncker geißelt, dass die EU nicht weiter zulassen dürfe, wie manche EU-Staaten sich als Steueroasen profilieren. "Luxemburg ist eine der größten Steueroasen Europas", sagt da ein grüner Finanzpolitiker.

Juncker liefert überzeugende Argumente - und Witz

Aber Juncker macht eben auch deutlich: Die Integration Europas ist der größte politische Erfolg der vergangenen 50 Jahre - und sie muss weitergehen: "Krieg und Frieden bleibt ein europäisches Thema." Mancher im Saal mag sich da an die Grünen-Debatten zum Kosovo-Krieg erinnern. "Ich möchte nicht mehr, dass Väter ihren Kindern vom Krieg erzählen müssen", sagt Juncker. Sein Vater musste in der Wehrmacht kämpfen, erzählt er, wurde schwer verletzt. Die Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland sei der wichtigste Grundstein der EU, die Öffnung immer neuer Grenzen die logische Konsequenz.

Auch wirtschaftlich liefert Juncker zwingende Argumente für die EU: "Ohne den Euro wäre Europa in einer noch viel größeren Krise", sagt er, "der Euro schützt Europa." Und dann kommt wieder einer der leisen Scherze, mit denen der Schwarze die Grünen erst recht auf seine Seite zieht und den Saal zum Lachen bringt: "Der Euro und ich, wir sind die einzigen Überlebenden von Maastricht." Juncker regiert sein Land seit 1995.

Er würde ja gerne noch so einiges ausführen, sagt Juncker, "aber da ist diese rote Lampe, die so unangenehm blinkt". 20 Minuten sind da vorüber, so viel Redezeit hat man ihm zugebilligt.

"Wir müssen uns als Radikaleuropäer bekennen." Mit diesem Satz beendet Juncker seinen Vortrag. Von Parteichefin Roth bekommt er für sein Europa-Plädoyer einen Blumenstrauß, von den Delegierten stehende Ovationen.

Zu Beginn seiner Rede hatte er die "wenigen lieben Freunde" im Saal begrüßt und gesagt: "Ich hoffe, es werden nachher mehr sein".

Es müsste funktioniert haben.

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