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Alexander Neubacher

Politiker am Pranger Hilfssheriff Böhmermann und die Corona-Petzen

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Nein, es ist nicht in Ordnung, Paparazzi-Fotos von Politikern zu machen. Selbst wenn diese gegen das Maskengebot verstoßen. Und man sollte die Fotos auch nicht auf Twitter verbreiten.
aus DER SPIEGEL 34/2020
Politikertreff Borchardt in Berlin

Politikertreff Borchardt in Berlin

Foto:

? Fabrizio Bensch / Reuters/ REUTERS

Seit Corona jagen Berliner Paparazzi ein neues Ziel: Polit-Promis oben ohne Maske. FDP-Chef Christian Lindner erwischten sie im Mai vor einem Restaurant, als er seiner Begleitung zum Abschied noch einmal herzlich um den Hals fiel; den Mundschutz hatte er unter dem Kinn. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann wurde Mitte Juni unverhüllt am Flughafen Tegel abgeschossen: Er knusperte Schokolinsen. Vergangenes Wochenende traf es Ricarda Lang, Vizechefin der Grünen. Ein eifriger Mitreisender fotografierte sie ohne Maske im ICE. Er selbst hatte sich dazu offenbar hinter zwei Rückenlehnen versteckt. Man kennt diese Art Aufnahmen aus dem Stasi-Museum an der Normannenstraße in Berlin.

Auf Social Media sorgten die Fälle für Furore. Politiker ohne Maske: Skandal, Skandal, Skandal! Bei Lindner kam verschärfend hinzu, dass es sich bei seiner Begleitung um einen Honorarkonsul von Belarus handelte, kein liberales Vorzeigeland. Der langjährige ZDFneo-Moderator Jan Böhmermann war über Lindner so empört, dass er dessen Oben-ohne-Foto sogar mehrmals an seine 2,1 Millionen Follower verteilte, zuletzt noch vor einigen Tagen.

Im Fall von Ricarda Lang war es die McDonald's-Tüte auf dem Tisch, die einige Kritiker zusätzlich anstachelte. Eine grüne Parteifreundin hatte kurz zuvor ein TV-Werbeverbot für Fast Food gefordert. "Lass es dir schmecken, Ricarda!", twitterte nun die digitalpolitische Sprecherin der AfD-Bundestagsfraktion, Joana Cotar. Neben dem Schnappschuss brachte sie sogar noch das Wort "übergewichtig" unter; da lachte das rechte Gefolge.

Nun gehöre ich nicht zu den Menschen, die Masken- und Abstandsgebote für überflüssig halten, im Gegenteil. Ich finde sie sinnvoll und zumutbar. Wäre schön, wenn sich alle dran hielten.

Nicht einmal Böhmermann dürfte von sich behaupten, immer alles richtig zu machen.

Ich glaube aber, dass wir in Teufels Küche kommen, wenn Corona-Petzen mit der Handykamera auf Politikerjagd gehen und Hilfsheriffs wie Böhmermann und Cotar die Fotos dann ausbreiten. Mag sein, dass man den Schutz der Privatsphäre bei ZDFneo für Spießertum hält und bei der AfD für Systemhörigkeit. Aber nach meiner Auffassung haben auch Politiker Persönlichkeitsrechte, zumal wenn sie im Feierabend sind.

Das entschuldigt kein Fehlverhalten. Doch ein Verstoß gegen die Maskenpflicht ist deutlich zu wenig, um abfotografiert und an den Pranger gestellt zu werden. Ich vermute, dass kein Mensch, womöglich nicht einmal Jan Böhmermann, von sich behaupten kann, in Sachen Corona immer alles richtig zu machen.

Am Anfang dieser Pandemie war oft zu lesen, die Krise bringe das Gute in den Menschen hervor: Rücksicht, Achtsamkeit und Solidarität. Dieser fromme Wunsch hat sich leider nicht erfüllt. Mein Eindruck ist, dass die Entwicklung in die andere Richtung geht. Erstaunlich, wie schnell Anstand und Respekt zerbröseln können, wenn unsere Gesellschaft unter Druck gerät.

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