Belastung von Politikern Etwas Respekt, bitte

Die Schwächeanfälle im Bundestag zeigen es erneut: Politiker sind enormem Stress ausgesetzt. Auch Hass und Hetze auf Menschen, die sich in der Politik engagieren, setzen sie unter Druck, meint der Psychiater Jan Kalbitzer.

Deutscher Bundestag: "Vor lauter Terminen kaum noch Zeit hat, mal in Ruhe über etwas nachzudenken"
Christoph Soeder/ DPA

Deutscher Bundestag: "Vor lauter Terminen kaum noch Zeit hat, mal in Ruhe über etwas nachzudenken"


Im Frühjahr kündigte Sahra Wagenknecht an, ihre langjährige Position als Spitzenpolitikerin wegen Erschöpfung aufzugeben. Im Frühsommer erlitt Bundeskanzlerin Angela Merkel mehrere Zitteranfälle. Und jetzt mussten innerhalb eines einzigen Tages zwei Mitglieder des Bundestags aufgrund von Schwächeanfällen behandelt werden.

Woran liegt diese scheinbare Häufung? Sind die Arbeitsbedingungen durch die vielen ungeahndeten Beleidigungen und Bedrohungen in den sozialen Medien brutaler geworden? Liegt es am Siegeszug von Parteien, die von den Rändern aus eine giftige Rhetorik der Feindschaft pflegen? Oder sehen wir aufgrund der Allgegenwärtigkeit von Smartphone-Kameras einfach mehr?

Große psychische Widerstandskraft

Ohne Frage hat die Arbeit in der Politik schon immer eine enorme Konstitution erfordert. Und sicher ist auch, dass diejenigen, die dauerhaft und ohne zu verbittern dabeibleiben, über eine große psychische Widerstandskraft verfügen.

Gerade Menschen wie Wolfgang Schäuble, der nicht nur einen schweren Mordanschlag überlebte, sondern anschließend in den Bundestag zurückkehrte und zusätzlich zu den Belastungen durch das lebensbedrohliche Ereignis und die körperlichen Einschränkungen weiter diese Anstrengung auf sich nahm, verdienen enormen Respekt.

Genauso wie Angela Merkel, die nach den Zitteranfällen auf Fragen nach ihrer Verfassung ganz offen angab, dass sie aufgrund der Angst, wieder in der Öffentlichkeit zu zittern, erneut gezittert habe. Was nichts anderes heißt, als dass sie aufgrund des enormen psychischen Drucks zitterte. Vor dem Hintergrund der heftigen Angriffe gegen ihre Person - gerade aus den Reihen der AfD und ihrer Anhänger - zeugt diese Offenheit von großem Mut.

Die doppelte Wirkung der Digitalisierung

Hier zeigt sich, dass die Digitalisierung beides kann: Sie erzeugt mehr Druck, aber sie ermöglicht auch eine neue Transparenz und Nähe. Und mit ihren offenen Reaktionen übernehmen Angela Merkel und andere damit eine Vorbildfunktion, was den Umgang mit psychischen Belastungen und Stress unter diesen neuen Bedingungen angeht. Eine Vorbildfunktion, die weit in die Gesellschaft hineinreicht; die viele Menschen ermutigen kann, frühzeitig offen über ihren eigenen Stress zu sprechen und Hilfe in Anspruch zu nehmen, bevor Folgeerkrankungen wie Erschöpfungsdepressionen, Bluthochdruck oder Stoffwechselstörungen auftreten.

An den Reaktionen auf den offenen und öffentlichen Umgang von Politikerinnen und Politikern mit ihren Belastungen und Schwächen wird jetzt aber auch deutlich, dass Deutschland nicht primär ein Problem mit inhaltlich radikalen politischen Positionen hat, sondern mit Menschen, deren verbitterter Hass und deren Hetze das Miteinander vergiften.

Dennoch sollte die Frage nach den Arbeitsbedingungen im Politikbetrieb nicht bei den Extremen Halt machen. Die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg, die sich jetzt im SPIEGEL-Interview sehr offen zu den Belastungen ihrer Arbeit äußerte, sagte schon kurz nach Antritt ihres Mandats etwas sehr Grundlegendes über ihre neuen Arbeitsbedingungen: Sie stresse an der Arbeit, dass man "vor lauter Terminen kaum noch Zeit hat, mal in Ruhe über etwas nachzudenken".

Kaum hinterfragte Vorverurteilung

Viele nehmen sich in der Hitze der Debatte in sozialen Medien oft nicht die Zeit, nachzuvollziehen, welcher Druck im Alltag des Politikbetriebs herrscht. Wie unter vielen verschiedenen Positionen der für alle Beteiligten tragbare Konsens gefunden werden muss. Und welche Anstrengung es bedeutet, dabei permanent unter Beobachtung zu stehen und Angst haben zu müssen, dass ein Fehler aufgebauscht wird und durch kaum hinterfragte öffentliche Vorverurteilungen die eigene Existenz bedroht.

Vielleicht sollte sich deshalb manch einer fragen, ob er mit seinen Sprüchen nicht zu den Kumpels in die Kneipe gehen sollte, statt im Netz öffentlich diejenigen anzugreifen und unter Druck zu setzen, die aus Idealismus ein Amt übernehmen und sich der öffentlichen Debatte stellen.



insgesamt 101 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kanalysiert 09.11.2019
1. Nein
Was glauben denn sie, welchem Stress andere Berufsgruppen haben, die ähnlich hohe Summen für ihre Arbeit kassieren? Willkommen in der echten Welt! Über die Anderen schreibt man nur mangels Ranpenlicht nicht, die leiden im Stillen.
vubra 09.11.2019
2. Entschuldigung
warum soll man da nicht sagen dürfen; sind die eigentlich nur dumm da im Bundestag? Wer Hetzt diese Leute denn? Die dürfen sogar ihre Gehälter selbst festlegen (Diäten) ihre Arbeitszeit mehr oder weniger auch und wer außer diesen Politikern selbst verbietet ihnen Pausen um zu Trinken und zu essen. Das hier ist Bundestag Gejammer auf der Höchsten Ebene. Und mit Sicherheit soll es nur eines bringen Mitleid mit den Armen Politikern die gerne mal auf dem Bundestags WC ihre Koks Linie ziehen und sich auch dem Alkohol und der Völlerei nicht abgeneigt zeigen. Nach dem Motto man gönnt sich ja sonst nichts , oder wie? Also werte Politiker hört auf euch selbst zu bemitleiden denn ihr legt alles selbst Fest Abreisezeiten und alles andere auch, deshalb von meiner Seite kein Mitleid wenn ihr euch selbst kaputt macht, keiner der Suveräne hat das verlangt noch wird es erwartet. Ihr seid selbst Schuld und jetzt diese Jammerei ist einfach nur Jämmerlich und erbärmlich. Die Erfinder des Arbeitsschutzes sind zu dumm diesen auf sich selbst anzuwenden, wie dumm ist das denn.
Überflieger01 09.11.2019
3.
Minister Scheuer zum Beispiel, hat sich den Stress selbst eingebrockt. 500 Millionen Euro verbrannt, Respekt, Lobbyarbeit für die Autoindustrie, Respekt. Respekt verdienen auch die Medien für Ihre Arbeit, kein Minister oder Politiker musste in den letzten Jahren zurücktreten, und Gründe dafür gab es zu Milliarden von Euros. Und weiter: Respekt für die Medien für Ihre Arbeit bei der VW-Diesel-Affäre, anstatt den Opfern des Konzern zu helfen das diese eine Entschädigung bekommen, hat man den ganzen Diesel-Motor totgeredet und das Wort Entschädigung in den Mund genommen. Respekt !!!
wurm666 09.11.2019
4. Stimmt
Sich den Politikbetrieb anzutun ist schon bewundernswert. Das anzuerkennen, ohne Unterwürfigkeit, ist anständig. Klares Streiten um den besten Weg erwarte ich von meinen Vertretern in den Parlamenten; vor Erschöpfung zusammenzubrechen nicht.
Koana 09.11.2019
5. Es scheint einige Abgeordnete mit....
.... Restgewissen zu geben, diese können in diesem Zirkel wohl kaum gesund bleiben, ja, und es ist wohl so, dass die Tröge der Steuergelder nun von sehr widerlichen Konkurrenten ins Visier genommen wurden, diese streben wirklich völlig ohne Scham und Skrupel nach der Beute. Sprich die widerlichen Politokraten werden mit noch widerlicheren konfrontiert. Tja, für jene die nur ihre ca. 20.000 im Monat abgreifen (sorry, mit allen Privilegien und geldwerten Vorteilen, die Abgeordnete ja niemals zu versteuern haben....) ist das inzwischen wirklich ein "hartes" Geschäft, aber sie hätten ja die Wahl, sie könnten für ein gewöhnliches Gehalt ihre Talente am ganz normalen Arbeitsmarkt verkaufen oder sich mit einer guten Idee selbstständig machen. Also es ist doch jedem Mandatsträger freigestellt, sein Mandat zurück zu geben, es stehen sicher hunderte in der Schlange die es nur zu gerne haben möchten. Im Übrigen bin ich mir sicher, dass es keine Wahlrechtsreform geben wird, solange das Steuervieh nur leise murrt, selbst wenn 800 MdB´s in den Reichstag stolzieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.