Ex-Botschafter Peter Wittig "Joe Biden ist für uns Deutsche ein Glücksfall"

Was bleibt von Donald Trump, was erwartet uns mit Joe Biden? Peter Wittig erlebte als Botschafter in den USA beide persönlich. Hier spricht er über die Folgen der Wahl für Deutschland.
Ein Interview von Severin Weiland
Ehemaliger Spitzendiplomat Peter Wittig: "Europa wird auch unter Biden nicht mehr so wichtig sein, wie es früher einmal war"

Ehemaliger Spitzendiplomat Peter Wittig: "Europa wird auch unter Biden nicht mehr so wichtig sein, wie es früher einmal war"

Foto: Peter Nicholls / REUTERS

SPIEGEL: Herr Wittig, wie erleichtert sind Sie über den Sieg von Joe Biden?

Wittig: Sehr erleichtert. Für Deutschland stand ungeheuer viel auf dem Spiel. Die bilateralen Beziehungen waren unter Trump auf einem Tiefpunkt angekommen. Deutschland und die Kanzlerin waren seine Lieblingszielscheibe. Das ist jetzt vorbei. Das bilaterale und transatlantische Verhältnis wird sich erheblich verbessern – und das ist gut so.

SPIEGEL: Wie gut kennen Sie Joe Biden, der während Ihrer Zeit in Washington ja Vizepräsident war?

Wittig: Ich habe ihn mehrmals erlebt, er und seine Frau waren auch bei uns zu Gast in der Botschaftsresidenz. Joe Biden liebt den Umgang mit Menschen, das ist seine Kraftquelle. Er ist fähig zur Empathie, ist ungeheuer humorvoll. Und er strahlt einen Optimismus aus, wie wir ihn an Amerikanern schätzen. Er ist im besten Sinne ein Menschenfischer. Joe Biden ist für uns Deutsche ein Glücksfall.

SPIEGEL: Welchen Blick hat der nächste US-Präsident auf Deutschland?

Wittig: Biden ist ein überzeugter Transatlantiker. Für ihn sind die EU, sind Deutschland und die Nato strategische Partner. Das wird uns zugutekommen. Wir werden es mit einem Präsidenten zu tun haben, der glaubwürdig und berechenbar ist und Vertrauen ausstrahlt. Allein das ist eine sehr wichtige Währung unter Verbündeten.

SPIEGEL: Sie haben als Botschafter auch mit Donald Trump zu tun gehabt. Wie wirkte er auf Sie?

Wittig: Ich habe ihn bei den Besuchen der Kanzlerin 2017 und 2018 erlebt, auch ein paar Mal in kleinerem Rahmen bei Abendessen. Man kann sich schwerlich unterschiedlichere Persönlichkeiten vorstellen als Biden und Trump. Trump war häufig schroff und erratisch. Im kleinen Kreise konnte er hingegen witzig und humorvoll sein, da war er ein typischer New Yorker, ein Mann mit Showtalent. In solchen Momenten hatte er auch gewinnende Züge.

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SPIEGEL: Wie schwer war es, Kontakte zum Trump-Lager aufzubauen?

Wittig: In der Übergangsphase von Obama zu Trump war es für keinen Diplomaten einfach, geeignete Ansprechpartner in der Außen- und Sicherheitspolitik im Umfeld von Trump zu finden. Es gab sie schlichtweg nicht. Ich habe aber schon vor der Präsidentschaftswahl 2016 produktive Beziehungen aufgebaut zu Jared Kushner, seinem Schwiegersohn. Damit hatte ich einen Draht in die Familie hinein, was sich als sehr nützlich erwies. Wir waren also nicht gänzlich ohne Kontakte.

SPIEGEL: Wie steht es mit Bidens Lager?

Wittig: Schon zu meiner Zeit hatten wir sehr gute Verbindungen. Ich bin sicher, dass wir auch jetzt herausragende Beziehungen zum Biden-Lager haben. Unsere Botschafterin in den USA, Emily Haber, ist in Washington erstklassig vernetzt.

"Die alte Ordnung wird so nicht mehr zurückkehren."

SPIEGEL: Wer zählt zum außen- und sicherheitspolitischem Personal Bidens, das eine stärkere Rolle spielen wird? Haben Sie einen Tipp, wer Außenminister wird?

Wittig: Das kann man noch nicht sagen, es wird eine Zeit dauern, zumal ein vom Präsidenten vorgeschlagener Außenminister noch vom Kongress bestätigt werden muss. Es gibt aber eine Reihe von Persönlichkeiten, die zu Bidens Vertrauten gezählt werden, etwa die früheren Vizeaußenminister William Burns und Tony Blinken, der enge Biden-Mitarbeiter Jake Sullivan, Obamas frühere Sicherheitsberaterin Susan Rice. Oder auch Michèle Flournoy, die als Verteidigungsministerin gehandelt wird.

SPIEGEL: Wird Biden im Zeichen seiner Versöhnungsangebote auf den politischen Gegner zugehen?

Wittig: Durchaus möglich. Vielleicht entscheidet sich Biden auch für einen moderaten Republikaner auf dem Feld der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Auch Obama hatte einst mit Chuck Hagel einen Republikaner zum Verteidigungsminister gemacht.

SPIEGEL: Wie sehen Sie die künftige Rolle des US-Außenministeriums?

Wittig: Unter Trump wurde das State Department vollkommen an den Rand gedrängt. Biden wird auf die herausragende Expertise, die es in Washington gibt, zurückgreifen wollen.

SPIEGEL: Gibt es ein Zurück zur alten Normalität in den deutsch-amerikanischen und europäisch-amerikanischen Beziehungen?

Wittig: Nein. Die alte Ordnung wird so nicht mehr zurückkehren. Europa wird auch unter Biden nicht mehr so wichtig sein, wie es früher einmal war. Das neue Gravitationszentrum ist Asien mit China als dem strategischen Rivalen der USA. Dem wird sich vieles unterzuordnen haben.

SPIEGEL: Das klingt ernüchternd.

Wittig: Ich will die Chancen für eine Wiederbelebung des transatlantischen Verhältnisses gar nicht kleinreden. Aber wir brauchen einen realistischen Blick. Wir müssen jetzt einen Neustart angehen, dafür wird Europa aber einen Preis zahlen müssen. Wir werden mehr Ressourcen für die Sicherheit Europas aufbringen müssen, auch mehr Engagement in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Zu diesen Investitionen muss sich insbesondere Deutschland bekennen.

"Die Außenpolitik wird auf Bidens Prioritätenliste zunächst nicht ganz oben stehen."

SPIEGEL: Mit Kamala Harris bekommt erstmals eine Frau den Vizeposten, schon jetzt gilt sie als mögliche Nachfolgerin Bidens. Wie sehen Sie ihre politische Rolle?

Wittig: Harris ist eine beeindruckende Politikerin. Als Vizepräsidentin dürfte sie aber keine herausragende außenpolitische Rolle spielen, so ist das Amtsverständnis nicht angelegt. Ihre Herkunft als gebürtige Kalifornierin spricht jedoch dafür, dass auch sie zur Generation jener US-Politiker gehören dürfte, die ihr Augenmerk stärker in den pazifischen Raum als nach Europa richten.

SPIEGEL: Ist Biden mit seinen 77 Jahren somit eine Art politisches Fossil aus der guten alten transatlantischen, auf Europa konzentrierten Zeit?

Wittig: Man kann es so sehen. In gewisser Weise wirkt Biden mit seinem politischen Blickwinkel, seinen Erfahrungen aus der Zeit des Kalten Krieges und darüber hinaus wie einer der weniger werdenden Vertreter jener großen amerikanischen Tradition, die an engen Beziehungen zu Europa interessiert waren und über Jahrzehnte daran festhielten. Das ist in Amerika nicht mehr selbstverständlich, parteiübergreifend.

SPIEGEL: Was bleibt außenpolitisch von Trump?

Wittig: Trump hat, wie kaum ein anderer Präsident vor ihm, die Aufmerksamkeit auf den Aufstieg Chinas gelenkt. Allerdings mit Methoden, die aus meiner Sicht höchst problematisch sind – mit Handelskriegen und der Neigung, sich von der Wirtschaft der Volksrepublik abzukoppeln. Die Beziehungen zu China werden die strategische Achse der USA auch im kommenden Jahrzehnt sein. In diesem Sinne war Trump dafür eine Art Wegbereiter.

SPIEGEL: Die Nahost-Initiative von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner führte zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen der Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrains und des Sudan mit Israel. Kann Biden darauf aufbauen?

Wittig: Einiges von dem wird bleiben. Auch die 2018 erfolgte Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem dürfte Biden nicht rückgängig machen wollen. Der Nahe und Mittlere Osten werden aber nicht oberste Priorität für den neuen Präsidenten sein, das sind einfach zu harte Brocken. Biden wird, davon gehe ich aus, einen Wiedereinstieg in das Atomabkommen mit Iran prüfen. Allgemein gilt hierfür wie für andere internationale Themen: Die Außenpolitik wird auf seiner Prioritätenliste zunächst nicht ganz oben stehen, sondern die Bewältigung der enormen innenpolitischen Herausforderungen.

SPIEGEL: Im Februar läuft der New-Start-Vertrag zwischen den USA und Russland über atomare Langstreckenraketen aus. Wie wird Biden sich grundsätzlich gegenüber Wladimir Putin positionieren?

Wittig: Er wird keine weiche Linie einschlagen und hat auch versprochen, dass er hart bleiben will gegenüber russischen Verletzungen des internationalen Rechts. Biden wird dennoch ein starkes Interesse an einer Rückkehr zu Gesprächen über Rüstungskontrollabkommen haben. Das liegt auch in deutschem Interesse.    

SPIEGEL: Sie haben viele Jahre in den USA gelebt. Inwieweit ist die Demokratie in den USA nachhaltig beschädigt?

Wittig: Die toxische Spaltung der Gesellschaft und auch die Verrohung des politischen Diskurses hat zugenommen. Das hat die Strahlkraft der amerikanischen Demokratie verblassen lassen. Als politische und moralische Führungskraft in der Welt haben die Vereinigten Staaten unter Trump abgedankt. Jetzt besteht die Hoffnung, dass mit Biden wieder demokratische Glaubwürdigkeit vom Weißen Haus ausgeht – mit positiven Folgen in der ganzen Welt.