Gedenken an Pogromnacht 1938 "Eine eindringliche Warnung an uns bis heute"

Vor 82 Jahren fanden in Deutschland die Novemberpogrome gegen jüdische Bürger statt. Bundespräsident Steinmeier und die Kanzlerin haben nun der Opfer gedacht. Merkel erinnert zudem an einen anderen wichtigen Jahrestag.
Grabplatte auf dem jüdischen Friedhof in Erfurt: Bei den Novemberpogromen 1938 brannten im ganzen Land Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen

Grabplatte auf dem jüdischen Friedhof in Erfurt: Bei den Novemberpogromen 1938 brannten im ganzen Land Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen

Foto: Martin Schutt / dpa

Der 9. November gilt als ein Schicksalstag der deutschen Geschichte. Immer wieder kam es an diesem Tag zu Ereignissen mit weitreichenden Folgen. Bei den Novemberpogromen vor 82 Jahren brannten im ganzen Land Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen, angesteckt von Nationalsozialisten. Deutschlandweit wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 jüdische Bürger zudem verschleppt, misshandelt und ermordet. Zum Jahrestag der Pogromnacht hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu konsequentem Handeln gegen Antisemitismus in Deutschland aufgerufen.

Es beschäme ihn, dass sich Juden mit einer Kippa auf den Straßen hierzulande nicht sicher fühlten, und dass jüdische Gebetshäuser geschützt werden müssten, sagte Steinmeier laut vorab verbreiteter Übersetzung einer Videobotschaft an seinen israelischen Amtskollegen Reuven Rivlin. "Es beschämt mich, dass ein tödlicher Angriff auf die Synagoge in Halle vor einem Jahr an Jom Kippur nur durch eine schwere Holztür verhindert wurde." Er betonte: "Wir müssen handeln."

Steinmeier sagte weiter, er sei dankbar, "dass die Behörden in Deutschland ihrer Verantwortung gerecht werden, indem sie den Polizeischutz für Synagogen aufstocken und antisemitische Straftaten mit der ganzen Härte des Gesetzes verfolgen". Die Videobotschaft soll laut Bundespräsidialamt bei einer Gedenkveranstaltung in Israel zur Pogromnacht am Montag (16.00 Uhr MEZ) gezeigt werden.

"Ein Vorbote unfassbarer Verbrechen"

Die Novemberpogrome "waren ein widerwärtiger Gewaltausbruch, der auf lange Jahre der Diskriminierung, Einschüchterung und Anfeindung folgte. Sie waren ein Vorbote der unfassbaren Verbrechen der Schoa, die meine Landsleute einige Jahre später verüben sollten", so Steinmeier. "Und sie sind eine eindringliche Warnung an uns heute."

Außenminister Heiko Maas (SPD) mahnte ebenfalls, niemand dürfe mit den Achseln zucken, wenn es auch heute fast täglich antisemitische Hetze und Gewalt im Netz oder auf den Straßen gebe. "Erinnern bedeutet, aus dem Gestern die richtigen Schlüsse für heute und morgen zu ziehen", sagte er laut vorab verbreitetem Redetext anlässlich einer digitalen Ausstellungseröffnung der Vereinten Nationen und des Zentrums für verfolgte Künste. Viele der Verschwörungsmythen rund um die Coronakrise machten deutlich: "Antisemitismus ist auch heute kein Phänomen allein der rechtsextremistischen Ränder. Er erreicht die Mitte unserer Gesellschaft."

Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Opfern der Pogromnacht gedacht. Sie nahm in ihrer Rede auch Bezug auf den 9. November 1989, dem Tag an dem die Mauer gefallen ist.

"Am 9. November denken wir Deutschen an das Schlimmste und das Beste in unserer Geschichte"

Kanzlerin Angela Merkel

"Am 9. November denken wir Deutschen an das Schlimmste und das Beste in unserer Geschichte", sagte Merkel. Sie denke an die Schande der Pogrome gegen jüdische Mitbürger 1938, an die Menschen, die in den Tod getrieben worden seien. "Wir gedenken der Opfer des von Deutschland begangenen Menschheitsverbrechens der Schoa in Scham."

Merkel erinnerte zugleich an "den Jubel und die überschäumende Freude" der Menschen beim Mauerfall am 9. November 1989. Damals sei dieses "entsetzliche Bauwerk" erst geöffnet worden und dann gefallen.

Vor wenigen Wochen habe Deutschland den 30. Jahrestag der Deutschen Einheit gefeiert. Diese wäre "ohne das Vertrauen gerade auch der Amerikaner nicht möglich gewesen – dafür werde ich immer dankbar sein", sagte Merkel mit Blick auf das Verhältnis zu den USA nach der Wahl von Joe Biden zum nächsten Präsidenten.

Gedenken an Pogromnacht in Jerusalem

Mit auf die Altstadtmauern projizierten Botschaften ist in Jerusalem der Opfer der Pogromnacht gedacht worden. Zu sehen waren dort am Montagabend Texte wie "Synagogen und Gebetshäuser in der ganzen Welt werden heute noch immer angegriffen. Gemeinsam werden wir die Welt vereinigen gegen Antisemitismus, Rassismus, Intoleranz und Hass, indem wir Licht über die Dunkelheit des Hasses strahlen".

Jerusalem: Mit auf die Altstadtmauern projizierten Botschaften ist der Opfer der Pogromnacht gedacht worden

Jerusalem: Mit auf die Altstadtmauern projizierten Botschaften ist der Opfer der Pogromnacht gedacht worden

Foto: -- / dpa

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu erklärte nach Angaben der Organisatoren: "Am 82. Jahrestag der Pogromnacht erinnern wir uns an die Nacht, die den Beginn des Holocausts darstellte."

Die Aktion in Jerusalem war Teil der Kampagne #LetThereBeLight, die die Organisation "Marsch der Lebenden" initiiert hat. Weltweit waren Gotteshäuser und Privatpersonen aufgerufen, sich daran zu beteiligen. Hunderte Synagogen, Kirchen und Moscheen kündigten nach Angaben der Organisatoren an, über Nacht ihre Lichter nicht zu löschen.

asc/dpa/AFP
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