Polit-Ambitionen von Migranten Integriert, engagiert, frustriert

Bei den etablierten Parteien sehen sie keine Chance für ihre Anliegen: Eine Gruppe von Deutsch-Türken will in Bremen die Integration von Migranten vorantreiben - und dazu eine eigene Partei gründen. Doch statt Begeisterung für ihr Engagement schlägt ihnen Skepsis entgegen.

Türkische und deutsche Fußball-Fans: "Sprache ist ein K.o.-Kriterium."
dapd

Türkische und deutsche Fußball-Fans: "Sprache ist ein K.o.-Kriterium."

Von Anna Fischhaber und


Hamburg - Levent Albayrak hat von seiner politischen Karriere bereits die Nase voll, bevor er sie überhaupt begonnen hat. Er will sich für seine Heimatstadt engagieren. Doch damit fühlt er sich in Bremen nicht erwünscht. Der 38-Jährige und seine Mitstreiter wollen in der Integrationsdebatte nicht mehr nur Zuhörer sein. Sie wollen selbst anpacken. Eine eigene Partei schwebt ihnen vor, die sich des heiklen Themas Integration annimmt.

"Erfolgreich integrierte Menschen haben sich zusammengetan, um zu überlegen, wie wir anderen Menschen bei der Integration helfen können", beschreibt Albayrak die Pläne. Es sei eine Art "Bremer Integrationsworkshop". Etwa 60 türkischstämmige Leute aus der Hansestadt seien dabei - von Akademikern bis hin zu Handwerkern. Albayrak selbst ist Unternehmer. "Wer sollte einen besseren Zugang zu Migranten haben als diejenigen, die den schwierigen Weg der Integration selbst gegangen sind?", fragt Albayrak. "Wir bieten uns da an."

Doch die Reaktionen waren ganz anders, als die Gruppe sich das erhofft hatte. Die etablierten Parteien in Bremen reagierten wenig begeistert - hatten sie doch bislang für sich in Anspruch genommen, das Thema Integration ernsthaft zu besetzen. "Integration ist in allen Parteien schon Thema", sagt die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ursula Arnold-Cramer. Mitbürger mit Migrationshintergrund seien bei der SPD willkommen. Eine eigene Partei für Deutsch-Türken zu gründen, um "Schmalspur-Politik" zu machen halte sie für problematisch.

Auch bei der CDU wünscht man sich mehr türkische Mitglieder. Derzeit sind in Bremen rund 8000 Bürger mit türkischen Wurzeln wahlberechtigt. "Gerade das Verhältnis zwischen CDU und Muslimen ist noch immer schwierig", gibt Heiko Strohmann, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender, zu. "Wir hätten uns gefreut, eine türkische Gruppe in der CDU zu gründen." Er will Kontakt zur Gruppe um Albayrak aufnehmen.

"Es ist auch eine Art Wachrütteln"

Doch er und seine Mitstreiter erhoffen sich von den etablierten Parteien nur wenig. Integration sei seit Jahrzehnten eine Baustelle, sagt Albayrak. "Wir vermissen die Ernsthaftigkeit. Es ist auch eine Art Wachrütteln." In seiner Gruppe seien zum Beispiel auch SPD-Mitglieder, denen die Integrationsarbeit am Herzen liege. "Aber in den Strukturen der etablierten Parteien gibt es nicht viel Luft dafür. Wenn wir sie nicht mit unseren Anliegen erreichen können, warum gründen wir dann nicht eine eigene Partei, die sich nur um Integration kümmert?"

Doch dann kamen die ersten Zeitungsberichte. "Deutschlands erste Türken-Partei" wolle im Mai 2011 zur Bürgerschaftswahl in Bremen antreten, hieß es. In Internetforen las er wütende Kommentare dazu. Albayrak ist sauer. Er fühlt sich falsch verstanden. Er fühlt sich zurückgewiesen. Er wolle nicht in die "Ecke Türkenpartei" gedrängt werden, sagt er. Religion etwa spiele keine Rolle. Der Name "Bremische Türk Partei", der in den Artikeln genannt wurde, sei noch gar nicht festgelegt worden. Auch der Eintrag ins Parteienregister sei noch nicht auf den Weg gebracht worden. "Es geht immer nur um Schlagworte", kritisiert er. "Wir wollen keine Spalterpartei sein."

Die Integrationsverbesserer setzen vor allem auf Bildung und gezielte Sprachförderung. "Ich habe kein Verständnis dafür, dass Sechsjährige mit Sprachdefiziten eingeschult werden", sagt Albayrak, der selbst zwei Kinder hat. "Sprache ist ein K.o.-Kriterium."

Das hat seine Familie am eigenen Leib erfahren. Seine Eltern lernten nie gezielt Deutsch, weil sie sich aufs Arbeiten konzentrierten. "Mein Vater arbeitete 60 Stunden in der Woche", sagt Albayrak. Er selbst hat studiert und spricht akzentfrei Deutsch. "Ich habe nie Sprachförderung bekommen. Das ist dem Zufall überlassen worden", erzählt er. Sein Bruder sei wegen seiner schlechten Deutschkenntnisse sogar an die Sonderschule verwiesen worden. Auch dort bekam er keine gezielte Sprachförderung. Er schlug sich dennoch bis ans Gymnasium durch und ist heute Banker.

"Wir wollen vor unserer eigenen Haustür mitfegen"

Aufgrund solcher Erfahrungen will Albayrak mit seinen Unterstützern Migranten an die Hand nehmen. "Wir wollen vor unserer eigenen Haustür mitfegen. In Bremen könnte man ein Modell schaffen, wie Integrationsarbeit durchgeführt wird", sagt er.

Dass sich Migranten von den etablierten Parteien noch nicht ausreichend repräsentiert fühlten, zeigt auch das "Bündnis für Innovation & Gerechtigkeit" (BIG). Es ist eine der ersten von Muslimen gegründeten Parteien Deutschlands, die sich um die Migranten kümmern will. BIG hat bereits einen Überraschungserfolg in Bonn vorzuweisen: Mit ein paar Plakaten und einer Menge Mundpropaganda schaffte das Bündnis bei der Kommunalwahl im August 2009 aus dem Stand 2,11 Prozent. Die Muslimin Hülya Dogan zog als erste Frau mit Kopftuch in den Bonner Stadtrat ein. Bei der Landtagswahl in NRW im Mai 2010 kam BIG aber nur auf 0,2 Prozent der Stimmen. Dennoch will BIG-Chef Haluk Yildiz nicht aufgeben und mit der Partei auch bei der Bürgerschaftswahl in Bremen antreten.

Albayrak und seine Unterstützer dagegen zeigen sich von den bisherigen Reaktionen eingeschüchtert. "Wir können sagen, was wir hier in Bremen sehen und unseren Beitrag leisten, Probleme zu lösen. Aber wenn es nicht erwünscht ist, dann nicht."

insgesamt 98 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
SNA 20.10.2010
1. Nie ganz da...
Zitat von sysopBei den etablierten Parteien sehen sie keine Chance für ihre Anliegen: Eine Gruppe von Deutsch-Türken will in Bremen die Integration von Migranten vorantreiben - und dazu eine eigene Partei gründen. Doch statt Begeisterung für ihr Engagement schlägt ihnen Skepsis entgegen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,724029,00.html
Bei der Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft hieß es, ma müsse sich schon für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden. Ganz oder gar nicht. Gleichwohl werden die Bremer Bürger, von denen da die Rede ist und die zur Umsetzung ihrer Ambitionen wohl (nur) die deutsche Staatsangehörigkeit haben, als Deutsch-Türken bezeichnet. Wird man denn immernoch nur ganz Deutscher, wenn man einen Abstammungsnachweis beifügt?
Blaue Fee 20.10.2010
2. Wenn...
man reine Klientelpolitik für eine bestimmte Minorität betreibt, dann darf man das auch so nennen. Wir sagen ja auch Partei der Besserverdienenden, oder?
muffpotter 20.10.2010
3. Demoraphie
Zitat von sysopBei den etablierten Parteien sehen sie keine Chance für ihre Anliegen: Eine Gruppe von Deutsch-Türken will in Bremen die Integration von Migranten vorantreiben - und dazu eine eigene Partei gründen. Doch statt Begeisterung für ihr Engagement schlägt ihnen Skepsis entgegen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,724029,00.html
Die Demographie wird es richten, dass eine islamische Partei in absehbarer Zukunft entscheidend mitbestimmt, was aus Deutschland wird. Schwarzmalerei? Nur für die, die weiterträumen wollen!
gaga007 20.10.2010
4. Verfassungsschutz ist gefordert ...
Hier ist der Verfassungsschutz gefordert, genau hinzusehen !
Zephira 20.10.2010
5. Kommentar
Zitat von sysopBei den etablierten Parteien sehen sie keine Chance für ihre Anliegen: Eine Gruppe von Deutsch-Türken will in Bremen die Integration von Migranten vorantreiben - und dazu eine eigene Partei gründen. Doch statt Begeisterung für ihr Engagement schlägt ihnen Skepsis entgegen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,724029,00.html
Wenn ich von Deutschland verlange, mich wegen einer roten Haarfarbe in Lohn und Brot zu nehmen, obwohl meine Qualifikation und Arbeitsleistung unterirdisch sind - schuldet mir dann irgendjemand Begeisterung für mein "Engagement"? Laut Anna Fischhaber und Maria Marquart schon. Die Autorinnen täten gut daran, hanebüchene Forderungen dieser Partei wie die nach einer Migrantenquote im öffentlichen Dienst nicht zu unterschlagen. Oder steckt dahinter das Motiv, die SPON-Leser daran zu hindern, in diesem Rahmen nicht auch den institutionalisierten Sexismus zu hinterfragen? Quoten sind menschenfeindlich und begründen sich aus einer sexistischen, rassistischen oder sonstwie verwerflichen Ideologie. Sie stellen die Gruppenzugehörigkeit nach oberflächlichen äußerlichen Merkmalen über das Individuum. Niemand, der sich freiheitlich-demokratischen Werten verpflichtet fühlt, würde so etwas unterstützen. Mit anderen Worten: Die Bremische Türk Partei ist perfekt integriert. Zumindest in Deutschland, wo allgemeine Grundrechte keinen Wert haben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.