SPIEGEL ONLINE

Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg Der Titelverteidiger

Dr. Guttenberg heißt nur noch Guttenberg. Zumindest vorübergehend. Doch der geplante Befreiungsschlag in der Plagiatsaffäre gerät zur Farce. Selbst Christdemokraten schütteln über das Krisenmanagement des Verteidigungsministers den Kopf. Und die CSU bastelt an der Exit-Strategie.

Berlin - Plötzlich ist er nur noch "Karl-Theodor zu Guttenberg, Bundesminister der Verteidigung, Mitglied des Deutschen Bundestages". Der umstrittene Doktor-Titel Guttenbergs - schon am frühen Freitagnachmittag hat man ihn aus dem Briefkopf des Ministers entfernt.

Etwa in dem Schreiben, das der CSU-Politiker an den Vorsitzenden der Bundespressekonferenz (BPK) schickt. Darin bittet er um Verzeihung, zum zweiten Mal an diesem Tag: Zunächst tat er das in seinem Ministerium, als er "Fehler" in seiner umstrittenen Dissertation einräumte, den Urhebern der zahlreichen nicht ausgewiesenen Zitate verdruckst eine Entschuldigung anbot. Seinen Doktortitel will er bis zur Prüfung der Vorwürfe nicht führen. Im Brief an die BPK entschuldigte sich der Minister dann bei der Hauptstadtpresse, weil er sie zuvor arg düpiert hatte.

Und damit - so die Botschaft Guttenbergs, ist es jetzt aber auch mal gut. Ein Verteidigungsminister hat wichtigere Dinge zu tun, als sich mit kleinlichen Plagiatsvorwürfen und beleidigten Presseleuten zu beschäftigen. "Die Menschen in diesem Lande erwarten, dass ich mich um das fordernde Amt des Verteidigungsministers mit voller Kraft kümmere", sagt Guttenberg.

So wie am Freitagabend. Im Säulensaal des Berliner Bendlerblocks muss der Minister mitteilen, dass bei einem Anschlag in Afghanistan zwei Bundeswehrsoldaten gefallen sind und drei weitere schwer verletzt wurden. Guttenbergs Blick ist ernst, die Stimme gedämpft. Er selbst hat noch am Mittwoch und Donnerstag jenen Außenposten besucht, auf dem die Getöteten stationiert waren. All der Ärger um seine Dissertation scheint in diesem Moment sehr fern zu sein. Sprecher Steffen Moritz erlaubt noch "drei Fragen zum Thema". Er meint Afghanistan.

Dissertations-Debatte

Das Problem für den Verteidigungsminister: Seine Verantwortung für die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan und die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch in allen Ehren - die um seine Glaubwürdigkeit wird er auch mit immer neuen Verweisen darauf nicht los.

Dass er sich am Freitagvormittag vor "ausgewählten Medienvertretern" in seinem Ministerium zu den Plagiatsvorwürfen äußerte, während die meisten Journalisten woanders auf Erklärungen warteten, sorgte für neuen Ärger - ein Befreiungsschlag sieht anders aus. Die Rede ist vom Krisenmanagement nach Gutsherrenart. Grünen-Chef Özdemir nennt den exklusiven Auftritt Guttenbergs einen "schweren Fehler", gemeinsam mit der SPD verlangen die Grünen eine Erklärung des CSU-Politikers vor dem Bundestag. Auch Rücktrittsforderungen gibt es inzwischen aus der Opposition.

Leise Kritik aus den eigenen Reihen

Doch selbst in der Koalition hält man das merkwürdige Krisenmanagement des Verteidigungsministers an diesem Freitag für misslungen. "Damit hat er sich überhaupt keinen Gefallen getan", heißt es dort. Aus führenden CDU-Kreisen verlautet es vorsichtig: "nicht optimal gelaufen" oder "nicht stilsicher".

Guttenberg

Angela Merkel

Die Kanzlerin bescheinigt am Freitag im SWR offiziell einen "offensiven" Umgang mit den Fälschungsvorwürfen. Noch am späten Donnerstagabend hatte sich mit ihm zum vertraulichen Gespräch im Kanzleramt getroffen, um ein "paar Erklärungen" zu bekommen, wie es hieß. Jetzt sagt Merkel, sie stehe zu seiner Arbeit als Verteidigungsminister und zu ihm als Persönlichkeit.

Kabinetts

Copy-und-Paste-Affäre

Tatsächlich ist die Kanzlerin sehr daran interessiert, dass Guttenberg die Titelkrise politisch überlebt. Ginge ihr der noch immer beliebteste Minister des verloren, wäre das für die anstehenden wichtigen Wahlen fatal. Dennoch ist auffällig, wie zurückhaltend sich die meisten CDU-Größen in der des Politstars verhalten. Die Sorge ist groß - die Ratlosigkeit auch. "Das ist höchst gefährlich für ihn", sagt einer, "ich weiß nicht, wie er da wieder rauskommen will."

CSU

Die Schwesterpartei formiert sich derweil zur Wagenburg um Guttenberg: Von einer "kommunistischen" Initiative spricht sein Staatssekretär Christian Schmidt. Parteichef Horst Seehofer warnt die Kritiker vor einer "Kampagne" und CSU-Veteran Norbert Geis erregt sich über all "die Dreckschleudern, die jetzt unterwegs sind". Das sei "erbärmlich". CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich verortet einen "politisch motivierten Angriff von ganz Linksaußen".

Im Klartext: Die Christsozialen bangen um ihren Hoffnungsträger.

In den vergangenen Tagen haben ihm Mandatsträger aus Bund und Ländern per Telefon, Mail und SMS ihre Unterstützung signalisiert. Sie alle fürchten sich vor einem Rücktritt des Überfliegers. Das darf nicht geschehen. Denn längst haben sie in der CSU ihre Zukunft mit Guttenberg geplant. Seehofer gilt ihnen nur noch als der Vorsitzende des Übergangs.

Ausweg in der Promotionsordnung?

Der Adelige aber, Erststimmenkönig bei der letzten Bundestagswahl, ist ihr Wechsel auf die Zukunft, das Versprechen, dass irgendwann vielleicht mal wieder 50 Prozent plus X drin sind. Dass sich die CSU in den letzten Monaten wieder über 45 Prozent in den Umfragen etablieren konnte, das rechnen Meinungsforscher vor allem dem Guttenberg-Faktor zu.

Nun suchen die Christsozialen nach einer Exit-Strategie: In CSU-Kreisen wird derzeit intensiv die Promotionsordnung der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Bayreuth studiert. Dort heißt es in Paragraf 10: "Der Dekan kann die Dissertation dem Bewerber zur Verbesserung zurückgeben." Das überarbeitete Werk sei dann "binnen eines Jahres erneut vorzulegen". Wäre das ein Ausweg für Guttenberg? Nochmal rangehen an die Doktorarbeit? Als "Bewerber"? Manch christsozialer Jurist jedenfalls scheint davon ganz angetan.

Bis die Lösung gefunden ist, heißt es wohl einfach nur: durchhalten. Denn ausgestanden ist die Affäre nicht, die Zahl der Plagiatsvorwürfe wächst stetig, von Flüchtigkeitsfehlern kann kaum noch die Rede sein. Auf der vom Medienwissenschaftler Stefan Weber eingerichteten Internetseite GuttenPlag haben Leser inzwischen mehr als hundert Seiten vermerkt, auf denen sie Abgeschriebenes entdeckt haben wollen.

Über einen besonders kuriosen Fall berichtete am Freitagnachmittag die "Berliner Zeitung". Sie fand verblüffende Ähnlichkeiten zwischen mehreren Passagen der Guttenberg-Dissertation und der Hausarbeit eines politikwissenschaftlichen Studienanfängers an der Freien Universität Berlin. Die Proseminar-Arbeit aus dem Jahr 2003 hatte ein Dozent anonymisiert als Musterbeispiel für seine Studenten ins Netz gestellt.

Der Professor vergaß dabei nicht den Hinweis: "Bitte beachten Sie auch hier wieder den Urheberschutz."