Politik-Quereinsteiger Carlo Schmid Galionsfigur der Genossen im Wirtschaftswunderland

Carlo Schmid passte so gar nicht zu den Genossen: ein Intellektueller und Genussmensch, der keine Geduld für Basisarbeit hatte. Aber er nahm den Bürgerlichen die Angst vor der SPD und machte sie so erst zur Volkspartei. Die Krönung seiner Karriere blieb ihm verwehrt - wie vielen Quereinsteigern.

Von Stine Harm


Carlo Schmids Karriere in der Nachkriegs-SPD stellt ein Kuriosum dar. Schließlich war Schmid nicht nur ein bürgerlicher Intellektueller und bourgeoiser Genussmensch. Der scharfsinnige Jurist hatte während seiner ersten fünfzig Lebensjahre auch keinerlei Berührungspunkte mit der Sozialdemokratie besessen und sich habituell bis dato weit von der Arbeiterpartei entfernt gehalten. Dennoch absolvierte er nach 1945 eine steile Karriere in der SPD.

Carlo Schmid: Nie eine realistische Chance auf einen Einzug in die Villa Hammerschmidt
DER SPIEGEL

Carlo Schmid: Nie eine realistische Chance auf einen Einzug in die Villa Hammerschmidt

Aber gerade weil der Seiteneinsteiger auch als Parteimitglied ein Bildungsbürger blieb, verwehrten ihm die Sozialdemokraten am Ende die bedeutsamsten Ämter und die Krönung seiner Laufbahn.

Zunächst freilich war Carlo Schmids Weg von Fortune gekrönt gewesen. Die spätere Wirtschaftswunderrepublik musste nach der Katastrophe des Faschismus die Kriegstrümmer erst mühsam beiseite räumen. Anfangs war fast alles ungewiss und im Fluss: die Bevölkerung mit vielen Millionen Flüchtlingen und Obdachlosen, aber auch die Ausgestaltung der politischen Ordnung und der Zuschnitt des Staatsgebietes, der Institutionen sowie des Parteiensystems. Als jedenfalls im April 1945 die französischen Truppen in Tübingen einmarschierten, wurde Schmid auch ohne politische Verbündete, Netzwerke und Hausmacht rasch zu ihrem Verbindungsmann.

Denn Schmid war der französischen Sprache mächtig, ja er war durch seine französische Mutter gar ein halber Franzose und als solcher ein Liebhaber der Literatur und Kenner der Seele der Besatzungsmacht. Deshalb ergaben sich zwischen den Besatzern und dem Tübinger Amtsrichter sowie Privatdozenten schnell persönliche Kontakte. Und so wurde er ihre erste Wahl bei der Vergabe des Chefpostens einer Interimsregierung im französisch besetzten Teil Württembergs.

Politischer Neuling mit Kenntnissen in Völkerrecht

Zugute kamen Schmid in den späten vierziger Jahren neben seiner Kenntnisse des Französischen auch die beruflichen Vorprägungen. Sowohl bei den Verfassungsberatungen des heutigen Baden-Württembergs als auch bei den vorbereitenden Konferenzen für eine staatliche Neuordnung Deutschlands gab Carlo Schmid gewichtige Impulse. Der politische Neuling strukturierte durch seine rhetorisch glänzenden Referate intuitiv die Verhandlungen und setzte so seine Vorstellungen durch.

Als Experte auf dem Gebiet des Völkerrechts, gesammelt in seiner Habilitationszeit und als Referent am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches Recht und Völkerrecht in den zwanziger Jahren, sowie als erfahrener Verwalter militärisch besetzter Gebiete hatte er seinen deutschen Mitstreitern in puncto Sachverstand, juristischen Kenntnissen aber auch Routinen Einiges voraus. Sogar über die deutschen Grenzen hinaus machte Schmid damals durch seine nicht selten gegenüber den Alliierten auch kritischen Beiträge von sich reden und avancierte in jenen Jahren im In- und Ausland zum gefeierten Politstar.

Jedenfalls: Weil er bei den Beratungen über das Grundgesetz so erfolgreich agierte, wurden Parteiführer aller Couleur auf ihn aufmerksam. Konrad Adenauer etwa bedauerte, dass sich der Seiteneinsteiger mit seinen juristischen Kenntnissen, überzonalen Kontakten und großen Sympathiewerten nicht in der Christdemokratischen Partei einbrachte, sondern seit 1946 Mitglied bei den Sozialdemokraten war.

Die SPD konnte froh sein, eine solche Kapazität in ihren Reihen zu haben. Dabei hätte Schmid mit seiner bildungsdurchtränkten Herkunft und seinem elitären Habitus biographisch und stilistisch weitaus besser in den bürgerlichen Verein als in die Arbeiterpartei gepasst – selbst wenn der sozialdemokratische Parteichef Kurt Schumacher nach 1945 für ein verstärktes Engagement der Intellektuellen in seiner Partei plädiert und auf unverbrauchte Eliten gesetzt hatte.

Ein reines Zuckerschlecken andererseits war für den SPD-Vorsitzenden das Engagement Carlo Schmids nicht, erwuchsen aus dem eigenmächtigen Handeln des Neusozialdemokraten doch alsbald auch Probleme. So fühlte sich Schmid bei den Verfassungsberatungen selten an die Beschlüsse des Parteivorstandes gebunden, ja mitunter setzte er sich sogar bewusst über die Vorgaben hinweg. Andererseits: Eben weil er so freigiebig agierte, blieb Schmid in den Beratungen beweglich, konnte Kompromisse schließen und trug so zuletzt im Parlamentarischen Rat maßgeblich dazu bei, einen Verfassungskompromiss zu erreichen.

Mangelndes Feingefühl im Umgang mit der Basis

Langfristig konnte sich der Seiteneinsteiger jedoch nicht gegen den Parteivorsitzenden durchsetzen. Der feinsinnige Schöngeist kämpfte auch gar nicht richtig für die Durchsetzung seiner Vorstellungen im Parteivorstand, es fehlte ihm ein entscheidender, den geborenen "Politiker" auszeichnender Wesenszug: das Streben nach Macht. Obendrein blieb der intellektuelle Seiteneinsteiger seinem strengen, aber charismatischen Parteivorsitzenden trotz aller Kritik letztlich treu ergeben.

Infolgedessen machte sich Schmid mit seinen außenpolitischen Konzepten in der Öffentlichkeit zunehmend unglaubwürdig. Wiewohl beispielsweise Befürworter eines Systems kollektiver Sicherheit, hielt er sich bei politischen Grundsatzentscheidungen stets an die kompromisslose Haltung des Parteivorstandes und verteidigte die ihm zum Teil diametral entgegengesetzten Ansichten der sozialdemokratischen Parteiführung.

Kurzum: Je mehr der Seiteneinsteiger in das politische System und die Sozialdemokratie involviert wurde, desto nachhaltiger verloren seine juristischen Kenntnisse und seine Ungebundenheit als wirkungsreiche Ressourcen an Wert. Innerhalb der sich wieder verfestigenden Strukturen des Parlamentarismus zählten nicht mehr die originellen staatsrechtlichen und außenpolitischen Winkelzüge des Bundestagsabgeordneten, sondern Teamfähigkeit, Loyalität, Disziplin.

Carlo Schmid dagegen blieb innerparteilich stets ein Unangepasster und Außenseiter, für seine Gegner ein Paria. Er verpasste es, sich in der SPD langfristig Gefolgschaften zu sichern und Loyalitäten aufzubauen. Er war unfähig, sich durch eine Hausmacht schützen zu lassen, ja deren Bedeutung als Machtressource auch nur zu erkennen.

Selbst als Parteivorsitzender in Südwürttemberg vernachlässigte er seinen Bezirk und ließ die Sozialdemokraten in der Provinz spüren, dass er schlicht keine Muße hatte, seine Zeit bei ihnen zu vertrödeln. Überhaupt mangelte es Carlo Schmid im Umgang mit seinen Genossen an Feingefühl: Wenn ihm ihre Diskussionen stupide erschienen, reagierte er herablassend und warf mit lateinischen Zitaten um sich. Das ließ beide Seiten einander fremd bleiben, ebenso wie Schmids großzügiger, glamouröser, teilweise auch anrüchiger Lebenswandel, der mit der sozialdemokratischen Bescheidenheitsmoral hart kollidierte.

Gleichwohl: Nach der Bundestagswahl 1957, bei der die Union die absolute Mehrheit errang, besann sich die Sozialdemokratie auf ihre personellen Ressourcen, um in Zukunft neue Wählerschichten zu erreichen. Carlo Schmid, einer der beliebtesten Politiker der Republik, avancierte so kurzzeitig zum Hoffnungsträger der Arbeiterpartei. Die SPD bediente sich seiner als Galionsfigur, schickte ihn landauf, landab zu Diskussionsrunden, Parteiabenden, Gedenkveranstaltungen, Vorträgen.

Schmid sollte zeigen, dass die Sozialdemokraten mehr zu bieten hatten als dogmatische Apparatschiks, er sollte den Regierungsanspruch der SPD personifizieren, sollte durch seine bloße Präsenz und Eloquenz ihre Regierungsfähigkeit unter Beweis stellen. Denn er war wie geschaffen, dem Bürgertum die Manschetten vor der Sozialdemokratie zu nehmen. Auf dem Zenit seiner politischen Karriere wurde er 1959 sogar als möglicher Bundespräsident und 1960 schließlich als sozialdemokratischer Kanzlerkandidat gehandelt.

So bleibt das Urteil über Carlo Schmids politische Karriere letztlich ambivalent. Obwohl er letztlich nicht einmal ein Komma zum Godesberger Programm beigesteuert hatte, beeinflusste er die Organisationsreform und Programmrevision der traditionsreichsten deutschen Partei. Der SPD half er allein dadurch, eine Volkspartei zu werden, weil er der einzige führende Sozialdemokrat war, der der katholischen Kirche angehörte und bereits seit den späten vierziger Jahren in diese Richtung Kontakte knüpfte.

Doch hatte er andererseits nie eine realistische Chance auf einen Einzug in die Villa Hammerschmidt oder das Bundeskanzleramt besessen. Nicht nur, weil er nie um ein Amt gekämpft hatte. Sondern auch, weil Schmids Aufgabe in dem Moment erledigt war, als von der SPD die Organisationsreform vollzogen und das neue Grundsatzprogramm verabschiedet worden waren. Seine Forderungen nach einer Öffnung der Partei für alle gesellschaftlichen Schichten, nach einem Verzicht auf marxistische Dogmatik und antiquierte Symbolik, mit denen er über ein Jahrzehnt dem traditionsreichen Apparat zugesetzt hatte, waren nun weitgehend umgesetzt.

Der Seiteneinsteiger hatte seine Funktion erfüllt.



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