Steinbrück auf NRW-Tour Peer und Paula

Peer Steinbrück, Anwärter auf die SPD-Kanzlerkandidatur, tingelt durch die nordrhein-westfälische Provinz. Doch mit Bekenntnissen zur Agenda 2010 lassen sich bei den skeptischen Genossen kaum Beifallsstürme ernten. Bleibt nur die große Charme-Offensive.

SPD-Politiker Steinbrück (Archivbild vom Juli 2011): Locker in Nordrhein-Westfalen
dapd

SPD-Politiker Steinbrück (Archivbild vom Juli 2011): Locker in Nordrhein-Westfalen

Von , Marl und Iserlohn


In Marl kommt die Frage schon nach einer Minute. Peer Steinbrück hat es sich gerade erst auf dem roten Sofa bequem gemacht, da will Paula wissen, was denn nun ist mit der Kanzlerkandidatur. "Mensch, das hatte ich erst am Ende erwartet", sagt Steinbrück, er wirkt tatsächlich ein bisschen überrumpelt. In Bielefeld am Tag zuvor durfte er immerhin zunächst mal seine etwa halbstündige Standardrede halten - der SPD-Politiker nennt sie "tour d'horizon" -, erst nach weiteren zehn Minuten kam der Moderator auf die K-Frage zu sprechen. Und in Iserlohn, wo der Sozialdemokrat am Abend nach zwei Terminen in Marl auftritt, dauert es sogar zwei Stunden, bis er sich diesem Thema stellen muss.

Wenn Steinbrück geglaubt hatte, die Kanzlerkandidaten-Frage der SPD interessiere außerhalb von Berlin keinen Menschen, muss er sich dieser Tage eines Besseren belehren lassen.

"Nicht jeder hat wegen dieser Frage schlaflose Nächte", sagt Steinbrück auf dem Sofa in Marl, das man auf ein Podest im großen Saal der örtlichen Volkshochschule gestellt hat. "Ich schon", ruft da ein junger Mann aus dem Publikum.

Verraten will Peer Steinbrück ihm trotzdem nichts. Ob er bei der kommenden Bundestagswahl gegen Angela Merkel antritt, SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier oder vielleicht doch der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel - Steinbrück verweigert die Antwort. Stattdessen betont er das gute Verhältnis innerhalb der sogenannten Troika und verweist auf die Planungen, wonach frühestens um die Jahreswende eine Entscheidung fallen könnte, am liebsten sogar erst nach der Niedersachsen-Wahl am 20. Januar. "Die SPD sollte sich nicht verrückt machen lassen", sagt er.

Ist die Terminplanung zu halten?

Das klingt putzig, denn die Sozialdemokraten sind längst dabei, sich verrückt machen zu lassen wegen der K-Frage. Kaum einer glaubt noch, dass die Terminplanung zu halten sein wird. Erst kürzlich hat Altkanzler Gerhard Schröder seiner Partei den Rat gegeben: "Wartet nicht zu lange mit der Entscheidung".

Schröder hat sich übrigens vor geraumer Zeit für Steinbrück als Kanzlerkandidaten ausgesprochen, genau wie der zweite noch lebende SPD-Altkanzler Helmut Schmidt. Aber so sehr ihn diese beiden schätzen - mit vielen aktiven Genossen tut er sich ein bisschen schwerer. Das heißt es jedenfalls über den gebürtigen Hamburger, weil Steinbrück so gerne über die SPD polterte, als er noch das Finanzministerium führte und zuvor Nordrhein-Westfalen regierte.

Auch deshalb ist er dieser Tage in der NRW-Provinz unterwegs. Der Bundestagsabgeordnete aus dem rheinischen Hilden will zeigen, dass er es sehr wohl mit der Basis kann. Beispielsweise in Marl, früher baute man hier im Ruhrgebiet Steinkohle ab, man spricht daher gerne von der sozialdemokratischen Herzkammer. Da sitzt Steinbrück nun auf dem roten Sofa neben Paula, die jetzt noch nervöser ist, wo ihre erste Frage gleich so ins Schwarze getroffen hat. Paula ist sehr hübsch, bei den Jusos und kommt demnächst in die zehnte Klasse. Zum Glück werden die Fragen bald ans Publikum übergeben, Paula muss dann nur noch das Mikrofon halten.

Auch beim nächsten Termin sitzt Paula wieder neben dem prominenten Gast, diesmal an einem rot überzogenen Biertisch: Im Marler Rathaus ist Steinbrück Ehrengast beim 100. Geburtstag der örtlichen Sozialdemokraten. Drinnen im Saal spielt schon die Bergmanns-Kapelle, aber Steinbrück hat sich im Foyer erstmal einen Becher mit Erdnüssen geschnappt. Mehr SPD-Milieu geht nicht, und man muss das mit eigenen Augen gesehen haben - Steinbrück genießt es. Den Plastikbeutel mit einem Häufchen Kohle als Andenken hat er schon in seiner Aktentasche verstaut, genau wie den Becher mit der Aufschrift "100 Jahre SPD-Marl", nun bekommt er auch noch eine handsignierte Bibel von einem als Grubenarbeiter verkleideten Genossen geschenkt. Und zwischendurch erklärt Steinbrück noch mal eben, wie das nun ist mit der EZB und dem ESM und warum Rot-Grün im Bund doch klappen kann.

"Wünsche weitere 100 gute Jahre"

"Ich wünsche euch weitere 100 gute Jahre - wenn ihr mich nochmal einladet, komme ich wieder", sagt Steinbrück später zum Abschluss seiner Rede.

Ja, ein bisschen ist es eine Schmusetour, die er in diesen Tagen absolviert. Weil Steinbrück davon ausgehen muss, dass er in NRW manches gut zu machen hat. Der SPIEGEL berichtete kürzlich, die Ministerpräsidentin und SPD-Landeschefin Hannelore Kraft wolle Steinmeier als Merkel-Herausforderer. An der mächtigen NRW-SPD vorbei kann niemand Kanzlerkandidat werden, das weiß Steinbrück.

Allerdings kann man ihm nun wirklich nicht vorwerfen, er würde sich bei den Genossen anbiedern. "Ich halte die Agenda 2010 nach wie vor für einen der Gründe, dass wir 2012 so gut dastehen", sagt Steinbrück bei der 100-Jahr-Feier in Marl. Wenn das nur spärlichen Beifall gibt, dann ist es halt so. Oder in Iserlohn, beim letzten Termin des Tages, wieder vor einigen hundert Zuhörern. Hier werden die Fragen des Publikums von einem Moderator vorgelesen. Warum man seinesgleichen stets ans Geld gehe, will ein Rentner wissen. Steinbrücks Antwort: "Auf die Gefahr, dass ich in die Beete Ihrer Gefühle trete, das sehe ich anders." Peng.

So ist das mit Peer Steinbrück. Ja, er hat offenbar Lust, noch mal ganz vorne dabei zu sein. Sonst würde er sich das mit der Tingelei durch die Provinz auch nicht antun, ein Mann von 65 Jahren, der so viele Interessen hat, dass es für eine Handvoll Pensionäre reichen würde. Aber verbiegen wird sich Steinbrück deshalb nicht. Wenn die SPD ihn nicht will, bitteschön.

"Ellen schreibt", liest der Moderator vor: "Ich will, dass Sie Kanzler werden." Doch, das ist auf jeden Fall ein Lächeln, das in diesem Moment über Steinbrücks Gesicht huscht.

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Seite 1
fort-perfect 24.08.2012
1. Ich finde,
Zitat von sysopdapdPeer Steinbrück, Anwärter auf die SPD-Kanzlerschaftskandidatur, tingelt durch die nordrhein-westfälische Provinz. Doch mit Bekenntnissen zur Agenda 2010 lassen sich bei den skeptischen Genossen kaum Beifallsstürme ernten. Bleibt nur die große Charme-Offensive. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851800,00.html
Steinbrück sollte seinen vielen Interessen folgen und den deutschen Wähler nicht mit seiner offensichtlichen Ignoranz belästigen.
frubi 24.08.2012
2. .
Zitat von sysopdapdPeer Steinbrück, Anwärter auf die SPD-Kanzlerschaftskandidatur, tingelt durch die nordrhein-westfälische Provinz. Doch mit Bekenntnissen zur Agenda 2010 lassen sich bei den skeptischen Genossen kaum Beifallsstürme ernten. Bleibt nur die große Charme-Offensive. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851800,00.html
"Bleibt nur die große Charme-Offensive." Es ist doch ein Armutszeugniss, dass man bei der SPD nicht mit Argumenten sondern eher mit flotten Sprüchen punkten kann. Und es ist auch kein Argument für die 3 Herren, dass eigentlich Frau Kraft die besten Chancen auf eine Kanzlerschaft hat. Letztlich kriegen wir 2013 sowieso die "Große Katas... ähh Koalition" mit Merkel an der Spitze, die dann wieder nur im Ausland rumturnt.
curti 24.08.2012
3. Gut dastehen auf........
Zitat von sysopdapdPeer Steinbrück, Anwärter auf die SPD-Kanzlerschaftskandidatur, tingelt durch die nordrhein-westfälische Provinz. Doch mit Bekenntnissen zur Agenda 2010 lassen sich bei den skeptischen Genossen kaum Beifallsstürme ernten. Bleibt nur die große Charme-Offensive. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851800,00.html
....wessen Kosten/Leiden? Einem nicht geringen Teil derjeniegen in der Bevölkerung, für die diese Partei früher mal eingetreten ist und vorgibt, dies auch heute noch zu tun! Ansonsten - wird Zeit dasd die neoliberale Propagandamaschine angworfen wird für Steinbrück. Mal schaun wieviel Kern-SPD sich dagegen durchzusetzen vermag.
restauradores 24.08.2012
4. Warum verweigert uns
Zitat von sysopdapdPeer Steinbrück, Anwärter auf die SPD-Kanzlerschaftskandidatur, tingelt durch die nordrhein-westfälische Provinz. Doch mit Bekenntnissen zur Agenda 2010 lassen sich bei den skeptischen Genossen kaum Beifallsstürme ernten. Bleibt nur die große Charme-Offensive. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851800,00.html
SPON ein Bild mit Paula?
KäptnBlaubär 24.08.2012
5. Peer und Paula und Pech....
....Pech, das sich die Menschen in meiner Heimatstadt von diesem Beutegreifer einlullen lassen. (Bekenntnis Agenda 2010) Bedeutet: Weiter schutzlos in ALG II abzugleiten,weiter in die Armutsrente,die Rente mit 67 undals fstocker -der 3 Millionste oder 4 Millionste zu werden. Das sollten sich die Parteigänger der SPD in Marl eimal bewußt machen um 100dersten Geburtstag. Vorbei sind die Zeiten wo noch vor den Zechentoren für Samstagfrei und 45h Woche demonstriert wurde, wo noch Fahrdienste eingerichtet wurden um an Reden von Willi Brand teilzunehmen usw. Vorbei. Vorbei auch die Zeit wo sich noch Arbeit für den kleinen Mann lohnte und der Spruch galt " Gute Arbeit guter Lohn" ! Schade SPD Marl, Schade.
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