Personalspekulation Gerhard Stresemann?

In Berlin brodelt die Gerüchteküche. Lässt sich Gerhard Schröder darauf ein, Außenminister einer neuen Bundesregierung zu werden? In der deutschen Geschichte gibt es dafür ein Vorbild. Gustav Stresemann war Reichskanzler, dann ein erfolgreicher Außenminister.

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Berlin - Was geht in den Köpfen von Franz Müntefering und Gerhard Schröder vor? Nur die beiden wissen, was der andere wird. Umso mehr blühen die Spekulationen im politischen Berlin. Eine davon lautet neuerdings: Der Kanzler könnte als Außenminister unter Angela Merkel weiterarbeiten. "Union fürchtet einen Vize-Kanzler Schröder" titelte heute die "Süddeutsche Zeitung". Schon Mitte der Woche hatte SPIEGEL ONLINE über Unsicherheiten im Merkel-Lager berichtet: "Wenn er Außenminister werden will, können wir kein Veto dagegen einlegen, genauso wenig wie die SPD gegen unsere Personalentscheidungen", hieß es zu diesem Zeitpunkt. An dieser Haltung hat sich nichts verändert.

Schröder beim spanischen Premier Zapatero, Mitte der Woche: Bis wann ist er für Deutschland unterwegs?
AP

Schröder beim spanischen Premier Zapatero, Mitte der Woche: Bis wann ist er für Deutschland unterwegs?

Doch ist eine solche Variante wahrscheinlich? "Ich glaube, dass es dem Schröderschen Ego nicht entspricht, am Kabinettstisch mit einer Kanzlerin Merkel zu sitzen", sagt ein Unionsvertreter am Freitag. In Italien und Israel habe es solche Konstellationen zwar gegeben, aber das politische System in Deutschland habe damit keinerlei Erfahrungen: "Es handelt sich dabei wohl um nicht mehr als eine sehr, sehr wilde Spekulation", so ein Unionsvertreter.

In der Tat wäre ein Duo Merkel/Schröder eine politische Sensation. Müntefering könnte Schröders Verbleib seiner Partei und Fraktion als Garant für die Kontinuität der Außenpolitik in schwierigen Zeiten verkaufen. Aber wäre eine solche Konstellation auch arbeitsfähig? Spätestens da sind Zweifel angesagt. Denn bei wichtigen internationalen Konferenzen säßen Merkel und Schröder nebeneinander - ein zunächst skurril anmutendes Bild. Jedes Zucken würden die Medien beobachten und analysieren - zumindest in der Anfangsphase. Würden sie miteinander auskommen? Sich gegenseitig abstimmen? Politik ist mehr als nur ein Spiel auf dem Schachbrett - es muss auch menschlich zusammengehen.

Das Duo Schröder und Außenminister Joschka Fischer kamen gut miteinander aus. Zwei Macher unter sich. Auch wenn es bei internationalen Treffen der EU oder der Nato so wirkte, wie es der Kanzler einst für das Verhältnis zwischen SPD und Grünen definiert hatte: Der eine war "Koch", der andere "Kellner". Dem Protokoll entsprechend führte auf Pressekonferenzen Schröder zunächst das Wort, Fischer sprach danach. Mit den Jahren drückte die Praxis jedoch auch eine Machtverschiebung aus. Schröder, wie fast jeder seiner Vorgänger im Amt, fand immer mehr Gefallen an der Außenpolitik. Russland, USA und China und mehr und mehr auch die EU - der Einflussbereich des Kanzlers wurde zunehmend größer. Böse Zungen meinten gar, Fischer sei am Ende nur noch der Nahe Osten als Arbeitsgebiet verblieben.

Das Rollenspiel Kanzler/Außenminister verlangt vom kleineren Partner viel Selbstdisziplin - in Falle einer Großen Koalition also von der SPD. Und von Schröder, würde er das Amt anstreben. Schon der Grüne Fischer musste da seine eigenen Erfahrungen machen - manchmal bis zur Schmerzgrenze. Unvergessen blieb vielen Journalisten eine Pressekonferenz Mitte März im Kanzleramt, als beide über die Ergebnisse des Jobgipfels mit der Union berichten sollten. Es wurde ein sehr einseitiges Schauspiel: Schröder redete, Fischer schwieg. Am Ende blieben einige Papiere auf dem Stehpult liegen. "Sind das deine", fragte Schröder beim Weggehen, Fischer griff sie und lief dem Kanzler hinterher. Es gab Journalisten, die Fischer, der damals in der Visa-Affäre steckte, schon abgeschrieben hatten und die Szene als Indiz für den Abstieg des Grünen-Stars nahmen.

Fischer konnte, weil er musste, die Rolle des Alpha-Männchens in sich zurückdrängen - zumindest nach außen hin. Ist aber ein demütig schweigender Schröder an der Seite jener Frau vorstellbar, der er in der Wahlnacht das Recht auf die Kanzlerschaft absprach? "Sehr, sehr unwahrscheinlich", heißt es in der Union. Dass sich in diesen Tagen, da beide Seiten Stillschweigen über die Verhandlungen vereinbar haben, niemand bei CDU und CSU bei diesem heiklen Thema aus der Deckung wagt, hat einen einfachen Grund: Man weiß ja doch nicht, ob Schröder am Ende eine Volte schlägt und man mit ihm als Mann fürs Auswärtige Vorlieb nehmen muss. So ist diplomatische Zurückhaltung angesagt - auch wenn es den einen oder anderen in der Union vor einer solchen Konstellation graust.

Macht Schröder den Stresemann?

Gustav Stresemann: Staatsmann der Weimarer Republik
DPA

Gustav Stresemann: Staatsmann der Weimarer Republik

Ein mögliches Vorbild für Schröder gäbe es: Gustav Stresemann. Der Mitbegründer der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei war 1923 für kurze Zeit Reichskanzler in einer Großen Koalition, der übrigens auch die SPD angehörte. Nachdem die Sozialdemokraten seiner Regierung das Vertrauen entzogen hatten, trat er zurück - und wurde in den darauf folgenden drei Kabinetten Außenminister. Stresemann, der 1929 mit nur 51 Jahren starb, war, wie der Historiker Heinrich August Winkler in seinem Buch "Der lange Weg nach Westen" schreibt, "der entschiedenste Anwalt einer Großen Koalition in seiner Partei". Als Außenpolitiker der Weimarer Zeit war er überdies höchst erfolgreich. Wegen seiner Verständigungspolitik mit Paris erhielt Stresemann zusammen mit seinem französischen Kollegen Aristide Briand 1926 den Friedensnobelpreis.

Stresemann also ein Vorbild? Geschichtliche Ereignisse sind nicht vergleichbar, heißt es in der Union: "Die damalige Zeit war doch eine andere." Lieber sähe mancher dort, Schröder würde wieder SPD-Vorsitzender - und damit Willy Brandt nacheifern. Der war nach seinem Rücktritt als Kanzler an der Spitze der SPD verblieben. Doch das Verhältnis von Brandt und der SPD war von gegenseitiger Zuneigung getragen - was von Schröder bislang nicht zu berichten ist.

Doch wenn Schröder nicht Außenminister werden sollte, wer wird es dann? Müntefering, der über wenig außenpolitische Erfahrung verfügt? Verteidigungsminister Peter Struck, der gesundheitlich angeschlagen ist? Bundesinnenminister Otto Schily vielleicht? Oder doch der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, der als Vizekanzler zum SPD-Spitzenkandidaten für die kommende Wahl aufgebaut würde? Zahlreiche Namen und Theorien kursieren in diesen Tagen.

Schröder als Außenminister unter Frau Merkel, das halten manche Sozialdemokraten für wenig wahrscheinlich. Johannes Kahrs, einer der Sprecher vom rechten "Seeheimer Kreis" in der SPD-Bundestagsfraktion, glaubt sicher zu sein: "Der hat so viel Selbstwertgefühl, dass er das nicht machen wird."

Am Sonntag, spätestens am Montagmorgen, wird die Republik schlauer sein.



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