Peter-Glotz-Kolumne Handys statt Panzer

Für die Zukunftsfähigkeit der Staaten ist die Zahl der Mobiltelefone entscheidender als die der Panzer. Deshalb sollten Außenminister von UMTS mindestens so viel verstehen wie von der OSZE.


Im Jahr 1966, als die Große Koalition sich bildete, wollte der damalige SPD-Vorsitzende Willy Brandt Forschungsminister werden. Der Parteistratege Wehner redete ihm diese Idee aus und zwang ihn, das viel prominentere Außenministerium zu übernehmen. Heute, im Jahr 2000 und im Prozess der Ablösung des Industriekapitalismus durch den digitalen Kapitalismus, kann man sehen, was für ein Visionär Brandt war, auch wenn er damals zu weit in die Zukunft vorgeprescht sein mag. Heute wäre es angemessen, dass Joschka Fischer, der prominenteste deutsche Politiker, Wissenschaft und Technologie zu seinem Thema machte und die klassische Diplomatie der zweiten Reihe überließe.

Sicher wird er das Problem so nicht lösen, sondern in mittlerer Frist eher entsprechende Kompetenzen ins Außenministerium ziehen. Eindeutig aber ist: Das Schlachtfeld ist heute der Markt. Wir erleben eine tiefgehende Ökonomisierung der internationalen Politik. Es geht längst nur noch am Rande um territoriale Gewinne und ideologische Konflikte. Der Treibsatz des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Wandels sind Wissenschaft und Technologie, vor allem die Innovationen bei Telekommunikation und Datenverarbeitung. Eine "polyglotte, hochmobile und kosmopolitische" Führungsschicht (Dieter Ruloff, Zürich) eine "globale Elite" (Mohamed Rabie, Washington), die "Davos Culture People" (Sam Huntington, Harvard) sorgen für weltumspannende Wirtschaftsbeziehungen. Nicht mehr tschechische Kriege, sondern Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und der Gestaltung der Handels- und Finanzbeziehungen sind die Spitzenthemen, wie die Debatte von Seattle um die Prinzipien der World Trade Organization (WTO) zeigen. Der alte Metternich-Typus muss sich auf neue Aktionsfelder begeben. Er sollte von ADSL und Java mindestens so viel verstehen wie von der OSZE.

Warum? Weil die Zukunftsfähigkeit von Staaten heutzutage eher von der Zahl der Mobiltelefone und der Computer als von der Zahl der Panzer abhängen wird. Beispiel Skandinavien: Etwa die Hälfte aller 16- bis 65-jährigen Schweden nutzt das World Wide Web mehrmals wöchentlich, bei der jüngeren Generation liegt der Anteil der Internetsurfer noch weit höher. Nur noch 10 bis 15 Prozent aller Zahlungen werden am Bank- oder Postschalter durchgeführt. Die Zahl der Mobiltelefone, der Computer in Privathaushalten ist weit größer als in Deutschland. Das sind saftige Vorteile in der globalisierten Wirtschaft der Zukunft.

Wer solche Entwicklungen fördern will, muss die Problemlage kennen. Viele Schweden sprechen gut Englisch. Die Deutschen müssen also ihre Schulpolitik anpassen, ein Problem, mit dem deutsche Außenminister bestenfalls als Väter zu tun haben. Oder die Regulierungspolitik: Traditionelle Bankgeschäfte sind in Schweden teuer, eine Überweisung in der Bankfiliale kostet 20 Kronen. Welche deutschen Politiker beschäftigen solche Parameter? Wir müssen die alten ideologischen Leidenschaften dämpfen und die neuen technologischen Fakten wichtiger nehmen. Wann stellt sich die politische Klasse Berlins auf diesen Trend ein?



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