Politische Quereinsteiger Der Alltag entzaubert die Hoffnungsträger

Berufspolitiker stehen auf der Beliebtheitsskala ganz unten - und werden für die Politikverdrossenheit verantwortlich gemacht. Seiteneinsteiger werden dagegen wie Heilsbringer verklärt. Dabei verschärfen sie die politische Vertrauenskrise sogar noch, wenn sie frustriert aufgeben.

Von Robert Lorenz und Matthias Micus


Alle kennen sie, keiner mag sie: die Berufspolitiker. Ihre hervorstechenden Merkmale sind jedem politisch Interessierten hinlänglich bekannt. Unsere Politiker, so heißt es auch in den aktuellsten Darstellungen des Wahljahres von Robin Mishra bis Gabor Steingart unisono namentlich über jene in Berlin, seien unfähig und entscheidungsschwach, mit den drängendsten Problemen würden sie nicht fertig. Von der Gesellschaft und ihren Anliegen hätten sie sich abgekoppelt und ohnehin nur ihr eigenes Wohl im Kopf, über das sie, Stichwort: Diätenerhöhung, zu allem Übel auch noch selbst bestimmen können.

Michael Naumann: Quereinsteiger fremdeln nicht selten in der Politik
DDP

Michael Naumann: Quereinsteiger fremdeln nicht selten in der Politik

Vor diesem düsteren Szenario erstrahlen die Seiteneinsteiger in hellstem Licht. Sie sind die Hoffnungsträger und Wunderknaben der Politikkundigen, ein jeder ein potentieller Barack Obama. Seiteneinsteiger, also Erfolgreiche in nichtpolitischen Berufen, die quer direkt in ein politisches Spitzenamt überwechseln, zeichnen sich dem öffentlichen Urteil zufolge durch ein großes Fachwissen aus. Sie sind primär an der Sache orientiert, glaubwürdig und obendrein unabhängig, da sie sich schon finanziell eine abweichende Meinung leisten können und keinem Oktroi beugen müssen.

Blickt man indes genauer hin, entpuppen sich all die scheinbaren Gewissheiten über Berufspolitiker und Seiteneinsteiger rasch als Klischees. Berufspolitiker - eine neuartige Erscheinung? Tatsächlich lässt sich nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob ihre Zahl in den vergangenen 30 Jahren überhaupt gestiegen ist. Unabhängig davon, dass auch die Idole der prominenten Diagnostiker einer Politikerverdrossenheit außer Politik nicht viel gemacht haben, seien es Konrad Adenauer, Willy Brandt oder der gegenwärtig lagerübergreifend gefeierte Helmut Schmidt.

Sind Berufspolitiker durch ihre Parteien fremdgesteuert? Ein Blick auf die Seiteneinsteiger-Nation USA wirft die Gegenfrage auf, ob Seiteneinsteiger nicht mindestens so abhängig sind von parteifernen Partikularinteressen, zum Beispiel Wirtschaftsunternehmen, wie Parteisoldaten von ihrer Partei. Die politische Klasse ist abgekoppelt und hat bloß ihr eigenes Wohl im Kopf? In Wirklichkeit sind die Einkünfte von Spitzenpolitikern im Vergleich mit anderen Elitegruppen - wiederum beispielsweise aus der Wirtschaft - eher niedrig, und der Verdacht liegt nahe, dass das Recht zur Selbstfestlegung aufgrund des Hautgouts, das jeder Diätenerhöhung anhaftet, eher zu Selbstbescheidung als ungehöriger Bereicherung führt.

Um schließlich beurteilen zu können, ob Berufspolitiker wirklich unfähig sind, muss erst mal geklärt werden, was Politiker können müssen, ja noch allgemeiner: was Politik überhaupt ist. Von Adenauer stammt das Bonmot, er kenne viele Menschen, die jahrelang politisch tätig seien und dennoch nicht wüssten, was Politik ist. Er kenne sogar, so der Altkanzler mit Blick auf Ludwig Erhard seinerzeit weiter, einen Bundesminister, der keine Ahnung von Politik habe.

Folgt man Adenauer, geht es in der Politik nicht bloß um "die Sache". Politiker müssen vielmehr stets die Situation beachten, in der die Sachfragen stehen. Sie wissen, dass ein selbstgestecktes Ziel zu erreichen, eine große Varianz in der Wahl der Mittel und Methoden erfordert; dass die eigenen Vorstellungen stets an den aktuellen Verhältnissen kritisch überprüft werden müssen, sollen sie nicht zu Schablonen erstarren; und dass für den Erfolg eines Politikers die Kenntnis und der richtige Umgang mit den übrigen Beteiligten unerlässlich ist.

Ein Politiker, wie Adenauer ihn verstand, muss folglich über Instinkt und Einfühlungsvermögen in die jeweilige Situation wie auch die Interessen seiner Verhandlungspartner verfügen. Er darf sich durch eigene Vorannahmen und Urteile des Weiteren nicht die Wahrnehmung kurzfristiger Handlungsspielräume vernebeln lassen, muss also über eine große situative Intelligenz und eine ebenso ausgeprägte Fähigkeit zum Zuhören verfügen.

Politische Führung ähnelt insofern beinahe der Quadratur eines Kreises, Politiker müssen sich gleich ein ganzes Bündel verschiedenster, miteinander bisweilen auch kollidierender Fertigkeiten aneignen. Sie brauchen Entscheidungskompetenz und müssen Probleme wie Lösungswege rasch erfassen können, wozu ein feines Gespür für das richtige Timing, Selbstvertrauen und Entschlussfreude notwendig sind.

Andererseits erfordert die Verhandlungsdemokratie der Bundesrepublik ganz elementar auch Kooperationswillen, als dessen Grundlagen Fairness, Verlässlichkeit und Geduld gelten. Und zu alledem müssen Politiker auch noch gesellig und kontaktfreudig im Umgang mit dem Wahlvolk, selbstinszenierungsbegabt gegenüber den Medien und allgemein ehrlich, anständig und vorbildhaft sein.

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Seite 1
Satiro, 19.02.2009
1.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Weil die Karriere von Berufspolitern mit dem Kleben von Wahlplakten bereits im frühen Jugendalter beginnt.
jajokat 19.02.2009
2.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Klar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
stefkarr 19.02.2009
3. Ich frage mich
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
wer denkt sich immer diese Themen aus? Wie kann man nur annehmen, dass "Berufspolitiker" eine Selbstverständlichkeit wären? Es hat sich so eingebürgert, dass sich einige Herrschaften in unsrem Land auf den gut bezahlten Sesseln bequem gemacht haben. Der Eid den sie schwören "Schaden vom deutschen Volke ab zuwenden", wird alleine dadurch gebrochen, dass die Herrschaften so lange in Ihren Ämtern verweilen. In unserer Verfassung gibt es den "Berufspolitiker" nicht, auch nicht in den einschlägigen Gesetzen. Berufspolitiker sind Menschen, die das nicht einhalten, was Sie von der Masse erwarten: Flexibilität und Mobilität im Arbeitsleben. Berufspolitikter sind im Laufe der Zeit weg vom Alltagsleben, das 95% der Bevolkerung leben. Berufspolitiker sind Marionetten der Lobby. Sie sind mit Sicherheit alles das, was die Gründerväter unserer Repuplik nicht wollten: Fern vom Volk, gekauft von Lobbyisten. Für mich sind Sie des weiteren, genau dass was Sie selbst glauben was Harz-IV-Empfänger seien: Sozialschmarotzer, aber mit weit aus höheren monatlichen Bezügen. Und mit dem Unterschied, dass Sie mit Ihrer Machtfülle großen Schaden anrichten, was man von Harz-IV-Empfängern nicht sagen kann. Wir brauchen keine Quereinsteiger, sondern einfach nur Politiker die sich spätestens nach 2 Legislaturperioden verabschieden, dann ist das Thema Ouereinsteiger gelöst, und wir brauchen Quoten im Parlament, vom Handwerksmeister über Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftlern, und nicht wie heute einseitig meist beamtete verschiedener Berufszweige und Juristen. Das Argument, dass damit zuviel Kompetenz verloren ginge, kann so nicht gelten, sonst hätten wir heute nicht den Wirtschaftsminister den wir heute haben!
ANDIEFUZZICH 19.02.2009
4.
Zitat von jajokatKlar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
Klasse! Was ist eigentlich aus dieser deutschen Version (ja, ja, bei den Medien kopieren wir alles, da es uns an eigener Fantasie mangelt) von "spitting image" geworden? Mit dieser Besetzung könnte man den Brüller des Jahres landen!
bürger mr 19.02.2009
5. Ii
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Warum? - Da sitzen doch zum Großteil Beamte .
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