Polit-Provokateur bei Podiumsdiskussion Sarrazin wettert gegen Merkel und Wulff

Nach seiner Rücktrittserklärung schimpft Thilo Sarrazin weiter auf "die politische Klasse", vom Bundespräsidenten bis zur eigenen Partei. Bei einer Veranstaltung nahm er Stellung zu seiner Bundesbank-Entscheidung und bekräftigte: Die SPD wird ihn so schnell nicht los.

Thilo Sarrazin in Berlin: Strategischer Rückzug oder Erschöpfung?
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Thilo Sarrazin in Berlin: Strategischer Rückzug oder Erschöpfung?


Berlin - Er habe seinen freien Willen demonstrieren wollen. Unter anderem so erklärt Thilo Sarrazin, wieso er mit seinem Rückzug vom Amt als Vorstandsmitglied der Bundesbank so lange wartete. Eine Woche habe er "der politischen Klasse" gezeigt, "dass mich ein Abberufungsverfahren nicht beeindruckt", sagte der Polit-Provokateur bei einer Diskussionsrunde am Freitag in Berlin.

Am Donnerstag war bekannt geworden, dass der wegen seiner Thesen zur Integration in Deutschland umstrittene Sarrazin zum Monatsende von seinem Posten zurücktritt. Er selbst nannte es einen "strategischen Rückzug", um sich mit den Themen zu beschäftigen, die ihm wichtig seien. Bundespräsident Christian Wulff begrüßte den Schritt und kündigte an, Sarrazin wie gewünscht von seinem Amt zu entbinden. Regierungssprecher Steffen Seibert betonte derweil, die Bundesregierung habe auf die Entscheidung "keinen Einfluss genommen."

Seine Partei will der baldige Ex-Banker hingegen nicht freiwillig verlassen. "Ich bleibe in der SPD", bekräftige er am Freitag. Nach dem Rückzug aus der Bundesbank hatten die Sozialdemokraten gehofft, dass der Politiker aus freien Stücken austreten würde. Es laufen derzeit Anträge des Bundesvorstands sowie des Berliner Landesvorstands auf Sarrazins Ausschluss.

Gefragt, ob er sich einen Austritt aus der SPD nicht doch mal unter dem Druck seiner Partei wie im Falle der Bundesbank anders überlegen könnte, sagte Sarrazin der Nachrichtenagentur dpa: "Nein, unter gar keinen Umständen." Sowohl SPD-Chef Sigmar Gabriel als auch der Berliner SPD-Vorsitzende Michael Müller und der amtierende SPD-Fraktionsvorsitzende Joachim Poß haben Sarrazin aufgefordert, die SPD freiwillig zu verlassen.

Sarrazin provoziert weiter

Er habe dem Druck nicht mehr standgehalten, hatte der 65-jährige Politiker und Autor zuvor zur Begründung seines Rückzugs angeführt. Er tauge nicht zu einem Helden, der es gegen alle aufnehmen könne. Sich "mit der gesamten politischen Klasse in Deutschland anzulegen", halte "auf Dauer keiner durch". Was nicht bedeutet, dass Sarrazin nicht noch eine Rechnung mit besagter politischer Klasse offen hat. Am Freitag wetterte er kräftig gegen Wulff und die Bundesregierung.

"Ich glaube nicht, dass mich der Bundespräsident jemals abberufen hätte", sagte Sarrazin selbstbewusst. Dieses Vorhaben wäre ohnehin "erkennbar rechtswidrig" gewesen. Ähnlich hatten sich auch Arbeitsrechtler geäußert, die überzeugt sind, dass eine solche Kündigung vor dem Verfassungsgericht nicht hätte bestehen können.

Angela Merkel (CDU) kritisierte Sarrazin in Berlin ebenfalls namentlich. "Es ist ungewöhnlich, dass die Bundeskanzlerin sagt, das Buch sei nicht hilfreich", sagte Sarrazin bei einer Diskussion zu seinem umstrittenen Werk "Deutschland schafft sich ab". "Gute Bücher sind überhaupt selten hilfreich. Sie sind entweder gut oder schlecht."

Der frühere Berliner Finanzsenator erinnerte daran, dass Merkel am Mittwochabend den Mut des dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard bei der Verleihung des Medienpreises M100 gewürdigt habe. Als Westergaard die Karikatur gezeichnet und einen Sturm der Entrüstung in der islamischen Welt ausgelöst habe, sei er sicherlich auch nicht hilfreich für die dänische Regierung gewesen.

Deshalb warte er darauf, dass Merkel ihm in fünf oder sechs Jahren, "wenn sie dann noch Bundeskanzlerin ist", einen Preis für Meinungsfreiheit überreiche, sagte Sarrazin unter tosendem Beifall der rund 800 Zuhörer. Überhaupt fand er auch bei dieser Veranstaltung wieder viel Zuspruch. Vor dem Haus, in dem die Podiumsdiskussion stattfand, hatten sich diesmal nur noch vereinzelt Demonstranten eingefunden.

can/dpa/apn/Reuters

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Seite 1
Demokrator2007 11.09.2010
1. Brandstifter im Nadelstreifen
Zitat von sysopNach seiner Rücktrittserklärung schimpft Thilo Sarrazin weiter auf "die politische Klasse",*vom Bundespräsidenten bis zur eigenen Partei. Bei einer Veranstaltung nahm er Stellung zu seiner Bundesbank-Entscheidung und bekräftigte: Die SPD wird ihn so schnell nicht los. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,716906,00.html
Bevor ich diesem "Brandstifter im Nadelstreifen" etwas glaube möchte ich zunächst wissen was er mit seinem Gezeter und dem Geschreibsel das er "gutes Buch" nennt verdient. Als er vor ein paar Jahren über die Hartz4-Bezieher herzog und seine merkwürdigen Thesen über richtige Ernährung und Hauswirtschaft verbreitete, war er noch Berliner Finanzsenator und verdiente mind. das 20-30fache dessen was einem Bedürftigen zum Überleben zur Verfügung steht, auch weitaus mehr als denjenigen Arbeitnehmer die damals seinen albernen Thesen glauben wollten. Danach fiel er dann gleich über die Türken her, denen er Nichtsnutzigkeit, Dummheit und Unproduktivität vorwarf und zwar gleich pauschal. So hatten zuletzt die Nazis über Menschen geurteilt. Jetzt legt er mit "Seinem Kampf" nach greift dabei geschickt die einigermaßen mißglückte Integrationspolitik in Deutschland auf und paart die mit Rassenwahntheorien über Gene die bestimmte Völker angeblich dummer geboren sein läßt als andere. Dabei versuchte er auch noch sich ungeschickt bei der jüdischen Bevölkerung einzuschleimen in denen er dem dieser Ethnie ein besonderes Intelligenzgen zuspricht. Was er verschweigt ist das es denjenigen die er attackiert schlichtweg an Bildungschancen fehlt und zwar oft auf Grund starker Verbundenheit zu deren Religiosität. Dabei hätte er als Regierungsmitglied durchaus etwas für bessere Bildung tun können, er führte jedoch einen rigiden Sparkurs der letztendlich trotzdem ein gewaltiges Defizit in den Berliner Haushalt riß. Insofern ist er eine gescheiterte Existenz die ihr eigenes Scheitern jetzt als Erfolg zu verkaufen versucht und zwar dadurch das er Schwächere angreift. Hoffentlich ist dieser Spuk bald zuende und verschindet dahin wo Eva Herrman inzwischen ihr Unwesen treibt-im Trüben der "Spökenkiekerei". Ciao DerDemokrator
aat 11.09.2010
2. Thilo
Zitat von sysopNach seiner Rücktrittserklärung schimpft Thilo Sarrazin weiter auf "die politische Klasse",*vom Bundespräsidenten bis zur eigenen Partei. Bei einer Veranstaltung nahm er Stellung zu seiner Bundesbank-Entscheidung und bekräftigte: Die SPD wird ihn so schnell nicht los. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,716906,00.html
Sarrazin hat bedauerlicher Weise eine Ausdrucksform die polarisiert. Das macht ihn, obwohl er meistens Recht hat, leider zu einem Enfant terrible für die Gesellschaft und vor allem für die Politik. Wobei ich mir sicher bin, daß er unter seinen Parteigenossen und auch denen anderer Parteien, viele Befürworter hat. Nur würde das niemand öffentlich zugeben, hängt doch die Karriere daran. Die Bevölkerung jedenfalls steht zum größten Teil hinter Sarrazin und das nicht unbegründet.
Wattläufer 11.09.2010
3. Anerkennung
Zitat von sysopNach seiner Rücktrittserklärung schimpft Thilo Sarrazin weiter auf "die politische Klasse",*vom Bundespräsidenten bis zur eigenen Partei. Bei einer Veranstaltung nahm er Stellung zu seiner Bundesbank-Entscheidung und bekräftigte: Die SPD wird ihn so schnell nicht los. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,716906,00.html
Ob Sarrazin die öffentliche Anerkennung zuteil werden wird, die er sich und 70-90% aller Wähler ihm wünschen, hängt davon ab welches der Szenarien Deutschland wahr werden wird, die er in seinem Buch beschreibt. Aggressivität und Pauschalisierungen gegen Volksgruppen lese ich nicht in seinem Buch. Habe aber den dicken Wälzer noch nicht durch. Ich bin halt kein Politiker auf dem Weg zur Talkshow. Die lesen ja bekanntlich das Buch zwischen Hamburg und Berlin im ICE oder im Flieger ab Ffm...;- Oder werden sie von willfährigen, steuerbezahlten HiWis 'gebrieft' ? Der Hosenanzug hat mit seiner Vorverurteilung des von ihr ungelesenen Buches eine Steilvorlage für Sarrazin geliefert. Wenn die immer so vorschnell urteilt wird mir hinsichtlich der Zukunft Deutschland Angst und Bange. Da braucht man keine gewaltbereiten Muslime mehr. Dafür sorgen die deutschen Politiker dann schon selber. Deutschland schafft sich ab ? Ferkel schafft Deutschland ab !
tsitsinotis 11.09.2010
4. Möge er doch mal Urlaub machen -
am besten vielleicht in den Karpaten? Der Mann muss endlich ausschlafen - sagt er ja selber - und sich von seinem anstrengenden Statistik-Bundesbank-Job erholen. Ein Leben, finanziert von Staatsknete ist - man sieht es - extrem anstrengend. Thilo ist kein Polit-Provokateur, sondern ein Polit-Profiteur dank strunzdummer Politiker(s. z.B. Ehrung für Hass-Karikaturist Kurt Westergaard). Der Hass "lebt" auf. Übrigens: Bei Lektüre des diesbezüglichen Leserforums in BILD und leider auch SPIEGEL, fällt auf: Je deutsch-nationaler der Kommentar, desto schlimmer Rechtschreib- und Grammatikfehler. Ich bitte um Integration.
Zephira 11.09.2010
5. Kritik
Und schon wieder heißt es "Provokateur". So reden doch nur Menschen daher, die keinerlei Eigenverantwortung kennen und einen Freifahrtsschein für ihr eigenes Handeln suchen. Müssen sich die SPON-Redakteure denn mit jedem einzelnen Sarrazin-Artikel auf das Niveau versoffener Vergewaltiger stellen, die sich von den weiblichen Reizen ihrer Opfer gereizt fühlten? Falls ja, dann überlassen Sie das Schreiben doch bitte Leuten, die sich über rein reaktive Instinkthandlungen hinaus entwickelt haben.
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