Parteinachwuchs Von diesen Politikerinnen unter 30 werden Sie 2021 noch hören

Der Bundestag ist deutlich älter als die deutsche Bevölkerung – weniger als zwei Dutzend Abgeordnete sind 30 Jahre oder jünger. Doch neue Talente drängen in die Politik. Hier sind fünf von ihnen.

Die Jungen bringen sich in Stellung. Mit Fridays For Future übt die größte Jugendbewegung der Neuzeit seit einigen Jahren Druck auf die Politik aus, nun drängen immer mehr junge Frauen und Männer auch in politische Ämter.

Der Bundestag hätte eine Frischzellenkur bitter nötig. Nur 23 der insgesamt 709 Abgeordneten waren zu Beginn der Legislaturperiode im Oktober 2017 30 Jahre oder jünger – ein Anteil von 3,2 Prozent. Zwar hat sich die Altersverteilung in den vergangenen Jahrzehnten der Situation in der Bevölkerung etwas angenähert, doch noch immer ist die junge Generation im Bundestag deutlich unterrepräsentiert. Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist in Deutschland gut ein Drittel der Menschen 30 Jahre oder jünger.

Doch es tut sich was – wenn auch der Generationenwechsel nicht zwingend einen Ansturm junger Menschen auf Bundestagsmandate bedeutet: Manche mischen lieber in der Lokalpolitik mit, andere wirken vor allem im Netz.

Hier sind fünf Talente, die 2021 wichtig werden könnten.

Lilly Blaudszun (SPD)

19 Jahre, aus Frankfurt (Oder)

Die SPD-Nachwuchspolitikerin Lilly Blaudszun

Die SPD-Nachwuchspolitikerin Lilly Blaudszun

Foto: Jens Büttner / dpa

Sie bekleidet kein politisches Amt, trotzdem werden innerhalb der SPD im kommenden Jahr viele auf sie hören: Lilly Blaudszun wird 2021 die Parteispitze im Bundestagswahlkampf beraten. Ihre Kernkompetenz: politisches Influencen.

Die Jurastudentin ist längst zur zeitgemäßen Vorzeigegenossin geworden: jung, weiblich, ostdeutsch und bestens vernetzt. Auf Twitter folgen ihr knapp 31.000 Menschen, bei Instagram sind es 16.500 Abonnentinnen und Abonnenten. Die SPD-Oberen posieren regelmäßig mit Blaudszun für Selfies. Zu einem Foto mit Kanzlerkandidat Olaf Scholz schrieb sie: »Ich präsentiere: das süßeste Bild, das von Olaf Scholz existiert.«

»Mein Ziel war es schon immer, mit meiner Meinung – die hoffentlich auch die einer breiteren Masse der Generation Z ist – ernst genommen zu werden.«

Lilly Blaudszun

Zwischen dem sozialen Flausch bleibt immer auch Platz für Politik. Blaudszun kämpft gegen den Klimawandel und für gerechte Bildungschancen, den Osten möchte sie aufgewertet wissen. Dass die gebürtige Mecklenburgerin zum Studium nicht »rübermachte«, sollte ein bewusstes Statement sein.

Generell sei es an der Zeit für einen Generationenwechsel, sagt Blaudszun. In der Coronakrise hätte der Bundestag über alles Mögliche diskutiert, nur nicht über junge Menschen. Ihre Generation würde die große Sorge umtreiben, wer für die Milliardenhilfen eines Tages aufkommen soll. »Politikerinnen und Politiker sollten der jungen Generation endlich auf Augenhöhe begegnen und sie mitbestimmen lassen.«

Marco Böhme (Die Linke)

30 Jahre, aus Leipzig

Der Linkenabgeordente Marco Böhme

Der Linkenabgeordente Marco Böhme

Foto: DIE LINKE. Sachsen

Das Jahr der Corona-Pandemie habe ihm gezeigt, »dass wenn man wirklich etwas politisch will, es auch möglich ist«, sagt Böhme. Immer wieder hätten sich Regierende herausgeredet, warum hier oder dort Gelder oder Gesetze nicht möglich seien – in der Coronakrise wurde dann plötzlich schnell und entschlossen gehandelt. »Ich wünsche mir das auch für andere dringende Herausforderungen – wie bei der Bekämpfung des Klimawandels oder der Armut in Deutschland

Marco Böhme hat sich in den vergangenen zwölf Jahren in der sächsischen Linkspartei hochgearbeitet, von der Leipziger Linksjugend zum Landtagsmandat 2014 und zum stellvertretenden Fraktionsvorsitz seit 2017. Er sitzt im Klima- und im Wirtschaftsausschuss, engagiert sich in Umweltverbänden und – nicht unumstritten – bei »Ende Gelände«. 2016 schimpfte ihn ein CDU-Abgeordneter »Terrorist«, weil sich Böhme an Gleisbesetzungen in der Lausitz beteiligt hatte.

»Sachsen ist mittlerweile ein Failed State – eine Zumutung für die Demokratie, die Vernunft und ein progressives Leben. Das will ich ändern.«

Marco Böhme

Der Linkenpolitiker kontert, seine Partei sei »die einzig verbliebene konstruktive Opposition« im Freistaat. Die CDU habe Sachsen in den vergangenen 30 Jahren »selbstgerecht« herunterregiert, sei es mit Blick auf die schleppende Klimapolitik, auf grassierende rechtsnationale Ausschreitungen oder auf Demokratievereine und Zivilverbände, »die gerade am langen Arm des Finanzministers verdursten«.

Sein Wunsch für 2021: Der Freistaat solle ein bisschen mehr wie seine Heimatstadt Leipzig werden. Wenn man so wolle, gehöre die Stadt gar nicht zu Sachsen, »könnte aber ein gutes Vorbild sein«. 

Lilli Fischer (CDU)

20 Jahre, aus Erfurt

Die CDU-Stadträtin Lilli Fischer

Die CDU-Stadträtin Lilli Fischer

Foto: Paul Blau

Die CDU ist im Erfurter Stadtrat mit zehn Amtsträgerinnen und Amtsträgern vertreten, sechs davon sind unter 40. Mit Abstand die jüngste: Lilli Fischer. Gerade 19 Jahre alt war die Erfurterin, als sie stellvertretende Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat wurde. Nur ein Jahr später erlebte sie ihr erstes politische Beben.

Die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten mit CDU- und AfD-Stimmen im Thüringer Landtag löste eine Regierungskrise aus, Fischer war als CDU-Mitglied hautnah dabei. »Ich habe gelernt, wie wichtig Stabilität für meine Heimat ist«, sagt Fischer heute. »Und wie wegweisend es ist, Partei-Interessen zum Wohle des Landes auch hintenanzustellen.« Nun steht in Thüringen wieder eine Landtagswahl an, Fischer hofft auf einen möglichst kurzen und intensiven Wahlkampf.

»Die Pandemie sollte kein Wahlkampfthema sein. Ich denke, dass wir, völlig zu Recht, über Klimaschutz und Klimawandel reden werden.«

Lilli Fischer

Die Lehramtsstudentin ist CDU-Politikerin durch und durch, aktiv in der Jungen Union und beim RCDS, trägt ein Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung, unterstützt Norbert Röttgen im Kampf um den Parteivorsitz. Abseits der Politik engagiert sie sich im Karneval und in Ehrenämtern. Ihr Instagram-Profil trägt die Schlagworte: »Politik. Karneval. Heimatliebe.« Kürzer und präziser kann man Lilli Fischer wahrscheinlich nicht beschreiben.

Ihr sei wichtig, für ihre politische Arbeit wahrgenommen zu werden. Dass ältere Politiker Kompetenz allein am Alter festmachen, schade dem Nachwuchs: »Junge Politikerinnen und Politiker müssen nachrücken, um Erfahrungen sammeln zu können.« Fischer selbst fokussiert sich vor allem auf Bildungs- und Familienpolitik.

Ria Schröder (FDP)

28 Jahre, aus Hamburg

Die FDP-Politikerin Ria Schröder

Die FDP-Politikerin Ria Schröder

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Ria Schröder entdeckte ihre Liebe zur FDP ausgerechnet während einer ihrer schwersten Krisen – als die Partei 2013 den Einzug in den Bundestag verpasste. Für die damals 21-Jährige war die FDP dennoch die Partei, die am ehesten ihren Wertevorstellungen entsprach: liberal, weltoffen, wenig konservativ.

Seither hat Schröder eine rasche Karriere in der FDP hingelegt. Zweieinhalb Jahre lang war sie Vorsitzende der Jungen Liberalen, seit 2019 ist sie Beisitzerin des FDP-Bundesvorstands. Wie viele ihrer Generation sorgt sich Schröder um die Klimakrise und das Mitspracherecht der Jüngeren. Als JuLi-Vorsitzende hatte sie unter anderem die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre gefordert, als Mitglied der »Jungen Rentenkommission« setzt sie sich für eine Überarbeitung der Rentenversicherung ein.

»Ich möchte dafür sorgen, dass junge Menschen und besonders junge Frauen in unserer Demokratie mitmachen, sich engagieren, kandidieren, diskutieren.«

Ria Schröder

Dass ein besseres Miteinander möglich sei, habe ihr ausgerechnet die Corona-Pandemie bewiesen: »2020 hat mir gezeigt, dass unsere Gesellschaft viel rücksichtsvoller und solidarischer ist, als gern behauptet wird.«

Die Politik könne entsprechend viel vom gesellschaftlichen Zusammenhalt lernen: mit harten Debatten auf der einen Seite, aber einem Grundvertrauen in Wissenschaft und Fakten auf der anderen. »Statt Abstiegsängsten Vorschub zu leisten«, will Schröder 2021 zum »Chancenjahr« machen.

Was das sein soll? Ein möglichst rascher flächendeckender Ausbau digitaler Infrastruktur, Gründerinnenbonus unabhängig von Arbeitslosigkeit und ohne unnötige Bürokratie, mehr Digitalisierung in Schulen. Fehlt nur noch das passende Amt für all die Pläne.

Hanna Steinmüller (Grüne)

27 Jahre, aus Berlin

Das Superwahljahr 2021 begann für Hanna Steinmüller bereits im Oktober. Da wurde die Nachwuchspolitikerin Direktkandidatin der Grünen für den Wahlkreis Berlin-Mitte, im kommenden Herbst will sie in den Bundestag einziehen. Die 27-Jährige gewann mit 154 von 190 Stimmen gegen den nahezu doppelt so alten ehemaligen Bundestagsabgeordneten Özcan Mutlu. 

Der Aufstieg im größten Berliner Grünen-Kreisverband war rasant: Steinmüller ist seit 2014 bei den Grünen, seit 2016 im Landesvorstand, dort zuständig für Neumitglieder und Diversität. Seit April 2020 ist sie Mitglied in der Bezirksverordnetenversammlung und dort Sprecherin für Klimaschutz.

»Neben dem Kampf gegen die Klimakrise müssen wir endlich dafür sorgen, dass jeder Mensch in Deutschland teilhaben kann.«

Hanna Steinmüller

Das Klima soll auch ihr Thema für 2021 werden. Der Klimakrise müsse »ähnlich konsequent« begegnet werden wie der Corona-Pandemie, sagt Steinmüller. »Denn das, was auf uns zu kommt, wird einschneidender und gefährlicher als alles, was wir gerade erleben.« 

Aus der Pandemie nimmt Steinmüller aber nicht nur Alarmismus mit: Die Einschränkungen hätten gezeigt, dass Gleichberechtigung und Teilhabe immer noch unfair verteilt seien in Deutschland. Kinder aus armen Familien seien die besonderen Verliererinnen und Verlierer dieser Krise. Die Sozialwissenschaftlerin will für eine Kindergrundsicherung und bessere Schulen und Bibliotheken streiten. Sie hofft, dass die Grünen im Herbst »Regierungsverantwortung übernehmen und Veränderungen anstoßen«. 

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