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Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg Überflieger in schweren Turbulenzen

Die Debatte über Schummeleien in seiner Doktorarbeit wird für Karl-Theodor zu Guttenberg zu einem gravierenden Problem. Immer mehr Fundstellen tauchen auf, am Abend ließ der Minister einen Wahlkampftermin platzen und fuhr ins Kanzleramt. Steht seine politische Zukunft auf der Kippe?

Berlin/Barleben - Sie haben die Turnhalle gemietet. Eine Blasmusikkapelle bestellt. Eine Bar mit Brezen und Bier aufgebaut. Sogar Eintritt können sie nehmen, die Menschen strömen in Massen heran. Das ist ungewöhnlich für eine Wahlkampfveranstaltung. Aber was ist schon normal, wenn sich der Superstar der deutschen Politik ankündigt bei der CDU im Kreis Börde, im Dorf Barleben kurz vor Magdeburg.

Karl-Theodor zu Guttenberg

Dass sie ihren Abend mit verbringen werden, das denken die Leute in der Turnhalle jedenfalls bis 18.25 Uhr an diesem Donnerstag. Direkt aus Afghanistan soll der Verteidigungsminister anreisen.

Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg

Dann aber bekommt Reiner Haseloff diese Nachricht. Der Mann ist Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister und außerdem der Spitzenkandidat für die Landtagswahl. Eben hat er noch gescherzt über die . Er hat versucht, das alles nicht zu ernst zu nehmen.

Aber um kurz vor halb sieben teilt ihm Guttenbergs Büro mit, der Minister könne leider nicht kommen. Er habe einen Termin in Berlin. Unaufschiebbar. Es gehe nicht anders. Doch nebenan in der Turnhalle sitzen bestimmt 2000 Menschen, die Veranstaltung hat eigentlich längst begonnen, und die Blasmusik weiß schon gar nicht mehr, was sie noch so alles spielen soll.

Nur jetzt nicht den Kameras stellen

Warum kommt Guttenberg nicht? Er ist nicht bekannt dafür, zu kneifen, sich wegzuducken. "Ich konnte mich auf Karl-Theodor immer verlassen", sagt ein völlig ratloser Haseloff, "es muss also gravierende Gründe für ihn geben, so was macht er nicht leichtfertig".

Haseloffs Gäste verlassen jetzt den Saal.

Klar ist: Der Minister kehrt später als geplant zurück aus Afghanistan, wo er einen deutschen Außenposten besucht hat. Er würde es nicht rechtzeitig schaffen nach Barleben, so oder so. Er fährt in den Bendlerblock, das Verteidigungsministerium. Am späten Abend zeigt das ZDF Bilder, wie Guttenberg vor dem Kanzleramt vorfährt, um mit Angela Merkel zu sprechen. Die Kanzlerin wolle von dem CSU-Politiker "ein paar Erklärungen", berichtet das "heute journal".

Dass die Medien den ganzen Tag über seine Doktorarbeit nach weiteren Stellen flöhen, die er abgekupfert haben könnte, nervt ihn. "Abstrus" hat er die Vorwürfe am Vortag genannt. Guttenberg fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Deshalb will er die Sache jetzt geklärt haben, will die Prüfung der Universität Bayreuth abwarten. Nur eines will er offenbar nicht: Sich jetzt den Dutzenden Kameras in Barleben stellen. Denn dass es dort nicht um Reiner Haseloff, den Spitzenkandidaten, sondern um Karl-Theodor zu Guttenberg, den "Angeklagten", geht, das ist ihm schon klar.

Die Lage ist brenzlig geworden, Guttenberg ist in schweren Turbulenzen. Sollten "bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt" gewesen sein, werde er das natürlich prüfen, hatte er am Mittwoch gesagt. Das klang wie ein Zugeständnis. Es klang wie: Ein paar Flüchtigkeitsfehler werden in einem solch opulenten Werk ja wohl noch erlaubt sein.

Die Kommentare sind garstig

Es war ein forscher Schritt, mit dem der Minister seiner neuesten Krise begegnete. Aber auch ein riskanter. Er könnte auf ihn zurückfallen. Denn an Tag zwei der Debatte um formelle Fehler in seiner Dissertation ist nun klar: Von einzelnen Schlampereien kann in seiner Dissertation eigentlich nicht mehr die Rede sein. Die Sache wird für zu Guttenberg immer unangenehmer.

Fremde Textbausteine ziehen sich durch die gesamte Arbeit, ohne dass die Quelle korrekt benannt ist:

Die Dissertation, sie sollte Guttenbergs akademischer Coup sein. Stattdessen ist sie, knapp fünf Jahre nach Vollendung, zu einem ernsten Problem geworden. Die Kommentare sind garstig, selbst jene Medien, auf die sich der Minister bislang verlassen konnte, finden kritische Worte. Die "FAZ" etwa, das Hausblatt der Akademiker, ist sich sicher: "Es wird etwas hängen bleiben."

"Wer Vertrauen verspielt, hat ein Problem"

Die Schummeleien, so viel ist klar, kratzen an jenem Markenkern, für den Guttenberg in den Augen der Wählerschaft so beispielhaft steht: Seiner Glaubwürdigkeit, seiner Authentizität. Auch Meinungsforscher, die für den Minister bis zuletzt regelmäßig schier überirdische Popularitätswerte ermittelten, sehen in der Debatte über die Doktorarbeit eine Gefahr für ihn. "Die wichtigste Politikereigenschaft ist das Vertrauen. Wer das verspielt, hat ein Problem", sagt Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner.

Geht's jetzt bergab?

So schnell dürfte der Minister die Debatte jedenfalls nicht loswerden. Im Internet durchforsten Plagiatsjäger seine Arbeit nach weiteren problematischen Stellen. Fein säuberlich listen die Nutzer ihre Fundstücke auf. Und es werden stündlich mehr.

Auch die politische Debatte wird schärfer. Die Opposition, deren Angriffe zuletzt regelmäßig am beliebten Minister abperlten, hat neuen Mut gefasst. Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold sagte, im Fall einer Aberkennung des Doktortitels wäre Guttenbergs Glaubwürdigkeit "völlig zerstört". Ein Minister aber, der seine Glaubwürdigkeit verloren habe, "kann nicht mehr wirklich arbeiten - im Bereich der Bundeswehr, in dem es in hohem Maße auf Vertrauen ankommt, vielleicht noch schwerer als in anderen Ressorts", so Arnold zur der "Mitteldeutschen Zeitung".

Kratzer im Strahlemann-Image

Die Attacken der Gegner sind aus Guttenbergs Sicht zu verkraften. Sie gehören zum politischen Geschäft. Gefährlich wird es erst, wenn in den eigenen Reihen gemurrt wird. Öffentlich ist das noch nicht der Fall. Aber insgeheim dürfte vor allem mancher Liberale durchaus einige Genugtuung darüber verspüren, dass der vermeintliche Überflieger in schwere Turbulenzen geraten ist. In der FDP hätte man jedenfalls nichts dagegen, wenn das Image des Strahlemanns durch die problematische Doktorarbeit einen gehörigen Kratzer bekommt. Zu oft fühlte man sich von Guttenberg gepiesackt, ob in der Frage des Abzugsdatums für Afghanistan oder in der Spardebatte.

Zwei FDP-Wortmeldungen vom Donnerstag sprachen für sich. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die Justizministerin, forderte, die Vorwürfe "sollten ganz in Ruhe aufgeklärt" und "aufgeregte Kommentare" bitteschön vermieden werden. Das klang nett. Doch richtig ist auch: Mit ihren Worten hielt sie das Thema am Köcheln. Das wird Guttenberg genauso registriert haben wie den sybillinischen Satz von FDP-Parteichef Guido Westerwelle: "Ich äußere mich nicht zu Dissertationen oder Abiturzeugnissen."

Uni könnte über Guttenbergs Zukunft entscheiden

Guttenberg selbst hat seit Mittwoch geschwiegen. Doch sein Kalkül scheint klar. Wie auch bei anderen Krisen dürfte er darauf hoffen, dass sich am Ende für Detailfragen niemand mehr so recht interessiert. Und was sind Fußnoten, wenn nicht Details?

Mag sein. Doch die Uni Bayreuth, bei der Guttenberg seine Arbeit einreichte, könnte dazwischenfunken. Sie will die Arbeit schon bald abermals prüfen. Binnen 14 Tagen soll der Minister eine Stellungnahme einreichen, dann könnte die Kommission zur Selbstkontrolle entscheiden, ob Guttenberg seinen Doktortitel behalten darf. "Wir nehmen die Vorwürfe sehr ernst", sagt Uni-Präsident Rüdiger Bormann. "Wir haben sehr strenge Qualitätsmaßstäbe. Wir sind gut beraten, diese einzuhalten."

Es ist eine wichtige Entscheidung, von ihr hängt viel ab, so oder so. Ließe die Uni dem Freiherrn seinen Titel, könnte künftig jeder Student auf das "Modell Guttenberg" verweisen - ein möglicher Dammbruch in der Wissenschaft.

Würde anders entschieden, stünde womöglich Guttenbergs Karriere auf dem Spiel. Sollte die Kommission Guttenberg wirklich den Doktortitel aberkennen, wird es ernst, das weiß auch der CSU-Politiker. Die akademische Höchststrafe würde seine politische Autorität untergraben, im Kabinett wäre er plötzlich eine Last. Das Etikett des "falschen Doktors" dürfte wohl auch bei jenen verfangen, die mit der akademischen Welt nicht viel am Hut haben.

Es gibt einen Ausweg. Um der Schmach zumindest ein wenig zu entgehen, könnte er es so machen wie einst Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen. Der war 1973 ebenfalls mit einem Plagiatsvorwurf konfrontiert - und gab seinen Doktortitel freiwillig ab.

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