Jugend und Politik Warum Parteien die Generation Y brauchen

Von Klaus Hurrelmann
Jugendliche engagieren sich für sozial Schwache, für die Digitalisierung und gute Arbeitsbedingungen - aber nicht in den Parteien. Deren Mitglieder sind im Durchschnitt 60 Jahre alt. Das muss sich schnell ändern.
Juso-Delegierte beim Bundeskongress der Jusos, Dezember 2013, Nürnberg

Juso-Delegierte beim Bundeskongress der Jusos, Dezember 2013, Nürnberg

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Für den unerwarteten Ausgang des Referendums in Großbritannien und der US-Wahl haben im Wesentlichen die Älteren gesorgt. Jüngere Wähler stimmten mehrheitlich für Großbritanniens Verbleib in der EU und für Hillary Clinton - wenn sie denn abstimmten. In beiden Ländern war die Wahlbeteiligung der Jungen vergleichsweise niedrig. Die junge Generation hätte also stärkeren Einfluss ausüben können. Aber erst nachdem der Brexit beschlossene Sache war, protestierte sie, und erst nachdem Trump gewonnen hatte, gingen junge Amerikaner zu Tausenden auf die Straße.

Zur Person
Foto: Peter Himsel

Klaus Hurrelmann, geboren 1944, ist Sozialwissenschaftler und lehrt in den Bereichen Gesundheits- und Bildungspolitik an der Hertie School of Governance, Berlin.Ein aktueller Forschungsschwerpunkt von Hurrelmann liegt in der strategischen Verbindung von Bildungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik, um umfassende Interventionsstrategien zur Prävention von sozialen und gesundheitlichen Benachteiligungen zu entwickeln.

Auch in Deutschland stehen 2017 richtungsweisende Wahlen an. Werden auch hier die Jungen ihre Chance verschlafen? Verstehen sie die Mechanismen der Demokratie nicht? Oder sind es die politischen Parteien, die den Anschluss an die junge Generation nicht schaffen?

Die Shell-Jugendstudie zeigt ein geringes Vertrauen der 12- bis 25-Jährigen in die etablierten politischen Parteien. Sie werden als gut geschmierte Apparate wahrgenommen, auf die man von außen keinen Einfluss nehmen kann. Von Politikerinnen und Politikern fühlen sich die Jungen vernachlässigt. "Politiker kümmern sich nicht darum, wie ich denke", diesen Satz unterschreiben 69 Prozent der jungen Leute.

Die Distanz zu den Parteien schlägt sich aber nicht in einer Ablehnung der Demokratie nieder. Vielmehr ist die Zustimmung der Jungen zur Demokratie seit 2002 kontinuierlich gewachsen, im Westen Deutschlands noch deutlicher als im Osten. Auch das Interesse an Politik ist keineswegs gering: Dieses sackte nach einem Höhepunkt im Jahr 1991 (57 Prozent) bis 2002 auf 34 Prozent ab. Inzwischen aber geben wieder 46 Prozent der Jungen an, politisch interessiert zu sein.

Und viele von ihnen sind auch aktiv: Auf die Frage, ob sie sich in der Freizeit für soziale und politische Ziele und für andere Menschen engagieren, antwortet über ein Drittel mit Ja. Jugendbezogene Interessen, Einsatz für schwache und hilfsbedürftige Menschen, für Sicherheit, Ordnung und Zusammenleben, für die Umwelt, für die Integration von Ausländern und für Veränderungen in der Nachbarschaft stehen an erster Stelle. Sie engagieren sich nicht nur in Internetforen, sondern auch in Vereinen, Gruppen an Schule und Hochschule, Jugendorganisationen, Kirchengemeinden und der Freiwilligen Feuerwehr.

Keineswegs desinteressiert

Es stimmt also nicht, dass die Jungen am Gemeinwesen desinteressiert sind. Auch in der Arbeitswelt zeigt sich das Gegenteil. Personaler können ein Lied davon singen, wie sich die Vertreter der "Generation Y" im Unternehmen für eine neue Arbeitskultur einsetzen. Sie sehen den Beruf nicht zuerst als Mittel zum Zweck des Geldverdienens, sondern wollen sich dort persönlich einbringen und entfalten. Sie setzen sich ein für eine schnelle Digitalisierung, ein gutes Arbeitsklima, flache Hierarchien, bessere Teamarbeit, gerechte Bezahlung und die Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit, später dann Beruf und Familie.

Warum kriegen die Parteien kaum etwas ab von diesem Engagement? Vor dieser Frage dürfen sie sich nicht länger drücken, denn die Demografie ist dabei, den Graben weiter aufzureißen: Das durchschnittliche deutsche Parteimitglied ist 60 Jahre alt. Nur 8 Prozent sind unter 30. Wer also als junger Mann oder als junge Frau in eine Partei eintritt, sieht sich generationenbezogen in einer absoluten Minderheit.

Warum zeigen die Parteien nicht stärker, dass sie an Jugendlichen als Wähler und Mitglieder ebenso interessiert sind wie an den Themen, die diese beschäftigen? Sie sollten moderne Kommunikationsmöglichkeiten besser nutzen, um im Alltag der Jugendlichen präsent zu sein - möglichst interaktiv, sodass junge Menschen eigene Anliegen vortragen und mit echten Personen diskutieren können. Parteien sollten auch mehr Praktika anbieten. Und warum nicht ein freiwilliges soziales Jahr in den Organisationen von Parteien und parteinahen Stiftungen?

Jugendliche sind ein ungeduldiges Publikum

Die Mitwirkung "bei der politischen Willensbildung des Volkes" ist im Grundgesetz als die zentrale Aufgabe der Parteien festgelegt. Wenn sie diesen Anspruch weiterhin erfüllen wollen, dann müssen sie sich öffnen und sorgfältig auf Transparenz ihrer Entscheidungsprozesse achten. Sie sollten sich auch stärker als Lernstätten und Bildungsinstitutionen verstehen, strukturierte Weiterbildung anbieten und jungen Leuten zeigen, wie ein regelgeleitetes Streitgespräch abläuft, wie man Diskussionen leitet, Veranstaltungen moderiert und managt.

Und natürlich auch, wie Zukunftsprobleme entscheidungsfähig gemacht und dann gelöst werden. Denn wie man im komplexen demokratischen System seine Interessen durchsetzt, das verstehen viele jungen Leute nicht. Ihre politischen Muskeln sind nicht trainiert. Oft haben sie nirgends gelernt, wie man sich per Argument und Mehrheitsbildung durchsetzen oder zumindest Gehör verschaffen kann. Deswegen vertreten sie auch ihre eigenen Interessen kaum oder nur durch das Betätigen von "Like-Buttons" in den sozialen Medien, womit sie aber - wie sie schnell feststellen - kaum je etwas bewirken.

Junge Leute wünschen sich die Erfahrung der politischen (Selbst-)Wirksamkeit. Sie wollen spüren, dass sie Dinge verändern können, aber die Parteien ermöglichen das nach ihrer Einschätzung heute nicht. Weil sie die Machbarkeit nicht nachvollziehen können, wenden sie sich ab. Jugendliche sind ein ungeduldiges Publikum.

Offensichtlich aber verspüren die Parteien weniger Handlungsdruck, als objektiv gegeben ist. Die alt gewordenen Mitglieder und die Funktionäre haben sich arrangiert, da könnten junge Leute nur stören. Die Parteiapparate - da haben die Jugendlichen schon recht mit ihrer Einschätzung - sind sich oft selbst genug. Irgendwie haben sie es auch bisher geschafft, ohne sie auszukommen.

Wie wäre es also mit etwas heilsamem Druck, einer Selbstverpflichtung? 20 Prozent Mitglieder unter 30? Eine Jugendquote beim Aufstellen von Kandidaten? Ein finanzieller Anreiz im Rahmen der Parteienfinanzierung? Klar ist, dass unsere Demokratie Schaden nehmen wird, wenn die Parteien so untätig bleiben wie bisher. Das Wahljahr 2017 wäre ein guter Zeitpunkt, um endlich glaubwürdig auf die Jungen zuzugehen.

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