Gerwald Claus-Brunner Pirat deutete Todesgedanken in Parlamentsrede an

Der Piratenpolitiker Gerwald Claus-Brunner wurde tot aufgefunden, die Partei geht von einem Suizid aus. Sein Umfeld war offenbar schon länger alarmiert.

Gerwald Claus-Brunner
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Gerwald Claus-Brunner


Im politischen Umfeld des verstorbenen Piraten Gerwald Claus-Brunner gab es offenbar schon länger die Befürchtung, dass der Berliner Abgeordnete psychotherapeutische Unterstützung benötige. Mehrere Parlamentarier der vergangenen Legislaturperiode beschrieben am Montagabend, dass Abgeordnete und Senatoren konkret versuchten, Claus-Brunner professionelle Hilfe zu vermitteln.

Claus-Brunner ist im Alter von 44 Jahren gestorben. Das teilte der Landesverband der Berliner Piraten am Montag mit. Die Polizei habe die Partei darüber informiert, dass wohl weder ein Unfall noch Fremdverschulden vorliege, hieß es weiter.

Laut Berliner Polizei seien in einer Wohnung im Stadtteil Steglitz zwei Leichen gefunden worden. Bei dem zweiten Toten soll es sich ebenfalls um einen Mann handeln. Weitere Informationen gab es zunächst nicht. Eine Mordkommission ermittelt. Zuvor hatten "B.Z." und "Bild" über die Todesfälle berichtet.

Bereits vor mehr als zwei Monaten hatte ein Redebeitrag Claus-Brunners im Berliner Abgeordnetenhaus Sorge bei Zuhörern ausgelöst. In einer Rede am 23. Juni dieses Jahres sagte der Politiker wörtlich: "Ihr werdet es ab dem 18.9. noch bereuen, dass es diese Fraktion, der ich angehöre, nicht mehr geben wird." (...) "Und ihr werdet auch in der laufenden Legislatur für mich am Anfang irgendeiner Plenarsitzung mal aufstehen dürfen und eine Minute stillschweigen." Die Passage ist im Plenarprotokoll vermerkt.

Das in der Rede erwähnte Datum deckt sich mit dem Termin der Berliner Landtagswahl. Am Sonntag wählte die Hauptstadt ein neues Abgeordnetenhaus. Die Piraten verfehlten den Wiedereinzug ins Parlament dieses Mal deutlich.

Vizepräsidentin Anja Schillhaneck ermahnte im Anschluss an Claus-Brunners Rede im Juni das Plenum zu mehr Disziplin. "Zwischenrufe wie 'Geh mal zum Arzt!' oder Ähnliches sind wirklich unangemessen! Das sollten Sie bitte unterlassen!", sagte Schillhaneck laut Protokoll. Ein nicht namentlich aufgeführter Abgeordneter hatte Claus-Brunner während dessen Rede "Geh mal zum Arzt" zugerufen.

Mehrere Abgeordnete und Senatoren sollen damals auf die Piratenfraktion zugegangen sein, um sich nach Claus-Brunners Situation zu erkundigen, heißt es. "Menschen wurden hellhörig", sagt ein Abgeordneter im Rückblick. Beratungsstellen in Steglitz-Zehlendorf seien über den Auftritt Claus-Brunners informiert worden.

Teile der Fraktion wollten einen Ausschluss erwirken

Die Piratenpartei Berlin veröffentlichte am Montag eine Mitteilung, in der es heißt, Claus-Brunner habe "wohl selbst seinem Leben ein Ende gesetzt. Genauere Umstände sind uns nicht bekannt; allerdings wussten wir von einer unheilbaren Erkrankung." Gleichwohl warnten einige parlamentarische Begleiter vor Spekulationen und Mutmaßungen über Claus-Brunners Gesundheitszustand in den vergangenen Monaten. Man habe über dessen Privatleben kaum etwas gewusst.

Übereinstimmend hieß es, Claus-Brunner sei innerhalb der ohnehin zerstrittenen Piratenfraktion weitgehend isoliert gewesen. Als Einzelkämpfer, intelligent, unzugänglich und unberechenbar beschreiben ihn einstige Weggefährten. Zuletzt habe er weder auf persönlicher noch auf inhaltlicher Ebene Verbündete in der Piratenfraktion und unter den Mitarbeitern gehabt. In den vergangenen zwei Jahren sei Claus-Brunner nur noch sporadisch zur Fraktionssitzung erschienen. Bis zuletzt soll er sich aber im Petitionsausschuss und für Jugendpolitik engagiert haben.

"Es gab viele Gesprächsversuche", sagt ein Fraktionsmitglied. Brunner habe sich "sehr stark über die verbliebenen Strukturen in der Piratenpartei und über seine Außenseiterrolle im Parlament identifiziert". Im Januar 2016 beantragte eine Mehrheit der 15-köpfigen Fraktion, Claus-Brunner aus ihren Reihen auszuschließen. Als Grund wurden wiederholte verbale Angriffe auf Angestellte oder Abgeordnete angeführt. Der Antrag scheiterte knapp, Brunner blieb Mitglied.

Die Berliner Piratenfraktion war 2011 als erste in einen Landtag eingezogen, kurzzeitig leitete der Überraschungserfolg einen bundesweiten Aufwärtstrend der Netzpartei ein. Claus-Brunner war einer der auffälligsten Piratenpolitiker, weil er sehr groß war und grundsätzlich immer in Latzhose und mit einem Kopftuch auftrat. Am ersten Arbeitstag nach der Parlamentswahl 2011 marschierte er in Neon-Kleidung ins Abgeordnetenhaus, um dort eine Piratenflagge zu hissen.

Er war aber auch einer der umstrittensten Piraten, der für derbe Äußerungen, zum Beispiel im Kurznachrichtendienst Twitter, in der Kritik stand. Dort bezeichnete er die Frauenquote als "Tittenbonus" und den Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg als "Bezirk Friedrichsfail-Scheißeberg".

Bereits nach der ersten Zeit im Abgeordnetenhaus - und nach einigen internen Querelen bei den Piraten - hatte Claus-Brunner geklagt, er sei moralisch und seelisch am Ende. Später sagte er: "Ich halte durch, weil ich sicher bin, dass ein großer Teil der Basis hinter mir steht."

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Mit Material von dpa



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