Pflüger in "Cicero" Bürgertum trifft Bürgertum

Über schwarz-grüne Koalitionen wird seit langem spekuliert - zustande kamen sie selten. Im Magazin "Cicero" erläutert CDU-Präsidiumsmitglied Friedbert Pflüger ausführlich, warum ein Bündnis aus Konservativen und Grünen auf der Tagesordnung steht. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Text.


Berlin - Mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg begann am 2. Juni 1967 das, was als Studentenrevolte die Republik verändern sollte: eine Kulturrevolution, die mit den Werten der bürgerlichen Nachkriegsgesellschaft grundsätzlich brach und den Weg zu einem alternativen Gesellschaftsverständnis ebnete. Ausgangspunkt der damaligen Revolte war Berlin. Was läge näher, als in Berlin 40 Jahre später wieder zusammenzufügen, was damals auseinandergedriftet ist? Die Zeit ist reif, um mit einem Brückenschlag zwischen Bürgertum und den von der Revolution entlassenen Kindern den Kulturbruch von damals aufzuheben. Warum also sollte das "Jamaika"-Modell nicht eine mögliche Option für die Hauptstadt sein?

Fan von Schwarz-Grün: der Berliner CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger
DDP

Fan von Schwarz-Grün: der Berliner CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger

Keine Frage: Sowohl den Grünen wie der Union würde ein solches Bündnis schwerfallen. Bis in die neunziger Jahre hinein waren "schwarz" und "grün" Metaphern für größtmögliche Gegensätzlichkeit politischer und kultureller Anschauung. Gerade in Berlin waren die Grünen nicht nur alternative Ökobewegung, sondern neomarxistischer Kampfverband. Und mehr als anderswo ist – vor dem Hintergrund des Kalten Krieges – das antikommunistische Ressentiment in Teilen der Berliner CDU besonders stark ausgeprägt. Mit anderen Worten: Gerade weil in Berlin die ideologischen Gräben durch Kulturrevolte und Mauer besonders tief waren, bedarf es besonderer Anstrengungen sie hier wieder zuzuschütten.

Aber es gibt bundesweit Entwicklungen von Wirklichkeit und Bewusstsein, die auch in Berlin wirken. Lange Zeit ist übersehen worden, dass in den Umweltbewegungen von Anfang an starke bürgerliche Kräfte vorhanden waren. Herbert Gruhl, einer der Gründer der Grünen, der 1975 mit seinem Bestseller "Ein Planet wird geplündert" entscheidend zum Entstehen ökologischen Bewusstseins in Deutschland beitrug, kam ursprünglich aus der CDU. Ich habe ihn, den hannoverschen Bundestagsabgeordneten, gut gekannt und sehr geschätzt. Es war ein historischer Fehler, dass die CDU den wertkonservativen Umweltpolitiker nicht integrierte, sondern durch Isolation zum Austritt drängte und so unfreiwillig dazu beitrug, dass das damals wachsende ökologische Bewusstsein sich in einer neuen Partei manifestierte.

Aber auch nach Gruhl gab es enorme Anstrengungen in der CDU, ökologische Kompetenz wiederzugewinnen: Helmut Kohl stellte eine Regierungserklärung unter das Motto "Die Schöpfung bewahren", machte das Überleben der tropischen Regenwälder zum Kernthema auf Weltwirtschaftsgipfeln und bereitete mit seinem Umweltminister Klaus Töpfer der Umwelt- und Entwicklungskonferenz in Rio de Janeiro 1992 den Weg.

Umgekehrt begannen die Grünen, die radikal-ökologischen Wachstumsverweigerer hinter sich zu lassen und einer Versöhnung von Ökologie und Ökonomie das Wort zu reden. Es entstand eine Debatte über ökowirtschaftliche Konzepte. Die traditionelle Technikfeindlichkeit wich der Einsicht, dass allein moderne Umwelttechnologie den Weg für das Überleben in Zeiten von Treibhauseffekt und Ozonloch ermöglicht.



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