Interne Bundeswehr-Untersuchung Pfullendorf ist kein Einzelfall

Sexuelle Nötigung und Erniedrigung gehörten zum Alltag in der Kaserne Pfullendorf. Offenbar war dies keine Ausnahme: Laut einer Untersuchung der Bundeswehr gab es weitere Vorfälle in anderen Kasernen.

Kaserne in Pfullendorf
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Kaserne in Pfullendorf


Nach den jüngsten Skandalen um sexuelle Belästigung und entwürdigende Aufnahmerituale hat die Bundeswehr Missstände in den eigenen Reihen untersucht. Das Ergebnis ist ernüchternd: Pfullendorf war zwar ein Extremfall, aber keine Ausnahme, wie aus einem Bericht an den Verteidigungsausschuss des Bundestags hervorgeht. Außerdem gebe es Defizite beim Meldesystem für solche Fälle. Es sei zersplittert, nicht kohärent und werde uneinheitlich gehandhabt, heißt es.

Der SPIEGEL hatte im Januar erhebliche Missstände in der Elite-Ausbildungskaserne aufgedeckt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung. In dem aktuellen Bericht ist von "gravierenden Verstößen" gegen Grundsätze der Bundeswehr die Rede. Fragwürdige Ausbildungsmethoden seien geändert und Ausbilder versetzt worden, fünf Soldaten sind fristlos aus der Truppe entlassen worden.

Mobbing, Gewalt, Sexuelle Übergriffe

Laut Generalinspekteur Volker Wieker sind bei der internen Analyse weitere 40 Hinweise allein bei der Ansprechstelle Diskriminierung und Gewalt in der Bundeswehr eingegangen. Zivile Mitarbeiter klagten über Mobbing, Soldatinnen und Soldaten über sexuelle Übergriffe.

Dem Bericht zufolge wurden bereits bekannte Verdachtsfälle der beiden vergangenen Jahre sowie neue Fälle analysiert. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen versprach eine systematische Aufarbeitung. Man werde deshalb größere Untersuchungen auf den Weg bringen, so die CDU-Politikerin.

Die Verdachtsfälle und Vorwürfe betreffen vor allem Mannschaftssoldaten von Kampfverbänden und Unteroffiziere zwischen 20 und 30 Jahren. Wieker attestiert ihnen eine "besondere Erfordernis an stringenter Führung, Ausbildung und Erziehung".

Ein weiterer Skandal wurde vergangene Woche bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall bekannt. Ein Obergefreiter soll sexuell belästigt und genötigt worden sein. Die Staatsanwaltschaft Traunstein ermittelt nicht nur wegen Mobbings und sexualbezogener Verfehlungen, sondern auch wegen Volksverhetzung und Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz.

Wie die Bundeswehr durchgreifen will

Als Konsequenz aus den Vorfällen sollen nun das Meldewesen bei der Bundeswehr gestrafft, die Dienstaufsicht und die Ausbildung verbessert werden. In einer neuen gemeinsamen Datenbank sollen Hinweise künftig effektiver zusammengeführt werden. Von der Leyen will außerdem mit Führungskräften auf einem Workshop über die innere Lage reden.

Der Bericht betont auch die Bedeutung eines kritischen Blicks von außen auf interne Abläufe. Dafür wurde der Kriminologe Christian Pfeiffer ausgewählt. Die Aktenanalyse werde rund ein Jahr dauern, sagte Pfeiffer der Sendung "SWR Aktuell".

"Die Bundeswehr benötigt Menschen mit dem richtigen Reflektionsvermögen und Verantwortungsgefühl", sagte die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen, Agnieszka Brugger. "Wer andere entwürdigt, schikaniert und belästigt, der zeigt keine Stärke, sondern offenbart seine eigene Schwäche und disqualifiziert sich für diese verantwortungsvolle Aufgabe."

koe/dpa

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