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24. September 2009, 15:53 Uhr

Polit-Paar Merkel und Steinbrück

Scheidung wider Willen

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Sie verloren nie ein böses Wort übereinander, waren die stabilste Achse der Großen Koalition - jetzt traten die Regierungspartner Merkel und Steinbrück zum letzten Mal in Berlin gemeinsam auf. Zumindest vorerst. Denn in Wahrheit könnten beide ein neues Bündnis von Union und SPD anführen.

Berlin - Sie konnten gut miteinander, der SPD-Vize und die CDU-Vorsitzende, der Bundesfinanzminister und die Kanzlerin - und haben gemeinsam die Wirtschafts- und Finanzkrise durchgestanden. Peer Steinbrück und Angela Merkel waren zwar nicht Pat und Patachon der Großen Koalition, aber doch das ideelle Gesamtpaar von Schwarz-Rot. Eigentlich könnten beide so weitermachen, und manche behaupten, sie wollten das auch gern. Doch für ein gemeinsames Händeschütteln drei Tage vor der Wahl, dafür reicht es dann doch nicht. Das sei doch hier kein Staatsbesuch, sagt Merkel zu den Fotografen. Und außerdem habe man ja keine SPD- und CDU-Fahnen im Hintergrund.

Dann schlendern beide locker zu den Stehpulten, so langsam, als genössen sie noch einmal den gemeinsamen Auftritt im Kanzleramt. Es ist knapp ein Jahr her, da haben sie beide im Kanzleramt, einige Stockwerke weiter oben, die Garantieerklärung aller Sparguthaben in Deutschland versprochen, ein psychologisch wichtiges Signal in der Finanzkrise. Heute geht es um die Folgen, um den Gipfel der G-20-Staaten in den USA. Gleich im Anschluss fliegen sie an diesem Donnerstagvormittag nach Pittsburgh. Merkel, davon ist auszugehen, wird auch danach Kanzlerin bleiben, fragt sich nur, in welcher Koalition. Steinbrück hingegen hat nur eine Chance: Wenn sich seine SPD am Sonntag in die Große Koalition rettet. Kürzlich, in einem TV-Interview mit dem "Stern", hat er offen seine Sympathien für die Große Koalition erkennen lassen. Nicht das erste Mal, aber so kurz vor den Wahlen dann doch zur allgemeinen Überraschung. Steinbrück, der bekennende Großkoalitionär, zieht denn auch an diesem Donnerstag nach dem Statement der Kanzlerin ausführliche Bilanz.

Steinbrück bilanziert ausführlich, Merkel macht es kurz

Das Wort "Wir" fällt dabei häufig, wobei nie so recht klar wird, ob Steinbrück nun sich und die Kanzlerin meint oder Deutschland oder die Große Koalition. "Wir fangen in Pittsburgh nicht an", sagt er. Enorme Forschritte habe man beim Kampf gegen Steuerhinterziehung und -betrug machen können, habe das Bilanzrecht neu geordnet, habe durchgesetzt, die Verluste bei schädlichen Leerverkäufen zu limitieren, habe bei den Managergehältern viel in Gang gebracht, auch wenn man da noch mehr machen könne, habe beim G-20-Treffen der Finanzminister eine Begrenzung der Bonuszahlungen für Manager beschlossen. Es will gar nicht enden, was Steinbrück da an Erfolgen aufzählt. "Wir haben sehr viel Grund" in Pittsburgh "nicht überheblich, aber selbstbewusst" aufzutreten mit dem, was "wir national und international auf den Weg gebracht haben".

Merkels Auftritt, mitten in der Schlussphase des Wahlkampfs, fällt da schon kürzer aus. Für die Kanzlerin ist der Kurzbesuch in den USA allein schon fototechnisch eine schöne Beigabe. Pittsburgh sei eine "entscheidende Wegmarke", sagt sie. Die Vereinbarungen von London und Washington durchzusetzen, das müsse gelingen. "Wir dürfen jetzt nicht Ersatzthemen suchen und darüber die Finanzmarktregulierung vergessen", kritisiert sie indirekt die britischen Freunde.

Steinbrück hat am Vortag erst, zum wiederholten Mal, die Beharrungskräfte am Finanzmarkt London gescholten. Hier im Kanzleramt ist er diplomatischer, lobt das Papier der EU, und sagt dann: "Nun müssen alle Mitgliedstaaten der EU diesem Text auch Folge leisten." Es sei "nicht nur Bestandteil meiner Wahrnehmung, dass es Standortinteressen gibt, die sich massiv formulieren" und die den weltweiten Veränderungen entgegenstehen können "und auch aus der City of London kommen".

Als wollten sie zusammen weitermachen

Merkel, die so vieles in der Schwebe gelassen hat, sagt an diesem Donnerstag: "Die Politik muss den Mut haben, etwas zu machen, was nicht sofort die Begrüßung aller Banken mit sich bringt." Sie erinnert an Ludwig Erhard und seinen Einsatz für das Kartellrecht gegen die Widerstände der Großunternehmen. Das Kartellgesetz habe erst den starken Mittelstand in Deutschland möglich gemacht. Steinbrück, ganz der großkoalitionäre Fuchs, greift die Bemerkung auf. Nicht einen Sozialdemokraten zitiert er bei seinem - vielleicht - letzten Satz als Minister für Finanzen im Kanzleramt. Sondern - Franz Josef Strauß, den wortmächtigen CSU-Politiker. Ein Zufall ist das wohl auch nicht, war doch Strauß einst in der Großen Koalition der sechziger Jahre Bundesfinanzminister. Steinbrück sagt, Strauß habe gesagt, man dürfe einem Hund nicht den "Wurstvorrat zur Bewachung überlassen". Merkel grinst, dann sagt sie: "So, jetzt haben wir das Ganze aber genug runtergebrochen". Es sieht wirklich so aus, als wollten da zwei weitermachen.

Draußen, vor der mintgrünen Eingangstür zum Kanzleramt, warten Fotografen und Reporter darauf, dass beide in ihre Limousinen steigen. Steinbrück aber ist schon weg. Merkel kommt allein heraus. Es wäre auch ein zu schönes Bild gewesen.

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