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Alexander Neubacher

Plagiate, Patentraub, Umsonstkultur Stoppt den Ideenklau

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Jeder Eierdieb wird verfolgt, doch wer sich am geistigen Eigentum anderer vergreift, kommt oft locker damit durch. Warum?
aus DER SPIEGEL 28/2021
Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock bei der Vorstellung ihres Buches

Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock bei der Vorstellung ihres Buches

Foto: Christoph Soeder / dpa

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Wenn jemand eines anderen Sache stiehlt, eine teure Uhr zum Beispiel oder auch nur die Zeitung aus dem Briefkasten, steht für die meisten fest: Das darf man nicht. Diebstahl!

Wenn aber jemand eines anderen Idee stiehlt, eine Erfindung, einen klugen Gedanken, fällt das Urteil neuerdings erstaunlich milde aus. So sind viele Menschen, von US-Präsident Joe Biden bis zu Papst Franziskus, dafür, Biontech und Co. den Patentschutz für ihre Corona-Impfstoffe wegzunehmen, damit andere die Erfindung kostenfrei nutzen können.

Aus: DER SPIEGEL 28/2021

Wer ist hier privilegiert?

Kulturkrieg statt Klassenkampf: Junge Aktivisten und Aktivistinnen wollen die Diskriminierung von Frauen, Nichtweißen und queeren Menschen abschaffen. Sie entzweien damit Generationen und linke Parteien, Kritiker werfen ihnen Übersensibilität und Moralismus vor. Macht die Identitätspolitik Deutschland gerechter, oder spaltet sie die Gesellschaft?

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Oder die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die anderer Leute Gedanken und Formulierungen für Teile ihres Buchs zusammenkopiert hat: Halb so schlimm, folgt man der Verteidigungslinie ihrer Partei. Oder die immer noch verbreitete Umsonstkultur im Internet: Dass Medien, auch der SPIEGEL, Geld für den Zugriff auf ihre Texte verlangen, wird oft kritisiert, sogar von Leuten, die selbst von Gedankenarbeit leben. »Sehr lesenswerter Bericht. Leider hinter Paywall«, twitterte vor einiger Zeit der VWL-Professor Peter Bofinger zu einem Onlineartikel aus der »Zeit«. Ob der Professor auch beim Bäcker an der Kasse twittert: »Sehr leckere Brötchen. Leider hinter Paywall«?

Wie kommt es, dass geistiges Eigentum offenbar weniger respektiert wird als materielle Güter? Warum wird jeder Eierdieb verfolgt, nicht aber jeder Ideendieb? Ein Ökonom würde sagen: Es liegt an der Rivalität im Konsum. Stiehlt Baerbock eine Uhr vom Arm, fehlt sie ihrem Vorbesitzer. Stiehlt sie Sätze, bemerkt es der Urheber womöglich nicht einmal. Jedenfalls nicht sofort. Warum also kleinlich sein? Bei den Impfpatenten wird der Räuber gar zum Robin Hood stilisiert. Thabo Makgoba, anglikanischer Erzbischof von Kapstadt, sagt: »Es gibt keinen erdenklichen guten Grund, in einer Pandemie sein Wissen nicht zu teilen. Es ist gottlos, unmoralisch und eine Schande für die Menschheit.«

Wer dieser Position widerspricht, ist moralisch im Dispo. Dennoch möchte ich dafür werben, Ideen mit demselben Respekt zu behandeln wie Gegenstände. Gedankenklau ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Vergehen an der Wissensgesellschaft. Ideendiebe gefährden kreativen Fortschritt und damit unsere Zukunft. Ich behaupte, es ist schlimmer, eine Erfindung zu stehlen als eine teure Uhr.

Ist es gottlos und unmoralisch, Patente auf Corona-Impfstoffe zu schützen? Nein.

Ein Artikel, für den niemand bezahlt, wird womöglich nicht geschrieben werden. Autorinnen und Autoren, die von Abschreibern noch um den Ruhm ihrer Arbeit gebracht werden, geben irgendwann auf. Keine Pharmafirma der Welt wird Hunderte Millionen Euro für Forschung ausgeben, wenn sie damit rechnen muss, des Lohns für ihre Erfindung beraubt zu werden. Dafür ist das Risiko zu groß. Etwa 200 Unternehmen weltweit versuchen, einen Impfstoff gegen Corona zu entwickeln. Nur eine Handvoll hat bislang eine Zulassung in der EU bekommen.

Wer aber schützt uns, wenn das nächste Virus auf uns zurollt? Der Papst wohl leider nicht.

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