Patriotismus Kardinal Lehmann warnt vor Heimatverklärung

Die von der CDU angestoßene Patriotismusdebatte stößt auf immer größere Ablehnung. Führende SPD-Politiker rufen die Union zur Zurückhaltung auf. Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, kritisiert die Oberflächlichkeit der Debatte und bezeichnete sie als "Gift" beim Nachdenken über Grundwerte.

Berlin - Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, kann der derzeit laufenden Patriotismusdebatte nicht viel abgewinnen. In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte er: "Mir wäre eine wirkliche Grundwertedebatte lieber". Der Kardinal bedauerte, dass die Diskussion zu diesem Thema seit 30 Jahren immer wieder kurz aufflamme, und dann schnell wieder ende. Dieses Vorgehen sei aber "Gift" beim Nachdenken über die Grundwerte. "Daher habe ich etwas gegen diese modische Welle, das ist zu oberflächlich", bemängelte Lehmann.

Der Kardinal bezweifelte auch, dass sich das Thema Patriotismus für eine Grundwertedebatte eignet. "Es gibt auch eine romantische Verklärung von Vaterland und Heimat, die uns jedoch nicht weiterbringt." Wichtig sei allerdings schon, was für ein vernünftiger Nationenbegriff im neuen "Europa der Vaterländer" übrig bleibe.

Auch von dem jüngst aus den Reihen der Union geäußerten Vorschlag, Zuwanderer sollten einen Eid auf die deutsche Verfassung ablegen, hält Lehmann nicht viel: "Das verlangen wir auch von uns selbst nicht", sagte er der Zeitung.

Unterdessen forderten führende SPD-Politiker die Union zu Zurückhaltung in der Patriotismusdebatte auf. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse warnte in der "Berliner Zeitung" vor gefährlichen Missverständnissen: Patriotismus könne auch spaltend wirken, wenn man ihn als Pathos-Formel in der Auseinandersetzung mit parteipolitischen Gegnern einsetze. "Das sollte niemand wollen, denn der politische Effekt könnte, selbst nach einem parteipolitischen Erfolg, hoch problematisch sein", sagte er dem Blatt.

"Richtig schwieriges Thema"

Thierse hält Patriotismus nach eigenen Angaben grundsätzlich für einen schwierigen Begriff, der leicht falsch verstanden werden könne. Seine Deutungen reichten von Gemeinsinn und Solidarität auf der positiven bis zu Nationalismus und Chauvinismus auf der negativen Seite. "Mit Wörtern von einem so breiten Wirkungsspektrum sollte man pfleglich umgehen, denn sie laden zu Missverständnissen ein", sagte Thierse.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck kritisierte ebenfalls die Debatte: Er halte nichts davon, den Patriotismus wie ein Banner vor sich her zu tragen, sagte der SPD-Politiker der "Bild"-Zeitung. Ihm sei ein ganz unbefangener Umgang damit lieber. "Ich bin gerne Deutscher, und ich bin stolz, dass Deutschland nach seiner schrecklichen Vergangenheit wieder eine weltweit geachtete und anerkannte Nation geworden ist", sagte Beck. Er singe gerne die Nationalhymne, und in seinem Arbeitszimmer stehe auch die Deutschlandfahne.

Die SPD-Politikerin Heide Simonis, Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, wies darauf hin, dass Patriotismus ein "richtig schwieriges Thema" sei. Es gehe darum, Begeisterung für sein eigenes Land zu wecken und die Menschen dazu zu kriegen, "zu arbeiten, ehrenamtlich tätig zu sein, sich zu engagieren". Sie lehne es allerdings ab, den Begriff als Kampfbegriff etwa gegen Ausländer zu benutzen.

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