Pizza-Connection Schwarz-grüne Schwatzrunde schlemmt wieder zusammen

Die "Pizza-Connection" ist Legende: Mitte der neunziger Jahre brachen Abgeordnete der Grünen und der Union ein Tabu, indem sie sich beim Italiener trafen. Jetzt ist die Schwatzrunde wiederauferstanden - in einer Zeit, in der eine schwarz-grüne Koalition nach 2009 plötzlich als machbar gilt.
Von Yassin Musharbash und Severin Weiland

Berlin - Der erste Streich fand im März statt, der zweite im April, der dritte soll im September folgen: Die legendäre "Pizza-Connection", eine Gesprächsrunde grüner und schwarzer Bundestagsabgeordneter, ist heimlich, still und leise wiederbelebt worden. Organisiert haben die Neu-Auflage der Schwatzrunde Margareta Wolf von den Grünen und Hermann Gröhe von der CDU. Beide waren schon bei der Originalrunde Mitte der neunziger Jahre beim Bonner Nobelitaliener "Sassella" dabei.

Ein gutes Dutzend Parlamentarier gehört dem Zirkel an - "allesamt Leute, mit denen man gut reden kann, die gerne gut essen und offen für Debatten sind", sagt Wolf. Sie und Gröhe hätten jeweils aus ihrer Fraktion Teilnehmer rekrutiert. Dabei habe sie darauf geachtet, dass keinesfalls nur überzeugte Schwarz-Grün-Anhänger darunter sind. Ungefähr die Hälfte der Grünen im Bunde seien außerdem Neu-Abgeordnete. Das Ziel der Treffen: "Sehen, wer tickt eigentlich wie?"

"Es stimmt, dass es Schwarze und Grüne gibt, die sich gut verstehen und gerne miteinander lecker essen gehen. Und das ist gut so", sagt Gröhe. Der 45-jährige Rechtsanwalt hatte schon zu Bonner Zeiten die "Pizza-Connection" mitbetrieben. Heute ist er Justitiar der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, gehört zum Geschäftsführenden Fraktionsvorstand - und damit zur engeren Führungsriege.

Das Tabu ist weg - jetzt kommen Lockerungsübungen

Gröhe engagiert sich für Menschenrechtspolitik und in der Evangelischen Kirche. Kontakt zu den Grünen nahm er in den neunziger Jahren auf: Als damaliger Bundesvorsitzender der Jungen Union lernte er sein Pendant von den Grünen kennen, Matthias Berninger. Die Bande bestehen noch immer. Als Berninger im vergangenen Jahr seinen Abschied aus dem Bundestag nahm, nach Jahren als Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium und vor seinem neuen Job in einem Nahrungsmittelkonzern - da kam Gröhe zusammen mit drei Unions-Abgeordneten und einem FDP-Mitglied zum Abschiedsfest. Kein einziger Sozialdemokrat ließ sich blicken.

Wolf und Gröhe stellen zwar das Lukullische und Freundschaftliche bei der "Pizza-Connection" in den Vordergrund - doch die Wiederbelebung der Runde spielt sich vor einem realen politischen Hintergrund ab. Denn anders als die Bonner Republik ist die Berliner Republik für schwarz-grüne Koalitionsspekulationen offen.

Nach der Bundestagswahl 2005 hatten Grüne und Union sogar offiziell Chancen sondiert. 2006 in Baden-Württemberg wiederholte sich das Spiel. Längst bekennen sich Grüne zu der neuen Option, und der Berliner CDU-Landesfraktionschef Friedbert Pflüger träumte jüngst im Magazin "Cicero" vom schwarz-grün-gelben Jamaika. Das Tabu ist längst weg. Die Lockerungsübungen haben begonnen.

Mancher Spitzenpolitiker der Großen Koalition ist auch dabei

Margareta Wolf gibt zu: "Natürlich trifft man sich nicht nur, weil man sich mag." Und selbstverständlich könne es helfen, dass man einander kennt, sollte die rechnerische Möglichkeit von Schwarz-Grün einmal gegeben sein. "Früher", sagt Wolf mit Blick auf die alte Connection, "das war ein Mediending."

Damals war der interfraktionelle Restaurantbesuch ein Politikum. Die CSU hielt die Grünen für Steinewerfer und zivilisierte Kontakte zu ihnen für unschicklich. 1998, nach der rot-grünen Regierungsbildung, schlief die "Pizza-Connection" allmählich ein. Im Jahr 2000 gab es noch einmal ein Treffen, 2003 ein weiteres - aber Verve und Regelmäßigkeit waren verloren gegangen. Jetzt soll wieder neuer Elan in die Runde kommen.

Die Teilnehmer wissen um die neue Ernsthaftigkeit, die sich aus dem veränderten politischen Umfeld ergibt. Sie wollen fortan noch diskretere Locations finden. Die Namen der Teilnehmer werden geheim gehalten - wohl auch, weil einige der CDU-Teilnehmer mitterweile ein gewisses Grad an Verantwortung in der Großen Koalition tragen und nicht abgestempelt werden wollen. Die alten Bande hätten aber gehalten, heißt es andeutungsweise.

In Bonn waren damals unter anderen Eckart von Klaeden (heute außenpolitischer Sprecher der Unions-Fraktion), Roland Pofalla (heute CDU-Generalsekretär) und Norbert Röttgen (heute erster parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer) mit von der Partie.

"Nicht lauter Roland Kochs"

Keiner der Polit-Schmauser will aber die Begegnungen in den Hinterzimmern als direkte Vorbereitungstreffen für eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene verstanden wissen. Da sei es schon viel "dezidierter, dass sich die Bundeskanzlerin mit Kuhn und Künast trifft", sagt Wolf. In der Tat hat Angela Merkel die beiden grünen Fraktionschefs schon im Kanzleramt bewirtet.

Die Union tut viel dafür, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen, aber auch die Grünen: Bei einer Polit-Party im Nobelrestaurant "Borchardt" setzte sich Künast kürzlich vor aller Augen demonstrativ an den Tisch der Kanzlerin - nicht etwa FDP-Chef Westerwelle.

Sicherheitshalber begannen die Treffen der "Pizza-Connection" mit einer formelhaften Begrüßung: "Wir wollen nicht koalieren, sondern uns kennen lernen." Omid Nouripour, der im Herbst 2006 als Nachrücker für Joschka Fischer in den Bundestag einzog, hat an den beiden ersten Runden teilgenommen, im Restaurant "Tucher" am Pariser Platz und im "Hartmanns" in Kreuzberg. "Es ist interessant zu sehen, dass die Union nicht nur aus lauter Rolands Kochs besteht", sagt er. Er bleibe allerdings "im Inneren ein Rot-Grüner".

Teilnehmern zufolge darf man sich die Treffen nicht so vorstellen, dass es dort die ganze Zeit um Politik und das Schmieden von Bündnissen geht. "Es wird unglaublich viel gelacht", sagt Margareta Wolf. Ein Diskutant erinnert sich an einen launigen schwarz-grünen Austausch darüber, wie es so ist, Koalitionspartner der Sozialdemokraten zu sein. Es werde viel über alte Bonner Zeiten getratscht, sagt ein Teilnehmer.

Brisante Themen werden dagegen eher ausgespart - man führt ja auch keine Koalitionsgespräche. Ein Grüner: "Was soll ich mit der Atompartei über den Atomausstieg sprechen?"

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