Kandidaten für den Bundestag Das letzte Aufgebot der Piraten

Ein Soldat, eine Tagesmutter, Informatiker: 16 Spitzenkandidaten aus den Ländern sollen den Piraten bei der Bundestagswahl Sympathien und Prozente zurückbringen. Parteichef Schlömer will die Riege als frisch und authentisch verkaufen, doch einige Kandidaten treten überraschend künstlich auf.

Neumarkt - Auf dem Piratenparteitag am Wochenende ging es neben dem Streit um Online-Abstimmungen und das Wahlprogramm vor allem um eines: Wie präsentieren sich die 16 Spitzenkandidaten? Anders als bei den großen Parteien gibt es bei den Piraten keinen Frontmann, kein Spitzenduo für die Bundestagswahl. Stattdessen sollen die Erstplatzierten der Landeslisten ihre Partei, die seit Monaten unter der Fünfprozenthürde liegt, durch den Wahlkampf führen.

Die unverbrauchten Gesichter sollen garantieren, dass das Ziel Bundestag doch noch erreicht wird. Der Bundesvorstand spekuliert darauf, dass viele Wähler und Nichtwähler genervt sind vom Dauerlächeln der etablierten Politiker auf Plakaten und den üblichen Talkshow-Auftritten. Dagegen sollen die Piraten "frech und frisch" wirken, so die Hoffnung von Parteichef Bernd Schlömer.

Die 16 Piraten haben noch eine andere Funktion. Schließlich sind sie es, die bei einem möglichen Einzug in den Bundestag einen Großteil der künftigen Fraktion stellen würden. Die neue Frontriege der Partei verrät also auch etwas darüber, wie parlamentarische Piratenarbeit auf Bundesebene aussehen könnte. Und ob die Piraten im September gut zwei Millionen Stimmen verdient haben. So viele bräuchte die Partei, um in den Bundestag einzuziehen.

Spitzenkandidat aus Versehen

Die Kandidaten sind zwischen 19 und 58 Jahre alt und weitgehend unbekannt. Sie sind kein Steinbrück, keine Göring-Eckardt, kein Brüderle, und genau das soll - ginge es nach Schlömer - ihre Stärke sein. Er setzt auf "authentische Geschichten, auf ehrliche und starke Persönlichkeiten der einzelnen Kandidaten". Bürger sollen sich mit ihren Biografien identifizieren können: Unter den Kandidaten finden sich ein Soldat, ein Kurierfahrer, eine Tagesmutter, ein Musikproduzent, einige Informatiker.

Allerdings ging die Bewährungsprobe der Spitzenkandidaten am Wochenende schief. Von einigen Ausnahmen abgesehen liefern sie im Gespräch viele Allgemeinplätze und wenig Substanz. Ein Kandidat gibt zu, er sei "eher aus Versehen" auf den Spitzenplatz gekommen. Andere sagen Versatzstücke aus dem Piratenprogramm auf, "den Menschen in den Mittelpunkt rücken" oder "das System verändern". Fragt man nach konkreten Zielen, flüchten sich viele Kandidaten in Phrasen.

Der Gesamteindruck ist, dass hier zwar sympathische und engagierte Menschen Politik machen wollen (hier die einzelnen Spitzenkandidaten in der Bilderstrecke). Aber immer wieder ertappt man sich bei der Frage: Reicht das für den Bundestag? Denn viele scheinen mit ihrer neuen Aufgabe überfordert.

Beim Fotografieren stören die Spinnweben

Auffällig ist zudem, dass die Piraten - stolz auf unbequeme Meinungen und flotte Sprüche - ihre Außenwirkung mehr und mehr steuern, gar kontrollieren wollen. Ein paar Spitzenkandidaten haben Geld für einen externen PR-Berater zusammengelegt. Bundesvorstand und Pressestab waren nicht eingeweiht. Auf dem Parteitag führt das in der Presselounge zu merkwürdigen Szenen. Der Berater herrscht einen Mitarbeiter der Bundespresse an, Termine mit "seinen" Schützlingen ausgemacht zu haben. Es wird laut, die Umstehenden schauen irritiert.

Als ein Journalist von einem Kandidaten wissen will, wie dieser zu verbindlichen Online-Abstimmungen steht, interveniert der Berater. Schließlich gehe es bei dieser Frage nicht um eine politische Position, so die Begründung. Auch die Arbeit an Porträtfotos der Spitzenkandidaten für SPIEGEL ONLINE gestaltet sich zunächst kompliziert, da aus Sicht der Piraten mal das Licht nicht passt, mal nicht die Farbe vom Gebälk. Die Berliner Spitzenkandidatin stört sich an Spinnweben an der Wand. Ihrem Berater missfällt, dass im Hintergrund eine Ecke zu sehen sei. Das könne man bildsprachlich so interpretieren, dass man Piraten "in die Ecke stellen" wolle, argumentiert er.

Das veränderte Auftreten der Piraten schaffte es sogar in die Spätnachrichten des ZDF: Das Schauspiel der Spitzenkandidaten sei "eine bis zur Verkrampfung verordnete Freude, von Pressebetreuern choreografiert und überwacht, die hinter der Kamera den Interviewten Haltungstipps zuflüstern", kommentierte der Sender in einem Beitrag .

Es sind Veränderungen wie diese, die zeigen: Den Piraten rennt die Zeit davon, vor der Bundestagswahl will man sich rasch professionalisieren. Allerdings geschieht auch das unkoordiniert, ohne erkennbare Strategie - und um den Preis der letzten verbliebenen Authentizität. Kecke Worte, wie man sie von der früheren Spitzenpiratin Marina Weisband kannte, suchte man am Wochenende vergeblich.

Der Parteitag in Neumarkt machte neben einer tiefen Zerrissenheit in der Ausrichtung und endlosen Debatten auch klar: Den Spagat zwischen sympathisch und professionell müssen die neuen Piratengesichter schnell lernen. Sonst wird es noch schwerer, wieder Wähler zu gewinnen.

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