Leere Depots Pistorius macht Munitionsproduktion zur Chefsache
Boris Pistorius bei einer Pressekonferenz im Juni 2023: »Ohne Munition nutzen die modernsten Waffensysteme nichts«
Foto: Mindaugas Kulbis / APDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Bei der Bundeswehr ist der Mangel an Artilleriemunition seit Jahren Normalität. Derzeit verfügt die Truppe zwar über eine erkleckliche Anzahl einsatzbereiter Artilleriesysteme vom Typ Panzerhaubitze2000, von denen im laufenden Jahr bereits 14 an die Ukraine abgegeben wurden. Die Geschosse dafür sind allerdings so rar, dass die Artillerieschützen an der Heimatfront nur selten mit scharfen Granaten trainieren dürfen. Etwa dann, wenn ein Minister oder ein Staatssekretär vorbeischaut. Sonst müssen sich die Soldaten mit Übungsmunition zufriedengeben.
Lange Zeit war diese Leere in den Munitionsdepots nichts, was die Verantwortlichen im Verteidigungsministerium mit Sorge erfüllt hätte. Nach der Wiedervereinigung galt ein erneuter Landkrieg in Mitteleuropa praktisch als ausgeschlossen. Die Politik sparte bei der Truppe, wo sie nur konnte. Friedensdividende hieß dieses Prinzip. Spätestens seit dem russischen Einmarsch erweist sich die Sorglosigkeit der vergangenen Jahrzehnte aber als Problem: Wären die Munitionslager besser gefüllt, könnte die Bundesregierung der Ukraine deutlich mehr von der so dringend benötigten Artilleriemunition anbieten.
Beschaffung hat »oberste Priorität«
Deshalb arbeiten Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und die Spitzen der deutschen Rüstungsindustrie an einer Kehrtwende in der Munitionsbeschaffung. »Ohne Munition nutzen die modernsten Waffensysteme nichts, auch wenn sie einsatzbereit auf dem Hof stehen«, sagte der SPD-Minister dem SPIEGEL. Deswegen habe die nachhaltige Beschaffung von Geschossen für ihn »oberste Priorität«, sagte Pistorius. »Bis 2031 müssen und wollen wir deutlich über 20 Milliarden Euro in Munition investieren.«
Wie dramatisch die Lage ist, machte die Regierung kürzlich unfreiwillig selbst öffentlich. Über Monate hatte Berlin nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine versucht, die genaue Zahl an vorhandenen Artilleriegranaten geheim zu halten. Selbst Parlamentarier wurden mit dem Hinweis, eine Offenlegung gefährde das Staatswohl, abgebürstet. Dann aber erwähnte das Finanzressort vor einigen Wochen in einer vertraulichen Vorlage für den Bundestag, die Truppe verfüge derzeit nur über rund 20.000 155-Millimeter-Geschosse.
Die Zahl kam einem Offenbarungseid gleich, folglich sorgte ein SPIEGEL-Bericht über das Papier international für viel Aufsehen. Denn laut Vorgaben der Nato müsste die Bundeswehr eigentlich so viel Munition vorhalten, dass Artilleristen 30 Tage im intensiven Gefecht durchhalten können. Dafür bräuchten sie mindestens 230.000 Schuss. Offiziell gilt diese Regel zwar erst ab 2031, die Nato-Strategen aber waren trotzdem einigermaßen schockiert, wie ausgehöhlt ausgerechnet die deutschen Bestände sind.
Lambrecht überließ das Problem ihrem Apparat
Für den Mangel gibt es viele Gründe. So hatte die Bundeswehr in den letzten Jahren, trotz der Rückbesinnung auf die Landesverteidigung nach der russischen Annexion der Krim 2014, frische Munition nur in kleinen Paketen nachbestellt. Auslandseinsätze wie in Afghanistan genossen größere Priorität. Folglich wurden die bestehenden Verträge mit den Rüstungsschmieden wie Rheinmetall und Diehl nicht voll ausgeschöpft, das Beschaffungsamt bestellte nur ein paar Tausend neue Granaten, wenn gerade Geld übrig war. Parallel machten die Planer auch noch mehrere Depots dicht, da deren Betrieb zu teuer erschien.
Ex-Verteidigungsministerin Lambrecht, Nachfolger Pistorius bei der Amtsübergabe im Schloss Bellevue im Januar: Frische Munition nur in kleinen Paketen nachbestellt
Foto: FILIP SINGER / EPADoch auch nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine im Februar 2022 kam der Geschosseinkauf nicht in Gang. Zwar mahnten die CEOs der Rüstungsschmieden bei einem Treffen mit den Beschaffern im Ministerium nur Tage nach der Invasion, man benötige schnell Kennzahlen, wie viel Munition die Truppe brauche, erst dann könne man die Produktion hochfahren. Die damalige Ministerin Christine Lambrecht (SPD) aber überließ das Problem ihrem trägen Apparat. Dieser aber agiert ohne Befehl von oben in der Regel strikt nach Vorschrift – also im Schneckentempo.
20.000 Geschosse für dieses und nächstes Jahr
Mittlerweile gibt es zumindest etwas Licht am Ende des Tunnels. Im Juni, fast 16 Monate nach Kriegsbeginn, genehmigte der Bundestag mehrere milliardenschwere Rahmenverträge für Artillerie- und Panzermunition, mit denen sowohl die Bundeswehr als auch die ukrainischen Streitkräfte versorgt werden sollen. Erste Pakete von jeweils 20.000 Geschossen sind für dieses und kommendes Jahr avisiert. »Wir werden hier nicht nachlassen und noch weitere Vorhaben umsetzen«, erklärte Pistorius. Insgesamt wolle er in diesem Jahr eine Milliarde Euro für Munition ausgeben.
Der Weg bis zu einem Bestand von 230.000 Schuss aber ist noch weit, was derzeit vor allem für die ukrainischen Soldaten ein Problem ist. Denn deren Bestände leeren sich, auch weil Deutschland nicht in dem Maße liefern kann, wie Geschosse verfeuert werden. »Die Ukrainer brauchen rund eine Million Stück«, sagt Armin Papperger, der Vorstandschef des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall.
Der 60-jährige Manager ärgert sich zwar über die Versäumnisse der Vergangenheit, will nun aber in die Zukunft blicken. »Schon im kommenden Jahr wollen wir die Kurve hinkriegen«, sagt er. Es solle dann mehr Munition hergestellt werden, als in der Ukraine verbraucht werde. »Wir werden unsere Jahresproduktion auf 600.000 Stück hochschrauben«, sagt er. Damit würde allein sein Unternehmen 60 Prozent der benötigten Menge herstellen.
Im Krisenfall maximale Produktion
Zwischen Unternehmern wie Papperger und dem neuen Verteidigungsminister scheint die Chemie zu stimmen. Für 1,2 Milliarden Euro hat Rheinmetall Rahmenverträge mit dem Verteidigungsministerium abgeschlossen, sie betreffen vor allem Munition vom Kaliber 155 Millimeter. Die ersten Auslieferungen von Gefechts- und Übungsmunition im Wert von 127 Millionen Euro sollen schon bald beginnen. Mit der Vereinbarung verpflichtet sich das Unternehmen auch, im Krisenfall auf maximale Produktion umstellen zu können.
Rheinmetall-Chef Papperger an der Frankfurter Börse bei der Aufnahme des Konzerns in den Dax (März 2023): »An uns soll es nicht scheitern, dass die Ukraine genügend Nachschub bekommt«
Foto: Ronald Wittek / EPANicht nur für die Erfüllung dieser Klausel will Rheinmetall seine Kapazitäten erheblich erweitern. Neben der Produktion im niedersächsischen Unterlüß hat Rheinmetall Standorte in Südafrika und Australien. Im vergangenen Jahr kaufte man sich einen spanischen Hersteller hinzu, der kommendes Jahr allein 300.000 Stück 155-Millimeter-Munition beisteuern soll. Hülle, Zünder, Sprengsatz werden dort zum Geschoss zusammengesetzt. Der Fachkräftemangel ist dabei offenbar kein Problem. »Sie können sich nicht vorstellen, wie viele junge Leute sich bei uns bewerben, weil sie was für das Land tun wollen«, sagt Papperger.
7000 Tonnen Pulver aus Bayern
Die größere Schwierigkeit liegt darin, das Pulver für die Sprengladung zusammenzubekommen. Bis vor Kurzem wollte Papperger noch in Sachsen eine neue Fabrik dafür bauen, die Lokalzeitungen berichteten bereits darüber. Jetzt aber sagt der Rheinmetall-Chef: »Wir werden diese Pläne nicht weiterverfolgen.« Stattdessen wolle man den bestehenden Standort im bayerischen Aschau am Inn ausbauen. »Das geht einfach schneller.« Einen »starken zweistelligen Millionenbetrag« wolle Rheinmetall sich das kosten lassen. 7000 Tonnen Pulver sollen in dem Werk pro Jahr entstehen.
Produktion von 155-Millimeter-Munition bei Rheinmetall in Unterlüss: Ein chemisch äußerst aufwendiger Prozess
Foto: Axel Heimken / AFPDie größte Herausforderung ist die Herstellung der sogenannten Treibladung, mit deren Hilfe das Projektil aus der Mündung gepresst wird. Sie besteht aus sogenannter Nitrozellulose, einem Sprengmittel, für das hochreine Baumwolle benötigt wird. Bislang stammten 80 Prozent dieses Bestandteils namens Linters aus China, künftig will Rheinmetall 10.000 Tonnen davon mit australischer Baumwolle in Deutschland herstellen.
Pulverproduktion Tag und Nacht
Rheinmetall ist nicht der einzige Hersteller von 155-Millimeter-Munition. Auch der Rüstungskonzern Diehl hat unlängst mit der Bundesregierung einen Rahmenvertrag unterzeichnet. Das Nürnberger Unternehmen hat sich dabei mit dem norwegischen Produzenten Nammo zusammengetan. Man werde »die Bundeswehr auf Dauer mit einer leistungsfähigen Artilleriemunition« versorgen, verspricht der Konzern.
Laut Rahmenverträgen werde beiden Konzerne die Munition an die Bundeswehr liefern. Wie viel davon dann an die Ukraine weitergeht, muss die Politik entscheiden. Verteidigungsminister Pistorius jedenfalls verspricht, dass auch die Ukraine von der neu produzierten Munition profitieren werde. »Wir wollen gemeinsam dafür sorgen, dass die tapfer kämpfenden ukrainischen Soldatinnen und Soldaten die notwendige Munition für die Verteidigung und Befreiung ihres Landes erhalten«, sagte Pistorius. Rheinmetall-Chef Papperger kündigt eine Produktion in drei Schichten an, die Herstellung des Pulvers soll sogar 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche andauern. »An uns soll es nicht scheitern«, sagt Papperger, »dass die Ukraine genügend Nachschub bekommt.«