Politik in der Familie Grüne Mütter, schwarze Brüder

Echte Liebe oder Zweckheirat? Noch wissen CDU und GAL in Hamburg nicht, ob ihre Partnerschaft funktionieren wird. Dass Grün und Schwarz zusammenpassen, zeigt sich im Privatleben: SPIEGEL ONLINE stellt Familien vor, in denen es mit der politischen Konträrkonstellation klappt.

Von Maike Jansen


Hamburg - "Liebe muss wachsen, wenn sie stabil sein soll": Ein Satz, der klingt, als sei er von einer Kitschpostkarte abgekupfert worden. Hamburgs erster Bürgermeister Ole von Beust hat ihn gesagt, und gemeint hat er seine Liebe zum potentiellen Koalitionspartner, den Hamburger Grünen. Es ist ein Bild, das von Beust in diesen Tagen gern zeichnet. Das Bild einer Ehe, die CDU und Grüne in Hamburg eingehen wollen, eine Partnerschaft, für die nun noch die Bedingungen ausgehandelt werden müssen.

Maren Schüler und Nico Hansen mit Tochter Matje: Privat klappt Schwarz-Grün schon gut
SPIEGEL ONLINE

Maren Schüler und Nico Hansen mit Tochter Matje: Privat klappt Schwarz-Grün schon gut

Zwei, die diese Verhandlungen schon hinter sich haben, sind Maren Schüler und Nico Hansen. Sie, eine 30-jährige Hamburger Sozialpädagogin, wählt seit vielen Jahren Grün. Er, ein 36-Jähriger Investmentberater, stammt aus einer "traditionellen CDU-Familie" und stimmt für Schwarz, seit er wählen kann. Gemeinsam haben Schüler und Hansen eine Tochter: Matje, ein knappes Jahr alt und noch nicht wahlberechtigt.

Dem Klischee, das in der Politikwissenschaft über schwarz-grüne Ehepaare noch häufig kursiert, entsprechen die beiden nicht: Demnach sind es vor allem Bewohner reicher Vororte, bei denen man die politische Konstellation findet. Er, erfolgreicher Unternehmer, wählt wirtschaftsnah CDU oder FDP, seine Frau bringt mit dem Greenpeace-Sticker auf dem Cabrio das Umweltbewusstsein in die Beziehung. Zahlen über das Wahlverhalten von Ehepartnern gibt es nicht. "Wir interessieren uns nur für den Wähler als Einzelperson", heißt es bei Infratest dimap, auch bei der Forschungsgruppe Wahlen gibt es keine Partnerstatistik.

Demnach gibt es auch keine statistischen Erkenntnisse darüber, welche politische Richtung die Kinder solcher Mischehen einschlagen: "Natürlich gibt es jetzt schon Diskussionen, was die Kleine mal wählen wird", sagt Schüler, "aber ich glaube nicht, dass Nico ihr, wenn es so weit ist, einen Wahlzettel hinlegen wird und sagt: Da ist die CDU, mach da mal dein Kreuz." Das hat er bei seiner Freundin schließlich auch nicht getan. Denn als Maren Schüler und Nico Hansen sich kennen lernten, war sie Erstwählerin und lebte seit sechs Jahren in Hamburg. "Obwohl Nico schon damals in der CDU aktiv war, hat er mit mir Wahlprogramme gewälzt", erinnert sich Schüler. Ihre Wahl fiel auf Grün. Wegen der in ihren Augen besseren Umwelt- und Bildungspolitik.

In politischen Fragen geht es heiß her

Bis heute sind das auch die Themen, über die sich das Paar prächtig streiten kann. "In politischen Fragen geht es hier heiß her", sagt Hansen und lacht. Über die Elbphilarmonie haben sie diskutiert, in der er "einen Magnet für Hamburg" sieht, sie dagegen schlichte Geldverschwendung. Geld, das man besser im sozialen Bereich einsetzen könnte, in dem sie arbeitet und täglich sieht, "dass die CDU da einfach nichts erreicht hat". Es sind scharfe Sätze, die Schüler ihrem Lebensgefährten da entgegenfeuert. Schließlich ist er selbst ein Teil "der CDU", hat jahrelang im Bramfelder Ortsausschuss gesessen, sich dort "mit den Grünen herumgeärgert."

Die jahrelange Arbeit in der Kommunalpolitik hat Hansen gelehrt: "Über Inhalte lässt sich reden - wenn die Menschen miteinander reden können." Wie im Privaten gebe es auch auf politischer Ebene Menschen, "die einfach nicht mit einander können." Bei Ole von Beust und Christa Goetsch sieht Hansen diese Gefahr nicht: "Ich hab schon das Gefühl, dass zwischen denen die Chemie stimmt."

Viel ist spekuliert worden über das Verhältnis der beiden Spitzenkandidaten: Gehen sie gemeinsam essen? Schreiben sie sich SMS? Vor allem die Grüne Goetsch bemühte sich stets, den schwarz-grünen Flirt nicht zu heiß werden zu lassen. Auf von Beusts Liebesmetaphern kam von ihr nur die nüchterne Feststellung zurück: "Eine Koalition ist nie eine Liebesheirat." Eine Zweckehe also, zum Wohl der Stadt. Doch wo liegt dieses Wohl? Braucht Hamburg eine Elbvertiefung? Das Kraftwerk in Moorburg? Eine neue Schulpolitik?

"Manchmal muss man eben Kompromisse finden", sagt Maren Schüler. Da geht es dem Paar bei der Erziehung ihrer Tochter nicht anders. "Wenn Matje eines Tages sagt: 'Ich wähle CDU', habe ich nicht das Gefühl, in meiner Erziehung versagt zu haben", versichert die 30-Jährige. Viel wichtiger sei da eine andere Entscheidung des Nachwuchses: "HSV oder St. Pauli - da hört dann aber der Spaß auf."

Schwarz-Grüne Familienbande

"Die Menschen erwarten jetzt keine Liebesschwüre, keinen Hormonrausch und keine Ex-und-hopp-Lösung." Auch dieser Satz stammt aus den schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen. Gesagt hat ihn CDU-Chef Michael Freytag und er klingt, als hinge das Bild der schwarz-grünen Liebesbeziehung doch reichlich schief. Wie aber soll sie dann aussehen, die sich anbahnende Beziehung zwischen CDU und GAL?

Vielleicht sind es ja doch eher Bande, wie sie zwischen Geschwistern bestehen: Man streitet sich laut und heftig, hält aber zusammen, weil man eben zusammenstehen muss. Vor allem bei Kritik von Außen halten Bruder und Schwester felsenfest zusammen.

Getraude Sdun (sitzend) mit ihrer Tochter Ursula Wiedemann und ihrem Sohn Winfried Paul Sdun
SPIEGEL ONLINE

Getraude Sdun (sitzend) mit ihrer Tochter Ursula Wiedemann und ihrem Sohn Winfried Paul Sdun

Auch hierfür gibt es im Privaten Vorbilder: Die Hamburger Familie Sdun zum Beispiel. Mutter Gertraude (82) trat gleich nach dem Zweiten Weltkrieg in die CDU ein, ihre Tochter Ursula (verheiratete Wiedemann) folgte ihr rund 30 Jahre später. "Es war einfach so unglaublich, seine eigene Meinung haben zu dürfen und die auch politisch umsetzen zu können", erinnert sich Gertraude Sdun im Rückblick. Gemeinsam mit ihren Freundinnen besuchte sie Wahlkampfveranstaltungen, genoss die Aufbruchstimmung, den politischen Wandel.

Auch ihr Sohn Winfried Paul Sdun hat seine eigene Meinung stets behalten. Der 51-Jährige ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Bezirksvertretung Altona - seine Mutter engagiert sich im gleichen Stadtteil für die CDU. "Wir haben schon immer zu Hause über Politik gestritten", sagt der Grüne, besonders mit seinem Vater habe er heftige Debatten geführt. "Über die Ostpolitik von Brandt haben wir besonders gerungen", erinnert sich Sdun. "Du warst aber auch sturköpfig", kommt es da gleich von der anderen Seite des Tisches, wo die Mutter-Tochter-Fraktion Platz genommen hat.

Wenn man die Sduns dort so sitzen sieht, kann man sich lebhaft vorstellen, wie es wohl auf Familienfesten zugeht: Kontrovers und schlagfertig, vielleicht auch mal laut und giftig. Ein Beispiel: Es steht die Frage im Raum, ob das überhaupt passen kann, Grüne und Schwarze in einer Koalition. "Klar", sagt der Grüne prompt, "die CDU ist schließlich ein bisschen gemäßigter geworden." Ein Satz, hinter dem Mutter Gertraude sofort einen Angriff vermutet: "Moment mal, ihr wart das doch mit den Topfpflanzen und Stricknadeln im Parlament." Die Tochter lächelt, der Sohn schießt zurück: "Dafür hattet ihr die Kommunistenfresser in euren Reihen."

Als der Vater noch lebte, da seien die Diskussionen noch härter gewesen, sie hätten sich oft richtig gestritten, sagt Winfried Sdun. Die Konsequenz: "Wir haben es meist vermieden, über Politik zu reden." Ob das auch die letzte Konsequenz für Ole von Beust und Christa Goetsch wäre? Moorburg lieber Moorburg sein lassen und stattdessen über das Kinoprogramm oder den Lieblingsitaliener plaudern? Wohl kaum.

Wenn also weder Liebesheirat noch Familienbande als Bilder taugen, bleibt für Grün und Schwarz in Hamburg wohl nur noch ein Modell, auf das sie sich einlassen könnten: die von der ehemaligen Fürther Landrätin Gabriele Pauli eingebrachte Idee der Ehe auf Probe. Statt sieben bleiben den Partnern vier Jahre Bewährungszeit. Und die Zuversicht des Bräutigams von Beust: "Das Grundvertrauen ist da, ob die Liebe wächst, kann ich noch nicht sagen. Das wird sich in der Tat in den Verhandlungen zeigen."



insgesamt 1194 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
freqnasty, 26.02.2008
1.
das hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
BillBrook 26.02.2008
2.
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Stimmt, da es die CDU dort nicht gibt. Aber im Ernst, abgesehen davon, dass die CSU auf absehbare Zeit keinen koalitionspartner brauchen wird, könnte ich es mir auch dort vorstellen. Die CSU ist im Zweifel flexibler als man glaubt.
Rasmuss 26.02.2008
3.
ich glaube die Parteien fügen sich beide durch diese Farbenlehre schweren Schaden zu. Man sollte die Mitglieder befragen, mehrheitlich wird es da nur Ablehnung geben außer es sind wohlhabende Großstadturbaner mit einer sentimentalität für grüne Herzensthemen.. Wo liegen die Gemeinsamkeiten? Gibt es sie überhaupt? Das Thema der CDU ist Wirtschaft. Grüne Themen sind Umwelt, Bildung, Familie, Energie, Nachhhaltigkeit. Oder sehe ich zu sehr schwarzgrün.. ;) Aber sollen sie nur machen, SG geht vielleicht 2 Jahre gut danach gibt es Neuwahlen, die werden dann die GAL vergeigen so mit 5,5 % und die CDU mit 37%. Dann gibt es nur noch eine Option Rot/Rot/Grün.
Klo, 26.02.2008
4.
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Das ist aus heutiger Sicht sicher richtig. Aber warten wir mal ab, bis die Bayern es nötig haben. Dann werden die Karten nämlich neu gemischt. Man darf sich schon heute auf den Tag freuen, an dem die CSU mal einen Koalitionspartner sucht.
perpendicle, 26.02.2008
5.
meine Visionen habe ich ja bereits gestern beschrieben. Diese verbindung ist aber nun wirklich etwas, was man nur als so etwas wie Mittel der Machterhaltung um jeden Preis beider Parteien bezeichnen kann, nachdem sich nun ja auch in Hamburg 5 Parteien ergeben haben und damit auch die Chancen jeder einzelnen Partei schwinden eine absolute Mehrheit zu bekommen. Wenigstens hat die CSU hier in München nunmehr ihr Wahlplakat entfernt, auf dem sie " mehr geschlossene Einrichtungen für gewaltbereite Jugendliche(!) verspricht. Derselbe Kandidat wirbt jetzt- nach alter CSU Manier wieder für die "starke Wirtschaft sichere Arbeitsplätze" .Das eine ist- so weit ich es zu beurteilen vermag nicht mehr- das andere immer noch nicht und schon gar nicht bundesweit vorhanden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.