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Studie: Das Psychogramm der Pegiden

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Studie zu Demos in Dresden Psychogramm der Pegida-Anhänger

Wie blicken die Pediga-Demonstranten auf die Politik? Wir haben Anhänger der Bewegung befragt. Besonders unbeliebt: Bundespräsident Gauck und Kanzlerin Merkel. Hoch im Kurs dagegen: die Polizei.
Von Franz Walter

Pegida mag eine unerfreuliche Protestszene darstellen, doch für Sozialwissenschaftler ist die Bewegung ein hochspannendes Forschungsfeld. In der vergangenen Woche skizzierten Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden bereits den "typischen" Pegida-Demonstranten. Nun legen wir vom Göttinger Institut für Demokratieforschung nach .

An einer Online-Umfrage, die zur Pegida-Kundgebung in Dresden am 12. Januar initiiert wurde, beteiligten sich rund 500 Teilnehmer der Demo. Eine repräsentative Erhebung ist es ausdrücklich nicht, die Resultate sagen nur etwas über ebenjene 500 Menschen aus. Diese identifizieren die Göttinger Forscher aber als Gruppe, die sich von den Slogans der Islamfeinde angezogen und aktiviert fühlt. Sie mögen nicht den harten ideologischen Kern ausmachen, gehören aber zu denen, die sich für die Demonstrationsziele rekrutieren und mobilisieren ließen.

Die Geschlechts- und Altersstruktur:

  • An der Befragung nahmen 81,5 Prozent Männer und 18,5 Prozent Frauen teil.
  • Am stärksten vertreten waren die 46- bis 55-Jährigen mit 31,8 Prozent, gefolgt von den 36- bis 45-Jährigen mit 22,8 Prozent.

Damit unterscheidet sich die Altersstruktur von den politisch-kulturell ganz andersgearteten Protestierenden vor einigen Jahren, etwa gegen Stuttgart 21. Hier hatte eine Online-Umfrage einen deutlichen Überhang der über 55-Jährigen identifiziert, davon eine große Mehrheit mit akademischen Titeln oder Zertifikaten.

Die Quote der formal Hochgebildeten ist bei Pegida erheblich geringer. Aber - hier stimmen Göttinger und Dresdner Wissenschaftler überein - das Proletariat repräsentieren die neuen Demonstranten von rechts nicht. Das muss, wie man aus der Entstehungszeit und Verlaufsgeschichte anderer rechtspopulistischer Bewegungen in Europa weiß, nicht so bleiben. Fast immer stand am Anfang die verunsicherte soziale Mitte. Die von Sozialisten und Sozialdemokraten enttäuschten Arbeiter und Arbeitslosen schlossen sich als Wähler erst später dem Populismus von rechts an, dann aber in rasch wachsender Zahl.

Bildungs- und Beschäftigungsstruktur:

  • 35 Prozent der Befragten verfügen über einen Universitäts- und Fachhochschulabschluss, als Absolventen von Haupt- oder Volksschulen gaben sich unter den Teilnehmern der Umfrage lediglich 0,6 Prozent aus.
  • Auch der Arbeiteranteil lag nur bei 7,1 Prozent, gegenüber Angestellten mit 37,3 Prozent und Freiberuflichen/Selbstständigen mit 16,2 Prozent. 77 Prozent sind voll erwerbsfähig; 9,2 Prozent beziehen Rente.

Einem sozial ausgegrenzten "Prekariat" gehören die 500 Pegidisten nicht an. Bezeichnend ist aber sicher, dass nur acht Prozent von ihnen die heutige Lage in der Bundesrepublik als "sehr gut" bezeichneten, zugleich aber 41 Prozent die eigene Lebenssituation mit diesem Prädikat kennzeichneten. Die meisten wohnen in Dresden und Umgebung; gut zehn Prozent leben jenseits der sächsischen Landesgrenze, vor allem in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Der überwiegende Teil der Befragten (95 Prozent) gab an, an diesem 12. Januar zum ersten Mal an einer Pegida-Demonstration teilzunehmen.

Das Wählerverhalten:

  • Von denen, die bei der letzten Bundestagswahl eine Partei gewählt haben, hatten sich 44,8 Prozent für die rechtpopulistische Alternative für Deutschland (AfD) entschieden, 28,5 Prozent für die CDU/CSU und immerhin 6,8 Prozent für die Linke sowie 6,0 Prozent für die SPD. Die übrigen Parteien erhielten jeweils weniger als fünf Prozent.
  • Bei den jüngsten Landtagswahlen war die AfD in diesem Kreis gar auf 51,1 Prozent gekommen. Würde heute gewählt, so könnte sich die AfD hier über 88,2 Prozent Zustimmung freuen; die Union stürzte in dieser Sonntagsfrage auf 2,7 Prozent ab. Kein Zweifel: Die Pegida-Aktivisten streben zu einer neuen politischen Repräsentanz - und das ist die AfD. 11,5 Prozent der untersuchten Gruppe gehören ihr bereits als Parteimitglied an.

Wem wird vertraut - wem nicht?

  • Das größte Vertrauen genießt die Polizei, gefolgt vom Bundesverfassungsgericht und den Unternehmern.
  • Am wenigsten Vertrauen bekommt Bundespräsident Joachim Gauck ausgesprochen (52,7 Prozent erklärten, sie hätten "gar kein Vertrauen"), gefolgt von Kanzlerin Angela Merkel (49,3 Prozent haben kein Vertrauen). Dann folgen die EU und die öffentlich-rechtlichen Medien.

Bemerkenswert: Den Parteien wird deutlich weniger misstraut als einzelnen Politikern. 40 Prozent sind mit der Idee der Demokratie sehr zufrieden, aber nicht mit deren Realität in der bundesdeutschen Republik, die nur von 0,9 Prozent gleichermaßen geschätzt wird.

Was ist den Demonstranten wichtig?

  • Auf die Frage, was im System der Republik eine größere Bedeutung gewinnen sollte, steht an erster Stelle Recht und Ordnung.
  • Als wichtig werden auch nationale Interessen und der Meinungspluralismus genannt.
  • Gänzlich unwichtig erscheinen den Befragten Minderheitenschutz und Gleichstellung.

Als ein zentrales Anliegen weisen sie direktdemokratische Partizipationsmöglichkeiten und die Gewaltfreiheit von Protestaktionen aus. Nicht viel halten sie von der These, dass die Menschen in alternden Gesellschaften länger arbeiten sollten. Auch die Rückkehr zur D-Mark anstelle des Euros ist nur knapp einem Viertel eine Herzensangelegenheit. Die Aussage, dass Kinder "Mütter und Väter brauchen", findet hingegen allergrößte Zustimmung.

Ambivalent fallen die Auskünfte zum Staat versus Selbstverantwortung aus. 62 Prozent unterstützen die Forderung, dass der Staat mehr Verantwortung für die Gewährleistung des Bürgerwohls zu übernehmen habe. 63 Prozent finden es allerdings ebenfalls wichtig, dass die Menschen in Zukunft mehr Eigenverantwortung übernehmen sollen.

Wenig überraschend: Den heftigsten Widerspruch findet der folgende Satz: "Auch der Islam gehört zu Deutschland."

Korrektur: In einer früheren Version hieß es, der Anteil der Nichtwähler liege bei 20,3 Prozent. Der Wert bei "Keine Angaben" war zudem mit 1,8 Prozent angegeben. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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