Zerwürfnis in Dresden Pegida schafft sich ab

Was für eine Selbstdemontage! Die Organisatoren der Pegida-Bewegung überwerfen sich, die nächste Demo muss abgesagt werden. Für die Montagsmärsche durch Dresden war es das wohl - der Hass wird sich einen neuen Kanal suchen.
Kathrin Oertel: Pegida hat sich selbst entlarvt

Kathrin Oertel: Pegida hat sich selbst entlarvt

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Hamburg - Schuld sollten mal wieder die anderen sein. Die Selbstdemontage von Pegida, den Rückzug der Frontfrau Kathrin Oertel, das wollte der verbliebene Rest schnell auf die Feinde da draußen schieben: "Kathrin hat vorerst ihr Amt als Pressesprecherin niedergelegt. Dies ist massiven Anfeindungen, Drohungen und beruflichen Nachteilen geschuldet."

Das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Die Pegida-Spitze hat sich nicht einfach gestritten, sie hat sich zerlegt. Das Organisationsteam ist von zwölf auf fünf geschrumpft. Nach dem Skandal um Lutz Bachmann hat Pegida zum zweiten Mal binnen einer Woche das Gesicht verloren. Die Demo für den kommenden Montag ist abgesagt.

War's das mit Pegida? Mit Sicherheit kann es niemand sagen. Der Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke sieht "den Anfang vom Ende der Pegida-Bewegung". Extremismus-Experte Timo Reinfrank von der Amadeu-Antonio-Stiftung sagt: "Ich glaube noch nicht, dass dies das Aus ist." Und doch spricht viel dafür, dass sich Pegida als Massenphänomen erledigt hat.

Dass es mal so kommen könnte, ist keine Überraschung. Aber wie plötzlich und mit welcher Wucht, das verblüfft schon ein wenig. Die Betroffenen klingen gar erleichtert.

  • "Ich bin auch froh, dass ich da draußen bin, ich will gar nicht mehr." (Gründer Lutz Bachmann in der "SZ")
  • "Ich wollte da raus." (Mitorganisator Bernd-Volker Lincke in der "FAZ")

Oertel, die sich der Nation als "ganz normale Frau aus dem Volk" präsentierte, sagte bereits in der vergangenen Woche, ihre Kinder und ihr Beruf kämen zu kurz. Die Organisatoren hatten sich zwar darauf geeinigt, sich nicht "zu Tode zu spazieren". Aber sie wollten noch ein paar Ziele durchbringen.

Und da wurde es plötzlich ganz furchtbar kompliziert.

Pegidas Lebenslüge lautet, man müsse nur das Interesse des Volkes berücksichtigen. Dass aber nicht einmal eine Truppe aus zwölf Bekannten dasselbe Interesse hat, haben sie nun unter Beweis gestellt. Sie wollten konkret werden, konnten es aber nicht. Weil das Konkrete die Dresdner Wutbürger auch nicht interessierte, und weil sie selbst nicht wussten wie.

Die Pegidisten forderten den "Dialog mit der Politik", doch die Politik ging kaum darauf ein. Sie spürten, dass sich Hitler-Imitator Bachmann unmöglich gemacht hatte, wussten aber nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen. In ihrer offiziellen Rücktrittserklärung schreiben Oertel und ihre Mitstreiter später, das "Verbleiben Bachmanns im Verein und Orga-Team ... trotz der bekannt gewordenen Facebook-Postings" sei ein Grund für ihren Austritt gewesen. Diese mitzutragen, sei man "nicht gewillt" gewesen.

Sie wollten politisch unabhängig sein, zerstritten sich aber darüber, wie eng man mit der AfD kungeln könne.

Bei ihrer letzten Rede am Sonntag in Dresden wollte sich Oertel noch einmal richtig wütend zeigen. Sie wetterte gegen Berichte, nach denen sie sich mit Sachsens AfD-Chefin Frauke Petry abgesprochen hatte. Alles eine infame Unterstellung der "Lügenpresse"? Beide telefonierten am Tag von Bachmanns Rückzug, veröffentlichten Presseerklärungen, deren wichtigste Sätze identisch klangen. Da glaubten auch Orga-Mitglieder plötzlich eher den Berichten als ihrer Sprecherin.

In Dresden selbst ging es nicht voran, und zugleich platzten alle Franchise-Pläne für Wutbürgerproteste quer durchs Land. Der einzige Ableger, der mehr als nur versprengte Grüppchen anzieht, geht in Leipzig auf die Straße. Doch Legida, wo weniger "besorgte Bürger" und mehr Neonazis mitlaufen, will sich nichts sagen lassen aus Dresden.

Natürlich: Sie mobilisieren jetzt für die übernächste Woche unter dem Motto: "Wir lassen uns nicht stoppen!" Bis dahin wollen sie intern das Gröbste geklärt haben. Aber: Wer mobilisiert da überhaupt noch? Und wer soll dem Ganzen Leben einhauchen? Bachmann war der beste Redner, Oertel die besorgte Mutter, Vereinsvize René Jahn ein halbwegs vernünftiger Ansprechpartner. Sie sind weg.

Viele Pegida-Gegner werden sich jetzt als Sieger fühlen. Wie der Vizekanzler Sigmar Gabriel, der sogleich von einer "Erlösung für Dresden" spricht. Sie wollen natürlich immer schon gewusst haben, dass sich der Spuk über kurz oder lang erledigen würde.

Sie übersehen allerdings ein paar Dinge: Das, was Bachmann, Oertel und Co. allwöchentlich im Tonfall der Beleidigten vortrugen, wird ganz ähnlich an Tausenden Stammtischen beklagt. Der Hass auf Ausländer, das Unbehagen darüber, wie sich Deutschland ändert, die Verachtung für die da oben, das alles bleibt. Es werden mehr Flüchtlinge kommen, den Streit über den Islam in Deutschland beendet auch kein Satz der Kanzlerin.

Die Beleidigten werden warten auf einen neuen Lutz Bachmann, auf Germany's next Kathrin Oertel. Ob diese sich dann mit Facebook-Hetze, Hitler-Posen und Orientierungslosigkeit ebenso schnell zerlegen?

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