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Kind und Mandat: Mama, Papa, Politik

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Politiker als Eltern Baby-Notstand im Bundestag

Wie managen Politiker ihr Familienleben? Eine neue Studie gibt Einblick in das Leben zwischen Sitzungssaal und Kindergeburtstag. Wie andere Berufstätige auch kämpfen Abgeordnete mit verständnislosen Chefs und blöden Kommentaren - besonders schwer haben es Frauen.

Berlin - Vielleicht sitzt Angela Merkel bald in ihrem Büro im Kanzleramt und wiegt ein Baby in den Armen. Nimmt sich einige Minuten, in denen sie sich ganz Lotte Marie widmet. Lotte Marie ist dreieinhalb Monate alt und die Tochter von Familienministerin Kristina Schröder. Und die kündigte jüngst an, den Nachwuchs bald mit der Kanzlerin bekanntzumachen: "Angela Merkel erkundigt sich immer sehr nett nach Lotte, selbst nach ihren Schlafgewohnheiten", sagte Schröder dem "Wiesbadener Kurier".

Schröder ist die erste deutsche Ministerin, die in ihrer Amtszeit ein Kind bekommen hat, vor vier Wochen kehrte sie aus einer zehnwöchigen Pause an ihren Schreibtisch zurück. Die CDU-Frau ist nicht die einzige mit Kind in der obersten Riege der Politik: SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hat Anfang des Jahres Tochter Ella bekommen, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen(CDU) managt eine Großfamilie mit sieben Kindern. Grünen-Chef Özdemir nahm nach der Geburt seines Sohnes eine mehrwöchige Auszeit.

Kinder und Politik - das ist in Deutschland viel normaler geworden in den vergangenen Jahren, so scheint es zumindest. In Merkels erster Amtszeit haben die Beschäftigten im Kanzleramt viel mehr Kinder bekommen als unter ihrem Vorgänger Gerhard Schröder. Unter Merkel gab es dort zwischen 2005 und Sommer 2008 49-mal Nachwuchs - mehr als doppelt so viele Babys wie in einem vergleichbaren Zeitraum unter Schröder.

Kleinkinder und Babys sind bei Abgeordneten selten

Aber der Eindruck täuscht, wenn es um den Bundestag geht: Dort herrscht Kindernotstand, besonders bei den Frauen. Die Abgeordneten, die dafür sorgen wollen, Beruf und Familie für die Menschen in Deutschland besser vereinbar zu machen, haben selbst besonders große Probleme damit - trotz guter Bezahlung, trotz oft flexibler Arbeitszeiten. Weibliche Abgeordnete haben im Schnitt nur 1,2 Kinder, weniger als der Bevölkerungsdurchschnitt. "Obwohl alle Parteien familienfreundliche Arbeitsplätze fordern, scheint die Politik als Beruf es Eltern besonders schwer zu machen, ihr Familienleben zu pflegen", heißt es in der Studie "Politik mit Kind und Kegel", die die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung in der kommenden Woche vorstellt.

Die Seidel-Stiftung hat Bundestagsabgeordnete befragt, wie sie Job und Familie managen und die Kinderquote der Parlamentarier genauer unter die Lupe genommen.

Die Fakten: Fast ein Drittel aller Abgeordneten ist kinderlos - besonders wenige Mütter und Väter gibt es unter den jüngeren Parlamentariern. Von den 99 30- bis 40-jährigen in der Studie erfassten Politiker haben nur 34 Kinder. Nach Parteien aufgeschlüsselt, ergibt sich ein buntes Bild: Spitzenreiter sind die CSU-Frauen mit durchschnittlich 1,8 Kindern und die Grünen-Männer mit 2,5. Am wenigsten Nachwuchs haben Politiker, die für die Linke im Parlament sitzen. Unter den Frauen sind Grünen-Parlamentarierinnen am häufigsten kinderlos, von den Männern haben die FDPler am wenigsten Kinder. Und: Besonders Kleinkinder und Babys - deren Betreuung naturgemäß am aufwendigsten ist - sind im Bundestag noch eine Rarität.

Schikane vom Chef

Die Interviewausschnitte, die in der Studie anonym veröffentlicht sind, geben persönliche Einblicke. Als besonders problematisch empfinden viele das häufige Pendeln zwischen Berlin und dem eigenen Wahlkreis. Parlamentarierinnen berichten von Trennungsschmerz: "Und als ich ein paarmal sonntags nach Berlin musste, da hat sie wirklich geweint und gesagt: 'Jetzt musst du auch noch sonntags arbeiten gehen.'" Eine andere meint: "Es gibt wirklich Zeiten, da tut es weh".

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Bei Politikern geht es keineswegs emanzipierter zu als bei Durchschnittsdeutschen - möglicherweise ein Grund dafür, warum Frauen im Parlament so wenige Kinder haben. Bei männlichen Abgeordneten übernimmt laut der Studie die Frau zu Hause meist die Familienarbeit, Politikerinnen können viel seltener auf diesen Rückhalt ihrer Männer setzen. Eine Abgeordnete berichtet: "Ich verzichte auch auf einiges, ich sage auch mal Termine ab. Mehr, als mein Mann das tut." Größte Hilfe bei der Vereinbarkeit von Mandat und Nachwuchs sind oft die Großeltern, die häufig quer durch Deutschland eilen, um für ihre Enkel zu sorgen.

Manchmal hilft nur ein geblocktes Zeitfenster im Kalender, damit Abgeordnete Zeit für ihre Kinder haben - und loyale Mitarbeiter. "Gute Mitarbeiter sind wirklich Gold wert. Die dann auch Verständnis haben, wenn ich sage: 'Leute ich kann heute nicht, ich muss zum Sportfest, lasst euch was einfallen, haltet mir den Rücken frei, und selbst wenn die Welt untergeht, macht es einfach.'"

Verständnis bei Kollegen ist längst nicht immer vorhanden: Ein Abgeordneter berichtet sogar von Schikane. Es ging um eine wichtige Abstimmung, der Befragte wollte gegen eine Reform stimmen. Als an einem Abend das Telefon klingelte, gab er gerade seiner sechs Monate alten Tochter das Fläschchen. "Es war der parlamentarische Geschäftsführer dran und sagt, dass ich morgen nicht mit Nein stimmen kann. Dann habe ich gesagt, wir können später telefonieren, ich füttere gerade mein Kind. Ist nicht akzeptiert worden, dann bin ich angeschrien worden. Und da habe ich mein Handy einfach ausgeschaltet."

Auch Politikerinnen müssen mit Anfeindungen fertigwerden, wenn sie sich als Mutter für ein Mandat entschieden haben und ihre Kinder von Vätern, Großeltern oder Kindermädchen betreut werden. "Denk doch auch mal an dein Kind!" - das sei ihr mehrfach geraten worden, erzählt eine Interviewte. "Das wurde mehrfach in der Fraktion ausgesprochen. Gerade bei den älteren Männern, sogar bei älteren Frauen." Eine andere berichtet: "Auch die Leute aus dem Wahlkreis, gerade die Älteren, sagen: 'Mir tut Ihr Kind total leid.' Dann sage ich: 'Mir nicht, es geht ihr gut.'"

Fazit des Papiers: Politikerinnen, die Mütter sind, stehen oft unter Druck von allen Seiten, unter starker Beobachtung. Viele Politikerinnen zögen es deshalb vor, "die Elternschaft nicht zu thematisieren - geschweige denn ein Betreuungsproblem oder besondere Belastungen zu artikulieren", schreiben die Autorinnen der Studie. Der Grund: Sie fürchteten auch politische Nachteile.

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