Plädoyer im Kofferbomber-Prozess "Aus ihrer Sicht waren die Sprengsätze todsicher"

Lebenslange Haft fordert die Bundesanwaltschaft für Kofferbomber Youssef al-Hajdib: Die Ankläger sehen ihn als treibende Kraft hinter den gescheiterten Anschlägen im Sommer 2006 - und sprechen von "erdrückenden Beweisen", dass damals nur ein Fehler ein Blutbad in deutschen Zügen verhinderte.

Von , Düsseldorf


Düsseldorf - Richter Ottmar Breidling hatte einen dicken Hals. Dass man den Verhandlungstag am Morgen erst eine gute Dreiviertelstunde später beginnen konnte, nun gut, dafür hatte sich Rechtsanwalt Bernd Rosenkranz gerade artig entschuldigt. Er stand im Stau. Aber nun wollte der Verteidiger auch noch das ganze Verfahren ausbremsen, das doch alle endlich in der Schlussphase wähnten. "Wenn ich sage, dass ich erstaunt bin, ist das zu wenig", blaffte der Vorsitzende des Staatsschutzsenats den Anwalt an.

Youssef al-Hajdib: Die Bundesanwaltschaft wirft dem Libanesen "terroristische Motive" vor
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Youssef al-Hajdib: Die Bundesanwaltschaft wirft dem Libanesen "terroristische Motive" vor

Eigentlich, so die Absprache, sollten gleich am Mittwochmorgen im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts im Prozess gegen den mutmaßlichen Kölner Kofferbomber Youssef al-Hajdib, 24, die Plädoyers beginnen. Doch Rosenkranz wollte die Beweisaufnahme nun doch noch nicht schließen.

Der Anwalt will in ein paar Tagen Dschihad Hamad, den bereits im Libanon verurteilten Komplizen seines Mandanten, im Beiruter Gefängnis persönlich besuchen und befragen - eine Möglichkeit, die sich Hajdibs Verteidigern bisher aus rechtlichen und Sicherheitsgründen nicht geboten hatte. Rosenkranz' Hoffnung: Hamad werde bekräftigen, dass sein Geständnis unter Folter erpresst worden sei.

Nach einer Stunde Beratung allerdings schmetterte ein genervter Richter Breidling den Antrag des Rechtsanwalts ab. Es seien keine neuen Erkenntnisse zu erwarten, der Wert einer anschließenden Aussage des Verteidigers zudem geringer einzuschätzen als die richterlichen Vernehmungen, denen sich Hamad im Libanon zu stellen hatte - im Beisein deutscher Ermittler, die Folter oder Drohungen ausgeschlossen hatten.

"Möglichst viele Menschen" sollten sterben

Auf diese Aussagen vertraut auch die Bundesanwaltschaft, die mit Verzögerung schließlich doch noch ihr Plädoyer halten konnte. Rund dreieinhalb Stunden begründeten die Staatsanwälte Duscha Gmel und Lars Müller-Mück, warum sie nach mehr als 50 Verhandlungstagen und der Vernehmung Dutzender Zeugen endgültig überzeugt sind, dass Youssef al-Hajdib am 31. Juli 2006 ein Blutbad plante, als er mit seinem Freund Dschihad Hamad zwei in Rollkoffer verpackte Sprengsätze in Regionalzügen plazierte. Die Männer waren damals am Kölner Hauptbahnhof von Überwachungskameras gefilmt worden. Der Vortrag der Anklage endete am späten Nachmittag mit dem Ruf nach der Höchststrafe gegen Hajdib: lebenslange Haft wegen vielfachen versuchten Mordes.

Der Angeklagte, mit weitem schwarzen Shirt bekleidet, die schulterlangen dunklen Haare hinter die Ohren geklemmt, nahm den Antrag hin, so wie er auch schon zuvor den Worten der Staatsanwälte gelauscht hatte: regungslos. "Resigniert" sei ihr Mandant, hatten die Anwälte Rosenkranz und Johannes Pausch jüngst erklärt. Die Hoffnung, Ankläger und Richter könnten doch noch seiner Version glauben schenken, dass er nur Schrecken verbreiten wollte, dass er die Bomben bewusst so baute, dass sie nicht explodieren würden, diese Hoffnung ist längst geschwunden.

Tatsächlich ließen die zu Beginn der Verhandlung am Mittwoch vorgetragenen letzten Beschlüsse erkennen, dass sich auch die Richter bereits ihr Bild von der Schwere der Schuld gemacht haben. Mehrfach machte sich der Senat hier schon den Vorwurf der Bundesanwaltschaft zu eigen, dass die beiden Libanesen in den Wochen nach der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland "möglichst viele Menschen töten" wollten. Anwalt Rosenkranz ahnt, womit sein Mandant rechnen muss, als er im Gerichtssaal kritisch anmerkt, dass schon am Mittwoch "große Teile des Urteils zu erkennen sind".

Kein Grund für Milde

Die Bundesanwaltschaft sieht für Milde keinen Grund. Zwar sei der Anschlagsversuch am Ende untauglich gewesen, um tatsächlich Menschen körperlich zu gefährden. Doch die "terroristischen Motive" wiegen zu schwer. "Deutschland hat einem islamistischen Anschlag nie näher gestanden als in diesem Fall", betonte Staatsanwältin Gmel.

Wären die Bomben explodiert, die Hamad und Hajdib am Kölner Hauptbahnhof in den beiden Regionalzügen abstellten, hätte es mindestens 60 Opfer gegeben, rechnete sie vor und sprach von einer "geradezu erdrückenden Beweislast" gegen den in Düsseldorf angeklagten Täter, der im Libanon in Abwesenheit bereits zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Hamad bekam dort zwölf Jahre.

Hamad bezichtigt seinen Mittäter Hajdib, ihn angestiftet zu haben - die Bundesanwaltschaft glaubt das auch. Hajdib, der sich am Kieler Studienkolleg für Wirtschaft und Technik auf ein Ingenieurstudium vorbereitete, sei der "geistige Urheber und die treibende Kraft" hinter den Anschlagsplänen. Zeugenaussagen und selbstverfasste Gedichte hätten gezeigt, dass er "im extremistischen, gewaltbereiten Islamismus tief verwurzelt" sei und mit den Terrorführern Osama bin Laden und Abu Mussab al-Sarkawi sympathisiere. Unter anderem mit Hilfe einer älteren Fatwa eines Extremisten habe er Hamad indoktriniert und auf ein Attentat "gegen Ungläubige im moralisch verrotteten Westen" eingeschworen - als Vergeltung für die Veröffentlichung der umstrittenen Mohammed-Karikaturen in deutschen Zeitungen.

Vor allem die Bauart der Kofferbomben nach Plänen aus dem Internet sehen die Bundesanwälte als Beweis für die Entschlossenheit der Täter. "Zu perfekt" seien die Sprengsätze, als dass Hajdibs Darstellung glaubhaft wäre, er habe sie absichtlich funktionsunfähig gebastelt: Dies werteten die Ankläger "zweifelsfrei" als Schutzbehauptung.

Tatsächlich waren die Zeitzünder mehrfach gegen versehentliche Entschärfung gesichert, die mit schweren Propangasflaschen und Brandbeschleuniger bepackten Koffer verschlossen und voller Spuren, von denen man offensichtlich glaubte, dass sie bei einer Explosion zerstört würden. Laut Bundesanwaltschaft ist es allein den mangelhaften chemischen Kenntnissen der Bombenbauer zu verdanken, dass das Inferno in den Waggons ausblieb. Keiner der beiden habe je gewusst, dass Sauerstoff fehlte, um die Explosion auszulösen. "Aus ihrer Sicht waren die Sprengsätze todsicher", sagte Staatsanwältin Gmel.

Ein letztes Mal werden die Verteidiger in zwei Wochen versuchen, Zweifel an dieser Darstellung zu schüren - für den 12. November ist ihr Plädoyer vorgesehen. Zwei Tage vorher, bekräftigte Rechtsanwalt Rosenkranz, werde er nach Beirut reisen, um den angeblichen Foltervorwürfen von Hajdibs Mittäter Hamad nachzugehen - ob Richter Breidling es sinnvoll findet oder nicht. Das Urteil will der Vorsitzende des sechsten Strafsenats am 18. November verkünden.



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