Strategiedebatte Steinbrück wirft SPD Realitätsverlust vor

Die SPD ist in der Krise - den Ex-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück überrascht das nicht. Im SPIEGEL wirft er seiner Partei vor, in einer "Vielfaltseuphorie" die wahren Probleme der Menschen auszublenden.
Peer Steinbrück (Archiv aus dem Jahr 2015)

Peer Steinbrück (Archiv aus dem Jahr 2015)

Foto: Britta Pedersen/ picture alliance / dpa

Der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sieht seine Partei in einem verheerenden Zustand und wirft den Sozialdemokraten vor, sich in einer "Vielfaltseuphorie" von den Alltagssorgen in der Bevölkerung entkoppelt zu haben. "Die Partei hat zum dritten Mal hintereinander die Bundestagswahl krachend verloren. Sie ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit", sagte Steinbrück in einem Gespräch mit dem SPIEGEL.

Vor allem beim Thema Integration lasse sich die SPD "von einer ehrenwerten Gesinnung den Blick auf Realitäten trüben", kritisierte der Sozialdemokrat. Seine Partei müsse sich fragen, "ob das Pendel in den vergangenen Jahren nicht zu weit in Richtung einer Vielfaltseuphorie und eines gehypten Multikulturalismus ausgeschlagen ist", so Steinbrück. "Wie die Sozialisten in Frankreich ist auch die SPD in Gefahr, sich mehr um Antidiskriminierungspolitik und Lifestyle-Themen zu kümmern und darüber die Befindlichkeiten der Mehrheitsgesellschaft außer Acht zu lassen." (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

Steinbrück rief die SPD zu einer strategischen Umkehr auf. Er ermahnte die Sozialdemokraten, die "Verdrängung Einheimischer und die Homogenisierung von Stadtquartieren" sowie den Verfall von Alltagskultur stärker zu thematisieren. Auch einer Debatte über die deutsche Leitkultur dürfe sich seine Partei nicht länger verweigern. Eine spezifisch deutsche Kultur abzustreiten sei "fatal", sagte Steinbrück, "weil es dem unsäglichen Vorurteil Vorschub leistet, die SPD habe ein gestörtes Verhältnis zum nationalen Erbe".

Der Ex-Kanzlerkandidat, der in der kommenden Woche sein neues Buch vorstellen wird, rechnete zudem mit dem zurückliegenden Wahlkampf der SPD ab. Das Angebot der Partei habe "wie ein Sommerschlussverkauf" gewirkt, so Steinbrück: "Ich hatte manchmal den Eindruck, dass Martin Schulz hinter der Flut der Sachaussagen buchstäblich verschwand."

Er forderte eine radikale Reform des Willy-Brandt-Hauses. "Die Mitarbeiter dort leben zu sehr in den Fotoalben vergangener Jahrzehnte", kritisierte Steinbrück. Die SPD-Zentrale sei zu einem "großen Echoraum" geworden. Mit Blick auf die CDU-Konkurrenz fügte er hinzu: "Das Konrad-Adenauer-Haus ist erkennbar besser aufgestellt."

Steinbrück hatte die SPD 2013 als Kanzlerkandidat in den Bundestagswahlkampf geführt. Bei der Wahl kam die Partei auf 25,7 Prozent und landete weit abgeschlagen hinter der Union.

vme
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