Politiker-Nebenjobs Haustiere, Briefmarken, Fertighäuser

Vorträge bei Küchenherstellern, auf Modemessen, ein Zubrot beim Vollblutzucht-Verband: Die Nebeneinkünfte-Liste der Abgeordneten bringt skurrile Zweitjobs der Politiker ans Licht - die allerdings oft lukrative Honorare versprechen.

Von Carolin Jenkner


Berlin - Neid spielt in der Debatte um die Nebeneinkünfte der Bundestagsabgeordneten immer mit. Aber wenn man sich genau anschaut, wofür einige Abgeordnete ihre Bonus-Euro bekommen - dann will man vielleicht gar nicht mehr mit ihnen tauschen.

FDP-Politiker Westerwelle, Gerhardt: Von Musterküchen und Fertighäusern
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FDP-Politiker Westerwelle, Gerhardt: Von Musterküchen und Fertighäusern

Zum Beispiel bei einer der beliebtesten Nebentätigkeiten: Redner auf Veranstaltungen. Der Politiker kann an seinen rhetorischen Fertigkeiten feilen und gleich noch etwas dazuverdienen. Dafür werden auch ausgefallene Gelegenheiten genutzt.

Der perfekte Job für FDP-Chef Guido Westerwelle, der stets druckreif spricht. Deswegen bekam er wohl mindestens 7000 Euro für einen Vortrag vor der "Fertighaus WEISS GmbH" in Oberrot - nur einer von 14 Vorträgen in dieser Legislaturperiode. Thematisch liegt er nah an seinem Parteikollegen Wolfgang Gerhardt, der im Rahmenprogramm eines Gipfeltreffens zur Innenausstattung von Fertighäusern gebucht war: Für einen Vortrag auf einer Konferenz zu Musterhausküchen erhielt er 2006 ebenfalls mehr als 7000 Euro.

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel, immer braungebrannt, zeigte sich im Frühjahr modebewusst. Zumindest referierte er bei der "Igedo Internationalen Modemesse Kronen GmbH" in Düsseldorf und strich dafür ein Honorar zwischen 3500 und 7000 Euro ein.

Der Termin war vermutlich glamouröser als der Vortrag des CDU-Abgeordneten Klaus W. Lippold beim Verband der Fenster- und Fassadenhersteller, für den er irgendeine Summe zwischen 1000 und 3500 Euro bekam.

Der ehemalige Außenminister und frühere Grünen-Abgeordnete Joschka Fischer liegt eine Gehaltsstufe höher - und flog auch weiter: Im März 2007 war er "Washington Speaker" in Dubai. Mittlerweile widmet er sich ganz seiner Redner- und Dozententätigkeit und hat sein Bundestagsmandat abgegeben.

Einige Abgeordnete betätigen sich auch gern als Kolumnisten. So schrieb Gregor Gysi, Vorsitzender der Linkspartei, neben seinem Mandat und Anwaltsjob als "Publizist" für die Super-Illu, die meistgelesene Boulevardzeitschrift in Ostdeutschland. Sein Parteikollege Oskar Lafontaine war jahrelang Autor der "Bild"-Zeitung. Monatlich bekam er dafür zwischen 3500 und 7000 Euro.


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Julia Klöckner von der CDU, ehemalige deutsche Weinkönigin, fungiert gar als Chefredakteurin des "Sommelier"-Magazins und bekommt dafür ein monatliches Salär zwischen 1000 und 3500 Euro.

Patrick Döring von der FDP und der Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert von der CDU sind in ihrer Freizeit eher mit Tieren beschäftigt. Döring als Vorstandsmitglied der "AGILA Haustier-Krankenversicherung AG" in Hannover und Borchert als Präsident des "Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen e.V." in Köln. Beide erhalten mehr als 7000 Euro im Jahr.

Briefmarkensammler hätten vielleicht gerne den Nebenjob des CSU-Abgeordneten Ernst Hinsken. Er ist beim Finanzministerium Mitglied des "Programmbeirates Sonderpostwertzeichen" - wenn auch ehrenamtlich.



insgesamt 708 Beiträge
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Seite 1
Nik-Las 05.07.2007
1.
Zitat von sysopDer Bundestag hat im Internet die Nebeneinkünfte der Abgeordneten veröffentlicht - doch Klarheit ist noch lange nicht geschaffen. Braucht Deutschland den gläsernen Politiker?
Unsere Politiker sind letztendlich ebenso Menschen wie du und ich und aus diesem Grunde darf ein Politiker nur in seiner Aufgabe als solcher gläsern sein. Im Privatleben und sonstigen Aktivitäten müssen für Politiker die gleichen Rechte gelten wie für den Rest der Bevölkerung auch. Seine Glaubwürdigkeit sollte ein solcher Politiker nicht durch die Veröffentlichung seiner Tätigkeiten unterstreichen müssen.
filosofem, 05.07.2007
2.
Respekt vor so fleißigen Vertretern des Volkes, wie Herrn Friedrich Merz, 8x Stufe 3 und das 12 Monate im Jahr macht mind. 56.0001 Euro / Monat an Nebeneinkünften. Was aber noch viel interessanter ist, ist die Tatsache, das man neben seinem Abgeordnetenmandat (für mich eigentlich ein FullTime Job) noch die Zeit hat, in 8 verschiedenen und dazu internationalen Unternehmen in einem so hohen Maße tätig zu sein, um dafür über 7000Euro /Monat zu bekommen ... Respekt Herr Merz, das nenne ich mal eine effiziente Arbeitszeitaufteilung um der sie jeder Bürger in diesem Lande beneiden wird ... von den (Neben)Einkünften ganz zu schweigen.
Parzival v. d. Dräuen 05.07.2007
3.
Zitat von sysopDer Bundestag hat im Internet die Nebeneinkünfte der Abgeordneten veröffentlicht - doch Klarheit ist noch lange nicht geschaffen. Braucht Deutschland den gläsernen Politiker?
Unbedingt. Mit ist es ein Rätsel, was daran zu diskutieren wäre. Besänftigt mein Mißtrauen, zollt dem Wähler Respekt und erklärt damit verbindlich, warum ihr einen Standpunkt im Hinterzimmer der Macht so nachhaltig vertretet. Jeder MdB ist mir Rechenschaft schuldig. In manchen Fragen sogar bis in das Wohnzimmer, wenn nicht in das Schlafzimmer hinein. Cui bono und Pfui Lohno. Lobby ist kein Hobby. Tear down the wall, Mister Räuberchov. Da ist der Pfennig, wo ist die Mark?!
KurtNBach, 05.07.2007
4. Totale Kontrolle
Der Staat übt inzwischen totale Kontrolle über die Einkünfte seiner Bürger aus. Er hat kompletten Einblick auf alle Konten und Anlagen, und der kontrollierte Bürger soll es nicht einmal erfahren. Da finde ich es nur recht und billig, dass diejenigen, die dies möglich gemacht haben, offenlegen, bei wem sie die Hand aufhalten und für welche Interessenvertretung sie Geld bekommen. Wenn man allein sieht, wieviele bezahlte Arbeitgeberlobbyisten in Reihen der CDU/CDU zu finden sind, dann wundert man sich viel weniger über den Verlauf vieler parlamentarischer Diskussionen. Ich finde es richtig und gleichzeitig noch nicht weitgehend genug.
Detonatorix 05.07.2007
5.
Ich bin doch auch gläsern, oder nicht? Als Angestellter ist es mir untersagt - bei 40 Stunden Woche - ohne Zustimmung meines Arbeitgebers einen weiteren Job anzunehmen. Vielleicht würde er mir aber dennoch gestatten, am Wochenende ein wenig meiner Berufung zu folgen, nämlich das Licht des Wissens zu den Ahnungslosen zu tragen. Den Job wäre ich dann wohl aber los, wenn sich herausstellen würde, dass ich dabei (1) eigentlich nur aus firmeninternen Papieren berichten würde und (2) dafür weitaus mehr Geld bekäme (sagen wir Faktor 13) als ich regulär auf meinem monatlichen Gehaltszettel stehen hätte. Also reich wäre im Gegensatz zu ihm. Ich schätze mein Chef würde mir nicht glauben, dass das alles nur zum Besten seiner Firma geschehen würde. Er würde mich rauswerfen. Oder mich zwingen, sehr genau darüber zu berichten was ich da im Detail mache. Und dann beim ersten Verdacht der Illoyalität rauswerfen. Mehr will ich doch auch nicht. Soviel Glas muss sein. Detonatorix
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