Politiker Kohl Naturgewalt in Filzpantoffeln

Gut und böse, Zuneigung und Ablehnung, Treue und Verrat: Helmut Kohl folgte stets seinem Instinkt und hielt sich mit diesem Kalkül so lange im Kanzleramt wie kein anderer. Das Schwarz-Weiß-Denken des einst mächtigen Staatsmanns ist legendär - bis heute.

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Von Karl-Ludwig Günsche


Er hat mit dem eher grobschlächtigen Boris Jelzin in der Sauna geschwitzt und dem feinsinnigen François Mitterrand über den Gräbern von Verdun in einer rührenden Geste die Hand gehalten - und die beiden so unterschiedlichen Männer nannten ihn ihren Freund. Helmut Kohl - ein Menschenfischer? Nur bedingt.

Kohl instrumentalisierte seine Mitmenschen. Herz (aber keine Herzlichkeit) und Gemüt, nicht der Intellekt waren dabei die Waffen dieses Mannes, der in Strickjacke und in Pantoffeln eine der größten Wirtschaftsnationen der Welt regiert hat. Der "biedere Charme eines besorgten Hausvaters" (so sein Studienkollege Ansgar Fürst) war seine Aura, nicht die "Eiseskälte der Macht".

Kohls Fähigkeit, seine Erfahrungswelt im kleinen pfälzischen Oggersheim ungebrochen auf die große Weltpolitik zu transferieren, machten seine Faszination aus, für andere Staatsmänner ebenso wie für den Mann auf der Straße. Kohl blieb stets unverrückbar im Zentrum seines ureigenen Universums verankert. "Der direkte Zugang zu Menschen ist die Methode, mit der sich Helmut Kohl die Welt erschließt," schreibt der frühere SPIEGEL-Korrespondent Jürgen Leinemann. "Er nähert sich anderen instinktgelenkt auf der Gefühlsebene, wittert Sympathie oder Abneigung."

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Die Kohls: Aus dem Leben einer Familie
Kohl selbst schrieb sich eine "Witterung für Feinde" zu, eine Fähigkeit zum Schwarz-Weiß-Fühlen und -Denken, die im Laufe seiner Kanzlerschaft und vor allem nach seinem Sturz einem generellen Misstrauen gegenüber seinen Mitmenschen wich. "Von Helmut Kohl ist bekannt, dass er nur zwei Sorten von Menschen kannte: diejenigen, die für ihn, und diejenigen, die gegen ihn waren. So teilte er auch Journalisten ein," konstatiert Michael Spreng, langjähriger Chefredakteur von "Express" und "Bild am Sonntag".

"Treue" ist das Schlüsselwort für Kohls Verhältnis zu anderen

Wer seine Gunst gewonnen hatte, wurde gefördert, mit Ämtern und Pfründen versehen, hatte Zugang "bei Hofe", bekam als Journalist Einladungen und Interviews. Jean-Claude Juncker lobt Kohls "Sinn für Freundschaft und Treue im Umgang mit anderen" uneingeschränkt.

"Treue" ist das Schlüsselwort für Kohls Verhältnis zu anderen. Treue erwartete er, Gefolgschaftstreue. Wehe, er witterte Verrat. Von Biedenkopf über Geißler, Weizsäcker bis zu Schäuble mussten viele frühere Günstlinge zum Teil bitter erfahren, wie rachsüchtig der scheinbar so biedere und gefühlvolle Pfälzer sein konnte. Er stieß die Abtrünnigen nicht nur aus seinem "Hofstaat" aus. Er verfolgte sie, wollte sie vernichten. Mit seiner "Männerfreundschaft" hat er am Ende sogar seinen heftigsten Gegner, Franz Josef Strauß, erdrückt.

Kohl hat schon als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident, verstärkt aber als CDU-Chef und Kanzler systematisch Herrschaftswissen gesammelt und setzte es brachial ein, um Abhängigkeiten zu schaffen und Vasallen zu gewinnen. In seinem legendären "schwarzen Büchlein" hielt er, so ließ er kolportieren, vieles fest, was er später für oder gegen andere nutzen wollte.

Kohl wusste immer sehr genau, wie einschüchternd er wirken konnte. "Er setzt, wenn er jemandem gegenübersteht, ganz ungeniert die Wucht seines großen, massigen Körpers ein, verbunden mit einer Seele, die wie eine Dampfwalze über Widersprüche hinweggehen kann", erklärt der frühere Innenminister im Kabinett Kohl, Friedrich Zimmermann, die Wirkung dieses Mannes mit dem dröhnenden Selbstbewusstsein.

"Komm, mach mal ein Interview"

Journalisten waren für Kohl eine lästige Randerscheinung der Macht. "Ich brauch' die alle nicht", erklärte er trotzig und trutzig, als er 1976 aus Mainz nach Bonn wechselte. In Rheinland-Pfalz, als Ministerpräsident, war er noch der "schwarze Riese", der "junge Wilde" in der CDU, hatte er mit seinem pfälzischen Dialekt für die Hauptstadt-Journaille noch den Hauch des Exoten. In Bonn wirkte er in seinen schlecht sitzenden Anzügen und den durchsichtigen Nyltest-Hemden provinziell - und wurde als "Birne" verhöhnt und verspottet. Es machte schnell die Runde, wenn er wieder einmal bei seinem Lieblings-Italiener auf dem Bonner Heiderhof von Tisch zu Tisch gegangen war und den Gästen ungeniert auf die Teller geguckt hatte.

An Kohl schienen Hohn, Spott und die zahlreichen Kohlwitze abzutropfen. Die Bonner Korrespondenten teilte er sehr schnell in "Gute" und "Böse". Die "Guten" lud er zu oft ausufernden, weinseligen Hintergrundgesprächen, fütterte sie gezielt mit Informationen, gewährte ihnen Interviews, nahm sie auf Auslandsreisen mit. Aber er ließ sie auch immer wieder seine tiefe Verachtung spüren, wenn er zum Beispiel einem seiner Günstlinge während einer Wahlkampfreise auf die Schulter schlug und ihn mit einem kumpelhaften "Du" gönnerisch aufforderte: "Komm, mach mal ein Interview."

Eine Weigerung, dem Ansinnen zu folgen, hätte unweigerlich den Ausschluss "bei Hofe" zur Folge gehabt. Über Journalisten, von denen er sich ungerecht behandelt fühlte, beschwerte er sich persönlich in den Chefredaktionen, leider nicht immer und überall ohne Erfolg. Wer ihn kritisierte, wurde von Auslandsreisen und Hintergrundrunden in einer Gnadenlosigkeit ausgeschlossen, wie sie sonst nur noch Joschka Fischer praktiziert hat. Der damalige ZDF-Moderator Hanns Joachim Friedrichs hatte ihn als junger Redakteur in Mainz einmal mit einer kritischen Frage geärgert. Kohl habe ihm das nie verziehen, erzählte das spätere Gesicht der ARD-"Tagesthemen" in seinem letzten Interview vor seinem Tod 1995. Einen US-Korrespondenten kanzelte Kohl in Tokio einmal ab: "Sie stellen keine Frage, sondern setzen Ihre Vorurteile hier ab."

Verhaftet in seiner einfachen Welt von Gut und Böse

Wer bei Kohl zum Interview erschien, musste darauf gefasst sein, dass der ihm erst einmal wütend vorhielt, wann ihn wer in dessen Blatt angeblich beleidigt hatte. Dann erst beantwortete er gönnerhaft Fragen, nicht ohne immer wieder deren Qualität oder die Qualifikation des Interviewers in Frage zu stellen. Nur in den zum Ende seiner Kanzlerschaft sich häufenden rührseligen Momenten kannte er keine Guten und Bösen mehr, da kannte er nur noch Deutsche.

Der Rückflug aus Moskau, nachdem er dort mit Hans-Dietrich Genscher die deutsche Einheit festgezurrt hatte, war einer dieser Momente. Er scharte alle Mitreisenden um sich, hob das Glas mit dem eilends beschafften Krimsekt und brachte einen Toast aus, "auf Deutschland". Dazu blinzelte er die Tränen der Rührung weg. Begegnungen mit Helmut Kohl hatten zu seinen Glanzzeiten immer etwas vom Zusammentreffen mit einer Naturgewalt an sich.

Inzwischen ist Kohl von Krankheit gezeichnet. Von dem "Mann wie ein Eichenschrank" (Rolf Zundel in der "Zeit") ist kaum noch etwas übrig geblieben. Er ist endgültig das geworden, was ihm Joschka Fischer einmal höhnisch, aber nicht ohne Respekt prophezeit hat: "Drei Zentner Fleisch gewordene Vergangenheit", im Umgang mit Menschen und der Welt jedoch immer noch verhaftet in seiner einfachen Welt von Gut und Böse.



insgesamt 871 Beiträge
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Seite 1
JürgenMeyer, 09.07.2011
1.
Zitat von sysopWährend seiner Amtszeit trennte ex-Bundeskanzler Helmut sein Privatleben streng vom politischen Alltag. Jetzt holen ihn Familienprobleme und persönliche Dramen ein, Einzelheiten dringen in immer größerer Zahl an die Öffentlichkeit. Beschädigt dies sein Ansehen als Staatsmann?
Helmut Kohl war ein provinziell denkender Kanzler aus den Rheinland und nie ein Weltbürger oder Staatsmann. Die Deutsche Einheit hat er so schlecht reslisiert, so dass sie eine Billion €uro kostete und diese Staatsschulden und diese Einheit auf Pump wurde in der Folgezeit das größte Problem der deutschen Geschichte danach. Eine Million Industriearbeitsplätze hat er in der ehemaligen DDR vernichtet und den Osten durch die übereilte Einführung der DMark deindustrialisiert. Er war immer in der Kalten-Kriegs-Denke stecken geblieben. Und da liefen auch dubiose Geschäfte ab, wenn man an den undurchsichtigen Verkauf der DDR Tankstellenkette Minol und die Leunawerke an den französischeb Konzern Elf Aquitaine u.a. denkt . Ein Staatsman war er ganz sicher nie und ich denke, dass diese privaten Streitereien mit seinen Kindern etwas mit seiner eigenen Unzufriedenheit zu tun haben.
Kurt2, 09.07.2011
2. #1
Zitat von sysopWährend seiner Amtszeit trennte ex-Bundeskanzler Helmut sein Privatleben streng vom politischen Alltag. Jetzt holen ihn Familienprobleme und persönliche Dramen ein, Einzelheiten dringen in immer größerer Zahl an die Öffentlichkeit. Beschädigt dies sein Ansehen als Staatsmann?
Nein, ich denke, es beschädigt eher das Ansehen derjenigen, die ihn nicht in Ruhe lassen können. Das hat das Niveau der "Bunten".
realistano 09.07.2011
3. nein
Zitat von sysopWährend seiner Amtszeit trennte ex-Bundeskanzler Helmut sein Privatleben streng vom politischen Alltag. Jetzt holen ihn Familienprobleme und persönliche Dramen ein, Einzelheiten dringen in immer größerer Zahl an die Öffentlichkeit. Beschädigt dies sein Ansehen als Staatsmann?
Wenn ihm die Spendenaffäre nicht sonderlich geschadet hat, dann tut die Kleinigkeiten ihm auch nicht weh.
klauslynx 09.07.2011
4. Welches Ansehen ?
Zitat von Kurt2Nein, ich denke, es beschädigt eher das Ansehen derjenigen, die ihn nicht in Ruhe lassen können. Das hat das Niveau der "Bunten".
Ein Ansehen als "Staatsmann" oder bedeutsame Persönlichkeit hat er sicherlich nicht erworben. Eher die Statur eines von Machtgier besessenen Politikers den sein Amtseid nicht am "Bimbes" besorgen störte und sein "Ehrenwort" über das von ihm beeidete Rechtssystem stellte. Das ungestraft zu tun konnte auch nur in Deutschland mit seiner Justiz passieren. Als Mensch einfach unsäglich.
Revarell 09.07.2011
5.
Zitat von klauslynxEin Ansehen als "Staatsmann" oder bedeutsame Persönlichkeit hat er sicherlich nicht erworben. Eher die Statur eines von Machtgier besessenen Politikers den sein Amtseid nicht am "Bimbes" besorgen störte und sein "Ehrenwort" über das von ihm beeidete Rechtssystem stellte. Das ungestraft zu tun konnte auch nur in Deutschland mit seiner Justiz passieren. Als Mensch einfach unsäglich.
Das kann ich unterstreichen! Weiterhin haben wir Kohl auch seine Nachfolgerin Merkel zu verdanken die von ihm protegiert und aufgebaut wurde!
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