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10. März 2015, 18:57 Uhr

Ratschläge vom Ex-Kanzlerkandidaten

Wenn Steinbrück allein bestimmen könnte

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Peer Steinbrück erteilt Ratschläge an Politik, Medien und Bürger. Seine Generalkritik ist zum Teil heftig - doch weiß es Steinbrück vielleicht wirklich besser? Eine nicht ganz ernst gemeinte Liste.

Berlin - Er meldet sich zurück - und hat viele Belehrungen im Gepäck. Peer Steinbrück tourt mit seinem Buch "Vertagte Zukunft: Die selbstzufriedene Republik" durchs Land. In Interviews, etwa mit dem SPIEGEL, geht der Ex-SPD-Kanzlerkandidat nicht nur mit seiner Partei hart ins Gericht. Er beklagt sich über Politik und Medien, Bürger und Gesellschaft. Seine indirekte Botschaft: Alle sind mehr oder weniger ahnungslos - außer einem: Peer Steinbrück.

Makel um Makel listet Steinbrück auf, seine Generalabrechnung hat es in sich. So kritisiert Steinbrück die "Sumpfgebiete" der Medien, Zeitdruck im Internet sowie eine "Tendenz zur Banalisierung, Skandalisierung und kruden Personalisierung von Politik".

Der Bürger sei unterfordert, das Volk passiv, die Energiewende "verdrillt", die Investitionslücke bedenklich. Zentrale Zukunftsfragen wie Globalisierung und Digitalisierung würden verschlafen. Seine Anwürfe garniert Steinbrück mit historischen Referenzen.

Ein Land nach Steinbrücks Wünschen, das wäre wunderbar - findet wohl Steinbrück. Wie würde eine steinbrücksche Republik aussehen?

Ein wunderbarer Traum. Begeisterte Bürger, Abo-Prämien mit Anspruch, Wahlkämpfe ohne Personenkult: So wäre Deutschland mit Steinbrück als Kanzler. Eine nicht ganz ernst gemeinte Liste über ein ideales Land.


1. Die Politikverdrossenheit nimmt dramatisch ab. Jeder will Politik machen. In den Warteschlangen für kommunale Mandatslisten kommt es zu tumultartigen Szenen (die mithilfe einer staatlichen Mediatoren-Task-Force beruhigt werden). Die Wahlbeteiligung liegt bei 100 Prozent. Die Stimmen von Bettlägerigen, Langschläfern und Auslandsreisenden werden anhand innovativer statistischer Zählmethoden eingerechnet. Als einziger verbliebener TV-Sender überträgt Phoenix Parlamentsdebatten in der Dauerschleife, die Quoten explodieren.

2. Die Energiewende ist vollbracht. Es ist gelungen, die richtige Menge an Windrädern, Solaranlagen, Trassen und Gaskraftwerken punktgenau zu installieren. Protestierende Bürger wurden mittels einer Dialogplattform in konstruktiven Gesprächen überzeugt. Der Strom ist bezahlbar, Konzerne haben freiwillig auf Privilegien verzichtet, Deutschland ist Europameister in Emissionsreduktion.

3. Kritischer Journalismus ist überflüssig. Es gibt nichts mehr zu prüfen, kontrollieren, korrigieren. Alle Politiker, Unternehmer, Verbände und Parteien leisten Exzellentes und arbeiten fehlerfrei.

4. Für schnöde Unterhaltung gibt es keine Nachfrage. Die "Gala" hat sich umbenannt in "Galan" und präsentiert nun Fotostrecken hochwertiger Herren-Dreiteiler, als Abo-Prämie gibt es 50 Prozent Rabatt auf die Zigarrenbox "The Bridge".

5. Die Ablenkungsindustrie geht pleite. Der US-Streamingdienst Netflix wird zwei Jahre nach seiner Einführung in Deutschland wieder abgeschaltet.

6. Ein Mindestpreisgesetz für Pinot Grigio (8,50 Euro) wird eingeführt.

7. Behaglichkeit als Prinzip ist abgeschafft. Alle Menschen mit Vorgarten und SUV werden per Siegelbrief sanft aufgefordert, ihren Lebensinhalt zu überdenken und in einem Fragebogen gemeinnützige Ziele zu formulieren. Die Bundesregierung nennt die Kampagne "Zukunft ist für alle da - nicht nur für dich selbst".

8. Alles hat seine Ordnung. Die Gehwege der Großstädte sind sauber, Kaufhaustoiletten auch. Seit dem 23-Milliarden-Infrastruktur-Investitionspaket der Bundesregierung gibt es keine Staus mehr. Die Zahl der Knochenbrüche im Winter geht spürbar zurück: Ein spezielles Winterdienst-System, das die Bundesregierung im Silicon Valley eingekauft hat, fängt in Ballungszentren Schneeflocken bereits vor dem Herabsinken ab.

9. Das Internet wird entschleunigt. Google-Suchergebnisse erscheinen viereinhalb Minuten nach der Eingabe des Suchworts. Tweets werden sieben Minuten nach Verfassen abgesetzt. YouTube-Videos werden nur noch in Slowmotion abgespielt. Der Internet Explorer Version 4.0 wird Standard in allen Behörden und Unternehmen.

10. Die Parteien fordern ihre Wähler intellektuell heraus. Die Wahl- und Regierungsprogramme sind in Englisch, Französisch und Latein verfasst, um die Fremdsprachenkenntnisse des Volks zu steigern.

11. Gesichter auf Wahlplakaten sind verboten. Stattdessen finden sich dort Auszüge aus den Wahlprogrammen (siehe Punkt 10). Auch Presseerzeugnisse müssen personenneutral, geschlechtsneutral, meinungsneutral und inhaltsneutral berichten. Plakative Gesten, wie etwa ein ausgestreckter Mittelfinger auf einem Magazincover, werden sanktioniert. Eine gesetzliche Homestory-Quote sorgt dafür, dass kein Politiker häufiger zitiert wird als ein anderer.

12. Der Sprachgebrauch von Millionen Deutschen wird kultiviert. Das "Allgemeine Wortschatzgesetz" sorgt dafür, dass Begriffe wie "Alder" und "Swag" von U-Bahn- und Schulhöfen verschwinden, Kindernamen wie Fräncy und Justin ebenso. Es gehört zum guten Ton, bei Premierenfeiern und Bargesprächen mindestens ein Talleyrand-Zitat parat zu haben.


Alle aktuellen Aussagen von Peer Steinbrück lesen Sie im neuen SPIEGEL (hier laden Sie ihn herunter) und im Interview mit dem Deutschlandfunk.

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