Politikveteran Glos "Ich habe Kollegen durch Alkohol sterben sehen"

Er redet sich den Frust von der Seele: Im SPIEGEL spricht Michael Glos offen darüber, dass er auf den Job als Wirtschaftsminister nicht vorbereitet war. Auch rechnet der CSU-Mann mit dem aus seiner Sicht von einsamen Karrieristen dominierten Politikbetrieb ab.
Michael Glos: Seit 35 Jahren sitzt der CSU-Politiker im Bundestag

Michael Glos: Seit 35 Jahren sitzt der CSU-Politiker im Bundestag

Foto: A3749 Steffen Kugler/ dpa

Michael Glos

Hamburg - wurde oft belächelt. Aber eins muss man dem früheren Bundeswirtschaftsminister und langjährigen CSU-Landesgruppenchef lassen: Er ist unter all den glatten Politikern so etwas wie einer der letzten echten Charaktertypen.

Nun geht Glos mit dem deutschen Politikbetrieb scharf ins Gericht. "Es dreht sich heute viel zu viel um die Show", sagte er dem SPIEGEL. "Als ich in der Politik anfing, gab es zwei Fernsehanstalten. Es wurde weniger diskutiert, ob jetzt einer einen gestreiften oder einfarbigen Anzug trug. Ob die Krawatte zum Anzug gepasst hat. Mein Ehrgeiz war es nie, Krawattenmann des Jahres zu werden."

In dem Gespräch über seine lange politische Karriere kritisierte Glos auch die gestiegene Zahl von reinen Berufspolitikern im Bundestag. "Es gibt zu viele Karrieristen, die sich selbst zu wichtig nehmen", sagte er. "Jeder ist sich selbst der Nächste. Alle sind Konkurrenten. Jeder möchte ein Stückchen weiterkommen. Das alles macht einsam."

Ein Abgeordnetenleben in der Hauptstadt sei "ein permanenter Ausnahmezustand", sagte der CSU-Politiker, der seit 35 Jahren dem Bundestag angehört. Die Versuchungen seien vielfältig. "Ich habe Kolleginnen und Kollegen durch den Alkohol sterben sehen. Das hat auch etwas mit der Einsamkeit des Politikers zu tun." Er habe "tragische Schicksale erlebt, bis hin zum Freitod".

Freimütig gestand Glos ein, dass er von seiner Berufung zum Wirtschaftsminister im Herbst 2005 überrumpelt worden und für die Aufgabe nicht vorbereitet gewesen sei: "Ich wusste damals nicht mal, wo dieses Wirtschaftsministerium genau stand. Ich habe sogar in der Nähe gewohnt, aber es hat mich nie interessiert. Ich hatte kaum eine Ahnung davon, was die Aufgaben dieses Ministeriums sind, um was es sich alles zu kümmern hat."

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