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Matthias Platzeck: Vom Deichgrafen zum Landesvater

Foto: Ralf Hirschberger/ dpa

Platzeck-Rücktritt "80 Stunden - vergiss es"

Matthias Platzeck geht, Dietmar Woidke kommt: Auf der ersten Pressekonferenz nach seinem Rücktritt zeigt der langjährige Ministerpräsident, was Brandenburg an ihm hatte. Nachfolger Woidke hingegen muss noch üben.

Potsdam - Als der zweite Journalist nach der Neubesetzung des BER-Aufsichtsratspostens fragt, schaut Dietmar Woidke (SPD) missbilligend in die Runde: "Ich habe gesagt, wir werden uns in den nächsten Wochen Gedanken darüber machen, und dann werden wir es auch erzählen", poltert Brandenburgs künftiger Ministerpräsident. Kurze Stille, dann greift sein Sitznachbar Matthias Platzeck (SPD) ein und erzählt, wie er Woidke aus dem Kreuzfahrt-Urlaub zurückbeorderte. Die Stimmung entspannt sich, Platzeck grinst, auch Woidke lacht - zum ersten Mal an diesem Abend.

Es sind solche Kleinigkeiten, die zeigen, was sich künftig in Brandenburg ändern könnte. Die gemeinsame Pressekonferenz ist der erste Auftritt Woidkes als designierter Ministerpräsident. Ausgesprochen kühl wirkt Woidke neben dem immer herzlichen Platzeck.

Das Lob der politischen Weggefährten auf den Scheidenden fällt großzügig aus. "Er war im besten Sinne ein Landesvater, der nie den Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern verloren hat", erklärt der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Frank-Walter Steinmeier. Aber auch: "Dabei ist er oft bis an die Grenzen seiner eigenen Kräfte gegangen". Die Grenze war nun offenbar erreicht.

Platzeck gibt seine Ämter als Ministerpräsident und SPD-Landesvorsitzender auf, Woidke übernimmt. Der erweiterte SPD-Landesvorstand hat schon zugestimmt, am 28. August soll Platzeck offiziell abgelöst werden. Den Posten als Aufsichtsrat des Berliner Großflughafens BER behält er zunächst, er werde die kommende Sitzung vorbereiten und leiten, sagt Platzeck am Abend. Danach werde man über alternative Möglichkeiten sprechen.

"Mit seinem Rücktritt geht eine Ära zu Ende"

Seine Ärzte hätten ihm gesagt: 40, 50 Stunden könne er in der Woche arbeiten, sagt Platzeck. "Aber 80 Stunden - vergiss es." Im Juni hatte er einen leichten Schlaganfall erlitten und anschließend angekündigt, seine politische Zukunft zu überdenken. Er sei letztlich zum Schluss gekommen, sagt Platzeck, dass das Amt eines Ministerpräsidenten in seiner Verfassung nicht zu bewältigen sei.

"Wer mich ein bisschen kennt, weiß, ich habe Politik immer mit Lust und viel Leidenschaft gemacht", sagt Platzeck. Er habe Dienst, Politik und Privates nie getrennt. Sein Amtsverständnis habe verlangt, andere Dinge hintenan zu stellen. Allerdings sei ihm in der Zeit nie eine dicke Haut gewachsen, vielleicht "ein Webfehler", wie Platzeck sagt: "Mir ist das, was ich in der Politik erlebt habe, immer unter die Haut gegangen."

Oder gerade das, was viele Menschen an ihm schätzten? Für einige gilt er als geradezu unersetzlich: Seit der Wende sitzt er im Parlament, elfeinhalb Jahre war er Ministerpräsident, seit er 2002 Manfred Stolpe beerbte. "Mit seinem Rücktritt geht eine Ära zu Ende", schreibt auch Parteikollege Steinmeier.

Stolz berichtet Platzeck von seinen Erfolgen: Brandenburg sei von "der Streusandbüchse des römischen Reiches" zu einem Vorreiter geworden, sei seit Jahren ohne neue Schulden. Die Arbeitslosigkeit sei von 25 Prozent auf weniger als zehn Prozent gesunken. "Auch das ist erreicht", sagt Platzeck.

Seine letzte Aufgabe: Den Staffelstab übergeben. Seinen Nachfolger erwarten Bundestagswahl, Kommunalwahl, Europawahl und dann im kommenden Jahr die Landtagswahl. Nicht viel Zeit zum Warmwerden also. "Politik ist ein Handwerk", sagt Platzeck - und Woidke kenne das gesamte Spektrum, vom Landesverband aufwärts.

Als Platzeck nach etwa zehn Minuten das Wort an seinen Nachfolger übergibt, tauschen die beiden die Plätze - und Platzeck wechselt mit einem schnellen Handgriff die Namensschilder. Danach ergreift er nur noch kurz das Wort, kommt aber noch einmal auf den Aspekt politisches Handwerk zurück: Als Woidke wegen des BER-Postens lospoltert, sagt Platzeck wohl nicht ohne Grund: Auch Ministerpräsident sein müsse man üben. Und Urlaub abbrechen, das sei nur eine erste Übung.

usp
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