Pegida-Demo in Dresden "Die Ruhe ist trügerisch"

In Dresden treffen sich am Abend wieder Pegida-Anhänger. Robert Koall, Chefdramaturg am Staatsschauspiel, beschreibt im Interview seine Erfahrungen mit Teilnehmern der Anti-Islam-Bewegung.

Pegida-Demo in Dresden (Anfang März): "Da hat ein unbewusster Rassismus zu sich selbst gefunden"
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Pegida-Demo in Dresden (Anfang März): "Da hat ein unbewusster Rassismus zu sich selbst gefunden"

Ein Interview von Erik Peter


SPIEGEL ONLINE: Herr Koall, von Sachsens letztem König Friedrich August III. ist der Satz überliefert: "Nu da mach doch eiern Drägg alleene." Wie oft haben Sie in den vergangenen Monaten den Drang verspürt, alles hinzuwerfen und Dresden den Rücken zu kehren?

Koall: Wer nicht in Dresden lebt, kann sich gar nicht richtig vorstellen, wie das Thema Pegida den gesamten Winter lang die Stadt beherrscht hat. Natürlich habe ich mir manchmal gewünscht, dass sich endlich wieder anderen Dingen zugewendet wird. Aber es war immer klar, dass es keine Lösung ist, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Denn es ist ja genau das Problem der Stadt, dass zu wenige Leute Verantwortung übernehmen. Inzwischen ist Pegida weniger präsent, doch die Ruhe ist trügerisch. Immerhin sind es weiterhin jeden Montag mehr als 5000 Menschen, die sich dort versammeln. Das ist die Essenz der Bewegung. Und diejenigen, die sich dort nicht mehr blicken lassen, haben ihre Meinung auch nicht geändert.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Leute, die noch immer auf die Straße gehen?

Koall: Es ist eine eindeutig deutsch-nationale, rechtsextreme Bewegung, die sich da zeigt. Das erkennt man an den Symbolen und Chiffren der rechten Szene, die sich zuhauf zeigen. Der Großteil der Teilnehmer ist eher jung, männlich und eher aus der unteren Mittelschicht.

SPIEGEL ONLINE: Zu ihren Hochzeiten liefen bei Pegida auch viele Menschen mit, die nichts mit der rechten Szene zu tun haben. Wie erklären Sie sich das?

Koall: Das ist das große Rätsel dieses Pegida-Winters und der große Tabubruch, der geschehen ist. Menschen, die mit Fug und Recht behaupten, dass sie keine Neonazis sind, haben den Common Sense durchbrochen, eben nicht mit jenen zu laufen. Niemand von denen kann jetzt sagen, er hätte nicht gewusst, mit wem er da läuft. Gezeigt hat sich auch, dass sich einige der bürgerlichen Demonstranten im Kern ihrer Ablehnung und Ressentiments kaum von jenen ganz rechtsaußen unterscheiden. Da hat ein unbewusster Rassismus zu sich selbst gefunden. Dennoch gibt es zwischen diesen Menschen und den Neonazis große Unterschiede, etwa in Fragen von Ideologie und Gewaltbereitschaft.

SPIEGEL ONLINE: Warum gehen nur so wenige Dresdner gegen Pegida auf die Straße?

Koall: Selbst zu den Höhepunkten der jährlichen Nazi-Demonstration am Jahrestag der Bombardierung vom 13. Februar, ließ sich die bürgerliche Mitte nicht aktivieren. Die Mehrheit ist politisch träge und selbstzufrieden. In dieser sehr bürgerlichen Stadt tut man sich schwer damit, eine Haltung zu zeigen, weil man anderen nicht zu nahe treten möchte. Demokratie in Dresden heißt, wenn es keinem weh tut. Ich nenne das defensive Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Sie zitieren einen sächsischen CDU-Politiker, der sich gegen die Bezeichnung konservativ wehrt und sagt: "Die sächsische CDU ist rechts." Ist ein Phänomen wie Pegida Ausdruck politischen Versagens?

Koall: An dem Tag, als ein großes Konzert mit prominenten Künstlern gegen Pegida und für eine weltoffene Stadt stattfinden sollte, titelte die meistgelesene Zeitung das Zitat des Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich: "Der Islam gehört nicht zu Sachsen." Da fragt man sich schon, ob da überhaupt noch nachgedacht wird. Die CDU/FDP-Regierung der vergangenen Jahre hat hier viel für die Entfremdung der Wähler von der Politik getan und auch das Klima mit vergiftet. Insgesamt haben sich alle politisch Verantwortlichen sehr von Pegida irritieren lassen und sich nicht geschickt verhalten. Es gab keinen Mittelweg zwischen der pauschalen Ablehnung, den Dialog mit den Demonstranten zu suchen, und Gesprächen in Hinterzimmern. Man hätte frühzeitig sagen sollen: Wir sind grundsätzlich gesprächsbereit, aber nicht unterhalb eines bestimmten demokratischen Niveaus.

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o_280189843001 16.03.2015
1. Erschreckend zu gleich !
Warum so viele Mitläufer es gibt ? Das habe ich mich auch gefragt aber ich denke , das es nicht nur Mitläufer sind . Ich denke das sich diese rechtsextremen Typen immer wieder treffen . Die dort stehen und demonstrieren sind nicht alles aus Dresden , sondern aus anderen Städten und Umgebung von Dresden . Denn ein was können diese Rechten schon immer , sich organisieren und den Schein erwecken , das es ganz anders ist . Aber es gibt auch einen anderen Grund , warum so viele mitlaufen . Welche Partei oder Organisation unterstützt die Kritiker in unserem Land . Alle Parteien streben die Macht bei jeder Wahl an aber gibt es wirklich Unterschiede zwischen den Parteien . Oder fühlen die Menschen sich vertreten von den Parteien ? Das sollte eher mal angesprochen werden . Als ich vor der Bundestagswahl stand , hatte ich wirklich ein Problem , welche Partei vertritt mich . Ich wollte und will immer noch wissen , was mit der NSA Sache wird ? Nun keine Partei zeigte Flagge , eher alle marschieren der Regierung hinterher . Und zu den Wahlen hat man nur das Gefühl , sie alle wollen nur mehr Macht ! Geht zur Wahl und zeigt Euer Gesicht ! Toll wer hat hier welches Gesicht ? Auch finde ich diese Gegendemonstrationen richtig aber es teilt unser Land . Und zeigt nicht die Lösung , sondern nur dem Ausland , das wir dagegen sind . Eine Lösung " Pegida " gibt es nicht ! Man sucht sie nicht , man erteilt diesen Menschen von Weiten ihre Meinung mit . Aber hilft man oder beseitigt es , NEIN ! Man möchte es politisch nur nutzen um die Positionen zu sichern ! Es kann falsch sein so zu denken aber so analysiere ich es Heute !
iBert 16.03.2015
2. .
Die Stadt und das Land Sachsen unternehmen durchaus größere Anstrengungen, um jede Kritik an ihrer Politik - und dazu gehören auch antirassistische, antinationalistische Aktivitäten häufig junger Menschen - zu diskreditieren und teilweise auch ohne Augenmaß zu verfolgen. Das schwankt in der Ausprägung immer mal, aber der Grundtenor bleibt. Ich kenne viele Leute, die nach Möglichkeit wegziehen würden, es sind meistens Verteter einer weltoffenen, neugierigen Kultur - und deren Weltoffenheit und Neugier bezieht sich nicht nur auf Flüchtlinge oder Zugezogene, auch auf alternative Lebens-, Architektur-, Wirtschafts- und Kunstvorstellungen. Engstirnigkeit könnte Dresden in Zukunft auch einmal teuer zu stehen kommen.
henrysucher 16.03.2015
3.
Nicht "rechte kleinbürger" sind bei den ganzrechten mitgelaufen, im gegenteil, die rechten sind auf den (montags)zug der "protestierenden kleinbürger" aufgesprungen. Und, na klar ist die ruhe "trügerisch. Auf die aushöhlung und beseitigung der (längst vereinheitlichten) nationalen demokratien seitens der europäischen finanzoligarchie antwortet der tendentiell immer konservative europäische kleinbürger mit rechten rezepten und schuldzuweisungen. Die sehnsucht nach der "besseren" vergangenheit. Dabei müssten sie nur weiter geduldig warten: Der heilige esm führt uns politisch direkt zurück ins heilige römische reich deutscher nation. Und bei dieser "politik" des totalen ausverkaufs ist allerdings JEDE form von protest zu begrüssen.
821943 16.03.2015
4.
Ganz Deutschland blickt fassungslos auf Dresden! Wie kann sich eine Stadt, die sehr gut von ausländischen Touristen lebt, sich nur so von fremdenfeindlichen Horden vereinnahmen lassen? Die Rechnung hat man bekommen (z. B. Reisewarnung des US-Außenministeriums für Touristen) und den Einbruch des Fremdenverkehrs. Man muss am Verstand und am Anstand der Dresdner zweifeln.
Lanek 16.03.2015
5.
"Vaterlandsbetrüger" na immerhin bedient man sich jetzt auch ganz offen und ungeniert beim rechten Vokabular. Und anmaßend sind nur DIE das Volk. Na, welch Glück dass Deutschland nur von ein paar Tsd. Pegida-Demonstranten bewohnt wird, sonst von niemandem. ;) Schade, was aus PEGIDA geworden ist. War nie mein Fall und auch nicht meine politische Meinung, aber zu was das geworden ist...brr. Ich frage mich ja übrigens, wer da immer diese Kreuzflagge weht. Die war in verschiedenen Varianten nach dem Putsch 1944 vorgesehen und abgeändert 1948/49 von der CDU als Staatsflagge vorgeschlagen, aber nicht genommen. Was will man mit deren Benutzung ausdrücken? Sieht man sich da als Widerstandskämpfer gegen ein nazi-ähnliches Regime? Oder ist das einfach das neue Schwarz-Weiß-Rot für die, die nicht sofort auffallen wollen?
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