Polit-Show im ZDF Die Legende vom Wahlkampf der Ideen

Wo findet der bessere Wahlkampf statt? Viele Bundesbürger sind fest davon überzeugt, dass es in der deutschen Politik tiefgründiger zuginge als in den USA. Doch die ZDF-Show von gestern Abend beweist das Gegenteil.

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Berliner Runde im ZDF: Ideen und Egos zur Prime-Time
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Berliner Runde im ZDF: Ideen und Egos zur Prime-Time

Es gehört zu den weit verbreiteten Fehleinschätzungen der US-amerikanischen Linken, dass Europäer im Allgemeinen bessere Menschen und im Besonderen mit überlegenen Sekundärtugenden ausgestattet seien: Besser erzogen und irgendwie intellektueller als die Amerikaner. Und noch immer hält sich bei manchen Weltverbesserern zwischen L.A. und New York hartnäckig das Gerücht, wir Amerikaner würden uns bei Wahlen nur an blitzenden Zähnen und überzeugenden Charakteren orientieren, während die Europäer sich beim Urnengang von hehren Ideen und Überzeugungen leiten lassen.

Die Gründe dieser Sichtweise liegen an den politischen Systemen diesseits und jenseits des Atlantiks. Amerikas Mehrheitswahlrecht lenkt den Blick stärker auf einzelne Politiker als Deutschlands parlamentarisches System, das die Wähler vor allem mit Parteien anstelle von Leuten konfrontiert - jedenfalls theoretisch.

Ideen über Egos, so lautet das Lob der Europa-Fans in Amerika. Das sei ja so erfrischend anders als in den USA. Dort werden die Kampagnen von schmackigen Polit-Häppchen getragen, die nach Möglichkeit nicht länger als 30 Sekunden dauern sollten. Auch die Argumente für oder gegen einen Kandidaten sind schnell ausgetauscht, weil vorab sorgsam abgezählt.

In Deutschland dagegen werden ganze Zeitungen mit detailbesessenen Artikeln und Anzeigen gefüllt, minutiös bis ins Letzte und so politikbesessen langweilig, dass hier aus amerikanischer Sicht nur ein Erbsenzähler wie Al Gore mithalten könnte. Große Politik.

Plattform ZDF: Oberflächlicher Wahlkampf mit oberflächlichen Kandidaten
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Plattform ZDF: Oberflächlicher Wahlkampf mit oberflächlichen Kandidaten

Das führt uns geradewegs zum Donnerstagabend im Zweiten Deutschen Fernsehen. Dort hatten gestern die Chefs der im Bundestag vertretenen Parteien (ich weiß, jetzt rufen wieder ein paar Erbsenzähler: "Wo war die PDS?") die Gelegenheit, sich auszubreiten. Franz Müntefering wurde von Wolfgang Clement vertreten - der SPD-Vorsitzende erlitt im Wahlkampf am Mittwochabend einen Kollaps. Mancher Deutsche hält die Zusammenkunft vor laufenden Kameras per se schon für amerikanisch: Natürlich gibt es in den USA Fernsehdebatten. Aber Parteifunktionäre zur Prime Time? Pustekuchen.

Angie mit Play-Taste

Aber wenn es so eine Polit-Show zur Prime Time einmal geben sollte in meiner Heimat, dann würde sie wohl so ablaufen wie Donnerstagabend im Zweiten, mit dem man ja angeblich besser sieht. Irgendetwas verdüstert den Weg zum Wahltag am 18. September, und es sieht nicht niedlich aus. Nennen wir es ruhig die Amerikanisierung deutscher Politik.

Niemand erwartet natürlich von so einem Polit-Fernsehabend eine wirklich tiefgehende Betrachtung deutscher Wirklichkeit. Und für amerikanische Verhältnisse war die Sendezeit zwischen 20.15 Uhr und 21.45 Uhr noch mit genug humorfeindlicher Politbesessenheit gefüllt. Jeder Kandidat hatte ausreichend Gelegenheit darzulegen, wie er die Steuern und den Schuldenberg senken und die Beschäftigungsquote steigern würde.

Dennoch, wie so oft bei Ereignissen dieser Art, kamen die Statements so unerträglich routiniert herüber. Man hat das alles schon mal gehört, und zwar in genau derselben Tonlage. Vor allem die virtuelle Bundeskanzlerin Angela Merkel kam mir so vor, als halte sie eine "Play"-Taste unter dem Tisch versteckt, mit der sie ihre Slogans auf Kommando abruft. Stimmung kam nur auf, wenn die Moderatoren ihren Frage-Zettelkasten nicht weiter ernst nahmen und die Kandidaten - oft planlos - übereinander herfielen.

Was haben wir gestern im ZDF nun gelernt? Erstens wissen wir nun definitiv, dass Edmund Stoiber noch immer nicht kapiert hat, dass nicht mehr er, sondern die Dame neben ihm Bundeskanzler werden soll. Konzentriert und aggressiv stieg er von Anfang an in den Ring und verpasste der rot-grünen Regierungsbilanz einen Haken nach dem anderen. Aber plötzlich, nach etwa 45 Minuten, wurde er ruhiger - als hätte Tischnachbarin Merkel im unter dem Tisch gegen das Schienbein getreten und gezischt: "Ich bin hier die Kandidatin, du Depp!"

Zweitens haben wir gelernt, dass sich Guido Westerwelle anstrengen kann, wie er will - irgendwie nimmt ihn keiner ernst. Vielleicht liegt das auch daran, dass er meistens so aussah wie ein Schiffbrüchiger im Rettungsring. Dabei steht seine Partei gar nicht schlecht da - merkwürdig.

ZDF - Parteipaten im Gespräch: Don Corleone und Don Stoiber
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ZDF - Parteipaten im Gespräch: Don Corleone und Don Stoiber

Wir haben gelernt, dass Joschka Fischer draußen im Lande um jeden Preis um Stimmen kämpft - auch um seine eigene, wie er ironisch betonte. Er hat den Umfragen zufolge keine Chance mehr auf die Macht, aber er nutzt sie: Mit seiner von Kundgebungen heiseren Don-Corleone-Stimme war er neben Stoiber noch immer der beste Kämpfer am Tisch. Verehrung, mein Pate! Übrigens ist Fischer gar nicht offiziell Vorsitzender seiner Partei; dass er trotzdem in die Runde durfte, beweist die Corleone-These.

Arbeitsminister und SPD-Vizechef Wolfgang Clement, der Parteichef Müntefering ersetzen musste, war munterer als erwartet und konnte es mit Merkel und Stoiber locker aufnehmen. Leider lernten wir über ihn auch, dass er offenbar nur mit einer 45-Minuten Runde gerechnet hat. Um 21 Uhr ging ihm der Dampf aus.

Keine Zeit für Absprachen

Und schließlich wissen wir jetzt, dass Angela Merkel auch nach hunderten Fernsehauftritten noch immer in die Kameras und Scheinwerfer guckt wie ein scheues Reh. Sie brauchte eine Dreiviertelstunde, um warm zu werden, dann sprudelte sie manchmal vor kurzen Sätzen - eigentlich Münteferings Vorrecht, aber der war ja nicht da. Frau Merkel und Herr Stoiber haben übrigens ganz offensichtlich keine Zeit darauf verschwendet, sich in ihrer Gesprächsstrategie irgendwie abzustimmen. Das lässt auf lustige Zeiten nach dem 18. September hoffen, wenn beide diese Republik regieren sollen.

Eine oberflächliche Analyse? Wahrscheinlich. Aber was soll man machen? Dies ist ein oberflächlicher Wahlkampf mit oberflächlichen Kandidaten, die sich in einer oberflächlichen Sendung oberflächliche Argumente an den Kopf geworfen haben. SPD und CDU suchen krampfhaft nach Themen, und in dieser verzweifelten Pose unterscheiden sie sich nicht besonders von George W. Bush, der zurzeit damit beschäftigt ist, seinen Irak-Krieg krampfhaft zu rechtfertigen.

Deutschland war in den vergangenen Jahren vor allem damit beschäftigt, sich in eine Weltuntergangsstimmung hinein zu reden. Die politische Debatte ging von Sozialreformen zum Steuersystem, dann zu Sozialreformen und wieder zum Steuersystem, und schließlich: zu Sozialreformen um dann, na ja, Sie ahnen es schon. Nun ruft die CDU "Weltuntergang" und die SPD antwortet: "Fünf Millionen Arbeitslose? Welcher Weltuntergang?"

Das Ergebnis haben wir am Donnerstag auf der Mattscheibe begutachtet. Eine siegesgewisse Union tritt im Doppelpack vor die Kameras - und bleibt die Antwort schuldig, wie sie Deutschland aus der Misere holen will. Gewinnen werden Merkel und Stoiber wohl trotzdem.

Gegenüber sitzen lebhafte Regierungsvertreter, die nichts mehr zu verlieren haben, weil sie wissen, dass die Wahl für Rot-Grün verloren ist. Dazwischen kauert eine bedeutungslose FDP, die vielleicht bald mitregieren darf. Die einzig interessante Frage bleibt, wie viele Menschen zur Wahl gehen werden. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir auch hier bald amerikanische Verhältnisse in Deutschland erreichen.

Charles Hawley, 34, arbeitet in der englischsprachigen Redaktion von SPIEGEL ONLINE. Er wurde in Seattle geboren und lebt seit 1999 als Amerikaner in Berlin



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Seite 1
H. M. Stahl, 03.08.2005
1.
---Zitat von sysop--- Diskussionen über die Diskussion: Die Bedingungen, unter denen Angela Merkel und Gerhard Schröder ihr "TV-Duell" austragen sollen, werden mittlerweile ebenso heftig debattiert wie politische Fragen. Die Bedeutung einer überzeugenden Medien-Präsenz steht außer Frage. Gehen Programme und Problemlösungen dabei unter? Ist clevere Selbstdarstellung entscheidender als politischer Inhalt? Wie stehen Sie zu TV-Duellen? ---Zitatende--- Es sollte ein Duell der Kompetenz-Teams (Schattenkabinette) geben in dem pro Themengebiet die entsprechenden Resortleiter in einer Runde gegenüberstehen. So wird die Auseinandersetzung nicht auf die Selbstdarstellung zweier Einzelpersonen focussiert. UNd man kann hoffen dass dort problembeszogener debattiert wird.
Zwischenrufer, 03.08.2005
2. Warum eigentlich nicht, das ist hier die Frage!
Im Streit wird die Wahrheit geboren. Streit, auch scharfer, teilweise verletzender Streit, führt am Ende zur Klärung von Positionen, sowohl über einen Sachgegenstand als auch über die Position des Streitenden dazu. Warum eigentlich, so fragt man sich, sollen deutsche Fernsehzuschauer diesen Prozess nicht direkt und mehrfach und in aller Ausführlichkeit betrachten und beurteilen dürfen? Traut man uns nicht zu, die Wahrheit erkennen zu können oder ist das Problem, wir könnten mehr sehen oder hören, als die Streitenden eigentlich preiszugeben bereit waren? Dann sollte es besser 5 Fernsehduelle geben oder noch mehr, im Zweifel mehrere zwischen allen Spitzenkandidaten. Wenn sich jemand sorgt, vor dem besseren Selbstdarsteller könnte der andere Duellant umfallen, dann sieht der Zuschauer nichtsdestoweniger das Richtige. Denn wer schon im verbalen Schlagabtausch umfällt, der wird in der realen Politik niemals seine Linie halten können. Oder, Frau Merkel?
Opuck, 03.08.2005
3. Lieber Elefantenrunde statt 2er TV-Duell
---Zitat von H. M. Stahl--- Es sollte ein Duell der Kompetenz-Teams (Schattenkabinette) geben in dem pro Themengebiet die entsprechenden Resortleiter in einer Runde gegenüberstehen. So wird die Auseinandersetzung nicht auf die Selbstdarstellung zweier Einzelpersonen focussiert. UNd man kann hoffen dass dort problembeszogener debattiert wird. ---Zitatende--- Das haben sich die schlauen Strategen der SPD wieder schön ausgedacht. Eine Angela Merkel wird gegen einen Medienprofi wie Gerhard Schröder in einem Live-TV-Duell keinerlei Chancen haben. Es muss einem überhaupt wundern, dass Angela Merkel einem Duell zugestimmt hat. Jetzt hat die "Marketing-Abteilung" der CDU alle Hände voll damit zu tun ein zweites, von der SPD gefordertes Duell, zu verhindern. Die Frage bei dem Ganzen muss aber sein. Ist ein solches Duell in unserem Politiksystem wirklich das richtige Mittel zur Meinungsbildung bei den Wählern. Seinen Ursprung haben diese TV-Duelle nämlich in Amerika. Da herrscht aber ein ganz anderes Wahlsystem. Dort wird der Präsident direkt (über Wahlmänner) gewählt. Die Stimme die dort abgegeben wird ist also für Person A (z.B. George W. Bush) oder für Person B (z.B. Al Gore). Hierzulande hingegen werden Parteien und Ihre Wahlprogramme (mit der Zweistimme) und Vertreter der einzelnen Wahlkreise (mit der Erstestimme) gewählt. Ein hochstilisiertes Duell zwischen 2 Spitzenkandidaten zweier Parteien ist somit absolut irreführend und gehört einfach nicht in einen Wahlkampf in Deutschland. Zum einen werden nicht die Kandidaten selbst gewählt (sondern die Wahlprogramme der Parteien) und zum Anderen gibt es noch mehr Parteien als nur die beiden sogenannten Volksparteien. Demokratisch ist ein solcher Prozess also keineswegs, weil 2 große Parteien eine viel größere Plattform bekommen als die kleineren Parteien (wie z.B. Die Grünen, FDP oder auch WASG). Außerdem verkommt der Wahlkampf dann zum reinen Showereignis. Die von der CDU vorgeschlagene Elefantenrunde (anstelle eines zweiten TV-Duells) ist der richtigere und weniger irreführende Weg den Wähler bei seiner Meinungsbildung zu unterstützen. Dort haben dann die Spitzenkandidaten aller großen Parteien (die eine Chance haben über die 5%-Hürde zu kommen) eine Stimme und eine Plattform für ihre Partei und ihr Wahlprogramm zu werben. Auch bleibt zu hoffen, dass der Wähler (nach 2002) sich nicht schon wieder von zu viel Show beeindrucken lässt. Die Programme sollten bei der Wahlentscheidung die größte Rolle spielen. Auch deswegen sind Hilfen wie der Wahl-O-Mat auf jeden Fall eine bessere Hilfe für den unentschlossenen Wähler als ein TV-Duell, bei dem die Show im Vordergrund steht. Opuck. 01.08.2005
Jakob Schwarz, 03.08.2005
4. Gute Idee
Mir gefällt die Idee des Fernsehduells, da sich die Kandidaten vergleichsweise ungeschützt der Öffentlichkeit präsentieren. Natürlich werden die Bedingungen bis ins kleinste Detail ausgeklügelt. Natürlich werden die Kandidaten von Profis auf den Auftritt vorbereitet und müssen wahrscheinlich die richtigen Antworten auf alle denkbaren Fragen pauken. Es ist, wenn man so will, ein öffentlicher Laborversuch, dem sie sich aussetzen. Aber wenn die Kamera läuft, stehen sie allein auf der Bühne und müssen ihre Positionen vertreten, sich gegen Angriffe der Mitbewerber verteidigen, Farbe bekennen. Wenn so ein Duell richtig konzipiert wird, zwingt es die Teilnehmer aus der Deckung. Man sieht vielleicht, was sie wirklich denken, wie sie reagieren, wo sie ausweichen usw. Die Qualität solcher Veranstaltungen steht und fällt mit dem Niveau der Kandidaten und mit dem Niveau des Publikums. Wir brauchen vernünftige Kandidaten mit echten Lösungsansätzen für die aktuellen Probleme einerseits und ein mündiges Wahlvolk, das sich informiertu und dann entscheidet. Ich halte Fernsehduelle für eine sinnvolle Ergänzung des Wahlkampfes.
Rainer Helmbrecht 03.08.2005
5.
---Zitat von H. M. Stahl--- Es sollte ein Duell der Kompetenz-Teams (Schattenkabinette) geben in dem pro Themengebiet die entsprechenden Resortleiter in einer Runde gegenüberstehen. So wird die Auseinandersetzung nicht auf die Selbstdarstellung zweier Einzelpersonen focussiert. UNd man kann hoffen dass dort problembeszogener debattiert wird. ---Zitatende--- Ich bin ein Mensch, der eher lustig ist. Für mich wäre etwas Spaßiges überzeugender. Schon allein deshalb, weil uns das Lachen sowieso vergeht. Mein Vorschlag, die Kanzlerkandidaten stellen sich einem Wettbewerb im Fratzenschneiden. Wer die meisten Punkte hat, darf, oder muß Deutschland regieren.
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