Piratenpartei Operation Eichhörnchen

Die Piratenpartei hat ein Problem: Heißt es der, die oder das Pirat? Weibliche Mitglieder fühlen sich nach SPIEGEL-Informationen diskriminiert, deshalb ist nun eine geschlechtsneutrale Satzung geplant. Das Ergebnis steht noch nicht fest, doch ein Wort könnte bald eine große Rolle spielen - "Eichhörnchen".

Flagge zeigen: Der, die, das Pirat?
DPA

Flagge zeigen: Der, die, das Pirat?


Berlin - Der Pirat ist ein Mann. Für die Frau mit Holzbein und Augenklappe am Steuer eines gekaperten Schiffs kennt die deutsche Sprache das Wort Piratin. Diese Regelung hat sich im Laufe der Jahrhunderte bewährt. Und stellt nun ausgerechnet die Mitglieder der Piratenpartei vor ein ernstes Problem: In ihrer Bundessatzung tauchen überall Piraten auf, natürlich sind damit aber auch Piratinnen gemeint. Was, wenn die sich nun diskriminiert fühlen?

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Ab kommender Woche können die Parteimitglieder nach SPIEGEL-Informationen nun im interaktiven "Liquid Feedback" darüber abstimmen, wie eine Piratenparteisatzung lauten muss, die dem Grundsatz der Gleichberechtigung gerecht wird. Mehr als ein Dutzend Vorschläge stehen zur Wahl.

Die profane Idee, einfach überall "Piratinnen und Piraten" zu schreiben, findet im Vorfeld wenig Unterstützer.

Auf noch weniger Begeisterung stößt der Vorschlag, "Pirat/innen" zu schreiben. "Bitte Sprache nicht vergewaltigen", merkt ein Gegner an. Die Reaktionen auf den Antrag, den Begriff "das Pirat" zu verwenden, fallen nüchterner aus. Bislang kein Kommentar.

Sehr pragmatisch wirkt der Vorschlag mit dem Titel "Die Satzung soll so bleiben, wie sie ist". Als hätten die Verfasser der aktuellen Bundessatzung das Gewitter schon aufziehen sehen, haben sie den ersten Paragrafen krisenfest formuliert: "Die in der Piratenpartei Deutschland organisierten Mitglieder werden geschlechtsneutral als Piraten bezeichnet." Natürlich könnte man in der Bundessatzung auch einfach von Mitgliedern anstatt von Piraten sprechen.

Von "Mitgliedern" und "Ohnegliedern"

Auch dieser Vorschlag wird zur Abstimmung gestellt. Er würde bedeuten, dass sich die Piraten den Vertretern der geschlechtsneutralen Grünen, Linken, Liberalen, Christsozialen und Sozialdemokraten annähern würden. Anpassung an die Regeln des System? Nichts für Piraten. Neben "Mitgliedern" gebe es auch "Ohneglieder", findet einer. Eine Anregung, die mittlerweile wieder zurückgezogen wurde.

Um die Diskussion zu versachlichen, hat die Partei auch einen Sprachwissenschaftler um Rat gebeten. Professor Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin schlägt eine technische Lösung des Problems vor: "Im Zeitalter der Informationstechnologie dürfte es nicht schwer sein, eine Satzung zu programmieren, bei der die Leser/innen per Drop-Down-Menü auswählen können, ob sie die Personenbezeichnungen in der männlichen oder der weiblichen Form lesen wollen."

Gute Chancen, als Gewinner aus der Abstimmung hervorzugehen, hat allerdings ein ganz anderer Vorschlag. Er steht im Ranking der beliebtesten Initiativen auf Platz zwei und besagt, an allen entsprechenden Stellen in der Satzung das Wort "Pirat" durch "Eichhörnchen" zu ersetzen. Der Ausdruck "Eichhörnchen" könne als ausreichend geschlechtsneutral angesehen werden, da auch er keine weibliche Form besitze. Außerdem sei er "historisch im Kampf der Geschlechter noch nicht vorbelastet".

hei



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 08.07.2012
1.
Zitat von sysopDPADie Piratenpartei hat ein Problem: Heißt es der, die oder das Pirat? Weibliche Mitglieder fühlen sich nach SPIEGEL-Informationen diskriminiert, deshalb ist nun eine geschlechtsneutrale Satzung geplant. Das Ergebnis steht noch nicht fest, doch ein Wort könnte bald eine große Rolle spielen - "Eichhörnchen". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,843178,00.html
Wenn es um so einen Schwachsinn geht, kann man die Amis nur beneiden. She can be a doctor and he can be a nurse.
Eviathan 08.07.2012
2. Die armen Piraten
Als ob sie gerade keine anderen Probleme hätten... Naja, aber so ist das eben, wenn Frauen irgendwo mitmischen: Es geht plötzlich nur noch um Frauen. Aber da wurden ja schon viele Kämpfe geführt, weil viele Frauen die Bedeutung des generischen Maskulinum nicht begreifen wollen. Abgesehen davon: Diese feministischen Sprachvermurksungen, von denen angenommen wird, von irgendwelcher Relevanz für die Position der Frau in der Gesellschaft zu sein, gibt es nur in Deutschland. In anglophonen Ländern etwa gibt es so etwas nicht. Und dort ist die Situation der Frauen nicht anders als hier. Wer wissen möchte, was für die Positionierung der Frauen ausschlaggebend ist, möge die Basis etwa der Piraten in Augenschein nehmen. Es liegt am mangelnden Engagement, an sonst gar nichts.
DJ Doena 08.07.2012
3.
Zitat von sysopDPADie Piratenpartei hat ein Problem: Heißt es der, die oder das Pirat? Weibliche Mitglieder fühlen sich nach SPIEGEL-Informationen diskriminiert, deshalb ist nun eine geschlechtsneutrale Satzung geplant. Das Ergebnis steht noch nicht fest, doch ein Wort könnte bald eine große Rolle spielen - "Eichhörnchen". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,843178,00.html
Ja, wenn es denn dabei bliebe. Aber dann kommt doch wieder das berüchtigte "Liebe Mitgliederinnen und Mitglieder" und das, obwohl es keine "Mitgliedin" gibt. Aber manche Leute werden eben nie begreifen, dass das Mädchen nicht nicht weiblich ist und die Wand keine wie auch immer ausgearteten Geschlechtsmerkmale hat.
FRWBonn 08.07.2012
4. Einsame Menschen
Einsame Menschen ohne feste Einbindung in ein soziales Umfeld, und mangels mitmenschlicher Erfahrung auffallend kenntnisarm, aber mit genügend Zeit ausgestattet, um 10 Stunden am Tag am PC zu sitzen, wünschen sich Teilhabe und Beachtung. Diese Teilhabe und Beachtung findet sich in "Eichhörnchen"-Debatten und ähnlichen Ersatzhandlungen - deren gesteigerte (und verzweifelte) Form am Ende der "Shit Storm" ist. Das sind die Lebenszeichen einer Selbsthilfegruppe der "anonymen Einsamen". Das mag für die Teilnehmer kurzfristig eine Erfüllung oder Entlastung sein. Nur wird dem Wahlvolk schlecht zu erklären sein, warum diese Selbsthilfegruppe in die Volksvertretung gewählt werden soll. Das alles erinnert sehr an "Einer flog über das Kuckucksnest": Die Eingesperrten unternehmen einen Ausbruch aus dem Käfig und fahren mit dem Fischerboot auf See - Piraten eben, auf ihre Weise. Viel Glück dabei! Aber ohne meine Wählerstimme.
ladywanda, 08.07.2012
5. Tja....auch in der Historie
waren Anne Bonney und Mary Read ja auch eher Ausnahmeerscheinungen....Piraterie ist -siehe Somalia - zunächst mal eine männliche Domäne. Ich schlage eine Namensänderung vor: The Pirates auf gut britisch - das ist geschlechtsneutral...
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