Patriotismus-Debatte "Das wird schnell wieder verschwinden"

Die Union will nach dem CDU-Parteitag den Patriotismus beleben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Politologe Kurt Sontheimer über die neu entflammte Debatte und das Unbehagen der Deutschen gegenüber dem P-Wort.


Kurt Sontheimer lehrte bis zu seiner Emeritierung 1993 Politische Wissenschaft an der Universität München. Seine Schwerpunkte waren die Regierungslehre und das deutsche Regierungssystem. Der 76-Jährige hat zahlreiche Bücher geschrieben. Zuletzt erschien der Band "So war Deutschland nie. Anmerkungen zur politischen Kultur der Bundesrepublik" (1999)
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Kurt Sontheimer lehrte bis zu seiner Emeritierung 1993 Politische Wissenschaft an der Universität München. Seine Schwerpunkte waren die Regierungslehre und das deutsche Regierungssystem. Der 76-Jährige hat zahlreiche Bücher geschrieben. Zuletzt erschien der Band "So war Deutschland nie. Anmerkungen zur politischen Kultur der Bundesrepublik" (1999)

SPIEGEL ONLINE:

Die Union will den Patriotismus beleben. Allerdings scheint niemand so recht zu wissen, wofür dieser Begriff steht. Wie ist Patriotismus politikwissenschaftlich zu definieren?

Sontheimer: Patriotismus heißt ins Deutsche übersetzt zunächst einmal Vaterlandsliebe. Hinzu kommt die konstruktive Bejahung der Zugehörigkeit zu einem Land und einem Volk sowie die Bereitschaft, diesem zu Diensten zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wann würde jeder Einzelne in diesem Sinne patriotisch handeln?

Sontheimer: Immer dann, wenn man das Interesse das Landes und der Gesamtheit höher stellt und höher einschätzt als das private Interesse oder das Interesse bestimmter Gruppen. Ein Interesse also, das über den vorhandenen Einzelinteressen rangiert.

SPIEGEL ONLINE: Sowohl bei der CDU/CSU wie auch bei den Sozialdemokraten ist ein ziemliches Unbehagen mit dem Begriff zu beobachten. Das äußert sich bei einigen Christdemokraten in Formulierungen wie "moderner Patriotismus" oder "aufgeklärter Patriotismus", um sich von nationalistischem Gedankengut abzugrenzen.

Sontheimer: Wobei man im Dritten Reich nicht von Patriotismus sprach, sondern eher von "ein Volk, ein Reich, ein Führer" und ähnlichem. Man muss aber natürlich versuchen, sich von dieser Vergangenheit abzusetzen, im Sinne einer sinnvollen und menschenwürdigen Politik. Der Patriotismus ist damals ja maßlos missbraucht worden.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie das Unbehagen an dem Patriotismus-Begriff ausschließlich auf das Nazi-Regime zurückführen?

Sontheimer: Ja. Genauer gesagt vorwiegend auf das Dritte Reich und auf die Entwicklung, die in das Dritte Reich geführt hat. Denn auch vor dem Nationalsozialismus gab es ja einen maßlosen Patriotismus: Das Kaiserreich war ein gänzlich nationalistisches System. Die Weimarer Republik hat da später keine Einheit finden können und ist schließlich von den Nationalsozialisten überrannt worden. Ich finde es daher nicht falsch, dass die CDU den Patriotismus-Begriff nicht ohne weiteres übernimmt, sondern mit Beiwörtern wie "aufgeklärt" oder "modern" versieht - das zeigt einen gewissen Respekt vor der "bösen Geschichte" des Patriotismus in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: In der Geschichte der Bundesrepublik ist zu beobachten, dass sich die Parteien wechselseitig für den Patriotismus stark gemacht haben. So hatte sich die CDU in den Fünfziger Jahren als Partei Europas und der Westbindung positioniert, woraufhin ihr von der SPD vorgeworfen wurde, unpatriotisch zu handeln. Eine verkehrte Welt, wenn die CDU heute der SPD ähnliches vorwirft.

Sontheimer: Das stimmt. Doch damals ging es um die Erhaltung der deutschen Einheit, die durch den Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. In diesem Sinne war das eine nationale, aber keine unbedingt patriotische Position.

SPIEGEL ONLINE: Ist CDU heute unter Angela Merkel dabei, ihr europäisches Erbe aufzugeben?

Sontheimer: Nein, überhaupt nicht. Es ist ja auch eine vollkommen künstliche Diskussion. Diese ist nur aus einer gewissen inhaltlichen Verlegenheit heraus entstanden. Das wird ganz schnell wieder verschwinden, das ist ein reiner Parteitagspatriotismus, der keine Folgen haben wird, weder für Deutschland noch für Europa.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn eine griffige Alternative zum Patriotismus-Begriff?

Sontheimer: Nein, die gibt es nicht. Einige Ausdrücke, die diesen Begriff ersetzen sollen, wie zum Beispiel Gemeinwohl oder Arbeiten für das Ganze sowie die Gesellschaft und der Staat der Bundesrepublik Deutschland - da schwingt nicht das Emotionale mit, das der Begriff des Patriotismus transportiert. Gegenwärtig wird versucht, das Gefühl zu wecken, dass die Menschen sich für etwas einsetzen und aufopfern sollen. Ich sehe aber nicht, wie das in der realen Situation unserer Gesellschaft funktionieren soll. Frau Merkel spricht diesbezüglich von einer Schicksalsgemeinschaft. Diese existiert aber nur abstrakt, nicht im Bewusstsein der Menschen. Die Politik kann insofern mit Worten nichts ändern, sie muss Taten bringen, und da hat eben Frau Merkel auch nichts zu bieten, was diesen Patriotismus unterstützen und mit Inhalt füllen könnte.

Das Interview führte Florian Peil.



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