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25. Juni 2002, 20:57 Uhr

Pisa-Studie

Bulmahn will nationale Bildungsstandards - trotz Länderwiderstand

Die Pisa-Studie verlange eine nationale Antwort, sagt Bundesbildungsministerin Bulmahn. Ihren Länderkollegen, die darauf pochen, dass Bildungspolitik Ländersache sei, wirft sie Schrebergarten-Mentalität vor.

Berlin - Die Bildungschancen der Kinder dürften nicht länger vom Wohnort der Eltern abhängen, sagte Edelgard Bulmahn am Dienstag in Berlin. Eine unabhängige Institution sollte diese Standards und Bildungsziele mit kritischem Blick von außen überprüfen - wie in den erfolgreichen Pisa-Staaten längst üblich.

Bulmahn warnte die Länder vor weiteren Debatten über Zuständigkeiten und einer weiteren Schulpolitik nach "Schrebergartenmentalität". Wenn man die deutschen Schulen mit internationalen Maßstäben messe, könne kein Land sagen, es habe alles richtig gemacht. So habe Bayern, das im innerdeutschen Vergleich aller Schularten an der Spitze steht, eine mit 20 Prozent viel zu niedrige Abiturientenquote und eine viel zu hohe soziale Auslese.

Nach der Pisa-Studie beträgt der Lernvorsprung bayerischer Schüler bei der Lesekompetenz zum Schlusslicht Bremen eineinhalb bis zwei Schuljahre. Gleichwohl beträgt aber auch der Abstand des deutschen Testbesten Bayern zum internationalen Pisa-Spitzenreiter Finnland ein bis eineinhalb Jahre.

Bulmahn sagte: "Ziel der gemeinsamen Anstrengungen von Bund und Ländern muss sein, dass Deutschland bei der Bildung in zehn Jahren wieder zu den fünf Besten gehört." Dazu gehörten sowohl ein hohes Leistungsniveau als auch eine hohe Bildungsbeteiligung mit mehr Abiturienten.

Die Bundesbildungsministerin legte ein 5-Punkte-Programm als nationale Antwort auf Pisa vor. Darin bekräftigt der Bund sein Angebot zum Aufbau von 10.000 Ganztagsschulen bis 2007 und bietet seine Mithilfe zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards an. Eine unabhängige nationale Stelle soll diese überprüfen. Parallel dazu soll ein unabhängiger "Rat der Bildungsweisen" eingesetzt werden und alle zwei Jahre gemeinsam mit den Ländern einen Bildungsbericht über die Reformfortschritte vorlegen. Ein Bund-Länder-Programm soll helfen, die gravierendsten Schwächen der Schüler beim Lesen und Schreiben zu beheben und Lernschwächere besser zu fördern.

Zugleich will Bulmahn regelmäßige Schuluntersuchungen schon von der Grundschule an. Geprüft werden soll dabei nicht der einzelne Schüler, sondern das Bildungssystem. Zentrale Abschlussarbeiten, wie von der Union gefordert, reichten nicht aus. Hilfreicher sei eine frühzeitige Diagnose von Lernschwächen, damit den Schülern noch geholfen werden könne.

Bayern Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) wies die Vorschläge Bulmahns zurück. "Auf Heilsbotschaften und Obergutachten des Bundes in Sachen Bildungspolitik, für die ihm die Kompetenzen fehlen, legen die unionsregierten Länder keinen Wert", sagte der Bildungssprecher der unionsgeführten Bundesländer. Die Bundesregierung verspreche ständig neue Programme, obwohl die Kassen leer seien, sagte Zehetmair.

Auch die CDU-Politikerin Annette Schavan (Baden-Württemberg) lehnte mehr Bundeszuständigkeiten ab. "Zentralisierung führt zu Nivellierung", sagte Schavan in Berlin. Auch sie sei für vergleichbare Bildungsstandards. Zehetmair sagte, Ganztagsschulen seien keine bildungspolitische Wunderwaffe, auch wenn sie im Einzelfall soziale Nachteile ausgleichen könnten.

Bulmahn hielt dagegen, dass Ganztagsschulen mehr Zeit zum Lernen und zum Fördern böten. "In keinem anderen Land werden Begabungen von Kindern so häufig verschenkt wie in Deutschland", sagte Bulmahn.

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